Julianne Moore über "Gloria"-Remake "Natürlich hatte ich Lust darauf"

Wenn ihr ein Film gefällt, bittet sie den Regisseur um ein Treffen - das ist das Privileg, wenn man Julianne Moore heißt. Manchmal entsteht daraus dann gleich ein Remake, erzählt sie über ihren neuen Film "Gloria".

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Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Miss Moore, Ihr neuer Film "Gloria - Das Leben wartet nicht" ist das Remake des gleichnamigen chilenischen Films von 2013, inszeniert vom gleichen Regisseur. Stimmt es, dass dieses Projekt Ihre Idee war?

Julianne Moore: Als ich mich zum ersten Mal mit dem Regisseur Sebastián Lelio traf, gab es ein Missverständnis. Sein erster "Gloria"-Film hatte mich so berührt, dass ich Kontakt zu Sebastián aufgenommen hatte. Als ich das nächste Mal nach Europa kam, verabredeten wir uns in Paris. Ich wollte unbedingt mit ihm arbeiten, aber der Gedanke an ein Remake von "Gloria" war mir noch gar nicht gekommen. Er dagegen hatte gehört, dass ein Remake von "Gloria" für mich nicht in Frage käme. Zum Abschied sagte er dann: "Schade, dass du keine Lust auf 'Gloria' hast" - und ich fiel aus allen Wolken. Denn natürlich hatte ich Lust darauf. Unter der Bedingung, dass er selbst wieder Regie führt.

SPIEGEL ONLINE: Machen Sie das häufig, dass Sie sich konkret an Filmemacher wenden, mit denen Sie arbeiten möchten?

Moore: Nicht ständig, aber immer mal wieder. Wenn Filme bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen, ist es mir einfach eine Ehre, den Menschen kennenzulernen, der dieses Werk geschaffen hat. In der Position zu sein, einen Kontakt herstellen und um ein Treffen bitten zu können, ist ein enormes Privileg, dass man als junge Schauspielerin natürlich selten hat. Warum sollte ich davon nicht Gebrauch machen? Zu einer tatsächlichen Zusammenarbeit führen solche Begegnungen eher selten, meistens ist das einfach nur ein nettes Treffen. Aber man kann nie wissen, wie "Gloria" zeigt.

SPIEGEL ONLINE: Zu wem haben Sie denn zuletzt Kontakt aufgenommen?

Moore: Ich habe Chloe Zhao einen Brief geschrieben, der Regisseurin des fantastischen Films "The Rider". Mal sehen, was daraus noch wird.

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"Gloria" mit Julianne Moore: Tanzend einsam

SPIEGEL ONLINE: Remakes sind allerdings trotzdem bei vielen Cineasten ein wenig verpönt, vor allem abseits des großen Mainstream-Kinos.

Moore: In den USA ist es ja schon immer üblich, dass ausländische Filme noch einmal gedreht werden. Einfach, weil der Großteil des amerikanischen Publikums diese Filme nicht zu sehen bekommt. "Gloria" ist keine Ausnahme. Gerade wurde ein Remake von Ruben Östlunds "Höhere Gewalt" gedreht, und eines von "Shoplifters" ist auch in Arbeit. Auch, dass Regisseure ihre eigenen Arbeiten noch einmal verfilmen, ist nichts Neues. Warum auch nicht?

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht als Schauspielerin langweilig, eine Rolle zu übernehmen, die jemand anderes schon einmal gespielt hat? Gerade wenn man - wie Sie bei "Gloria" und Paulina Garcia - so begeistert davon ist?

Moore: Starke Geschichten können es ab, mehrmals erzählt zu werden. Passiert ja am Theater auch immer wieder. Man wird jedenfalls keine Shakespeare- oder Tschechow-Rolle finden, die nicht schon mal eine tolle Kollegin gespielt hat. Oder denken Sie beim Kino an "A Star Is Born". Da gibt es mittlerweile vier verschiedene Film-Versionen. Und Lady Gagas tolle Performance mindert nicht die von Judy Garland oder andersherum. Mir war nur wichtig, dass Paulina Garcia kein Problem damit hat, dass wir diese Geschichte noch einmal erzählen. Und die Sorge nahm Sebastián mir schnell.

SPIEGEL ONLINE: Gloria ist ja eigentlich eher eine Art graue Maus. Was interessierte Sie daran, einen so vollkommen normalen Menschen zu verkörpern?

Moore: Genau das. Menschen wie Gloria sind im Kino sonst ja höchstens Nebenfiguren. Und selbst in ihrem eigenen Leben ist sie manchmal eine Nebenfigur. So hat Sebastián das ja auch gefilmt: Immer wieder sieht man Szenen, in denen Gloria nur Zuhörerin einer Diskussion ist, aber wir erleben alles aus ihrer Sicht. Dieser wundervoll humanistische Ansatz hat mir einfach gut gefallen: Eine Frau in den Mittelpunkt zu rücken, um die sich sonst selten alles dreht.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie immer up to date, was spannende, neue Filme angeht?

Moore: Ich gucke so viele Filme, wie ich kann. Sowohl im Kino als auch zu Hause auf dem Sofa. Natürlich kommt man nie wirklich hinterher und ich habe immer das Gefühl, nicht annähernd so viel gesehen zu haben, wie ich sollte. Aber mein Sohn hilft mir da auf die Sprünge. Der ist inzwischen auf dem College, wo er auch ein paar Filmkurse belegt, und weiß immer genau, was man unbedingt sehen muss.

SPIEGEL ONLINE: Gerade haben Sie noch eine andere Gloria gespielt, nämlich die Feminismus-Ikone Gloria Steinem, für den Film "The Glorias", der kommendes Jahr in die Kinos kommen wird. Eine Frau, die Ihnen persönlich etwas bedeutet?

Moore: Oh ja, ich halte Steinem für eine der wichtigsten und einflussreichsten Frauen des 20. Jahrhunderts. In der amerikanischen Frauenbewegung war sie eine der treibenden Kräfte. Und ich bewundere sie für ihre Toleranz, ihre Geduld, ihr Verständnis und auch ihre Sprache. Diese Überzeugung, dass wir Menschen gleichberechtigt und miteinander verbunden sind, statt uns in einer hierarchischen Rangordnung zu befinden, wurde zu einer Maxime für mich.

Im Video: Der Trailer zu "Gloria - Das Leben wartet nicht"

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SPIEGEL ONLINE: Wann fingen Sie denn an, sich selbst als Feministin zu bezeichnen?

Moore: Schon als Kind, so mit elf oder zwölf Jahren. Damals erreichte die zweite Welle der Frauenbewegung ihren Höhepunkt, und meine Mutter trichterte mir und meinen Geschwistern früh ein, dass es da auch um uns und unsere Rechte geht. Für mich hatte das Wort deswegen auch nie negative Assoziationen. Wer feministisch ist, glaubt an gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Gleichberechtigung der Geschlechter. Was könnte daran schlecht sein?

insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
.patou 23.08.2019
1.
Großartige Schauspielerin und ihre Bemerkungen über Remakes und das Theater bringen die Sache auf den Punkt. Der Film ist bestimmt auch gut. Trotzdem würde ich bei dieser Besetzung der beiden Hauptfiguren immer an "The Big Lebowski" denken müssen.
mussich 23.08.2019
2. bitte nicht
nicht jedes Remake sollte erlaubt sein, besonders bei so einem großartigen Original. Allerdings hätte ich da einen Vorschlag: Casablanca mit the Rock.
jokordo 23.08.2019
3. Danke Julianne für diesen Schlusssatz
"Wer feministisch ist, glaubt an gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Gleichberechtigung der Geschlechter. Was könnte daran schlecht sein?" Eine so simple und heutzutage leider nicht triviale, und daher außerordentlich wichtige Aussage.
.patou 23.08.2019
4.
Zitat von mussichnicht jedes Remake sollte erlaubt sein, besonders bei so einem großartigen Original. Allerdings hätte ich da einen Vorschlag: Casablanca mit the Rock.
Aber ein - möglicherweise auch verpatztes - Remake macht das Original doch nicht weniger großartig, wie Julianne Moore in dem Interview ganz richtig anmerkt. Ich habe in diesem Fall zwar die Originalversion nicht gesehen, wüsste aber grundsätzlich nicht, was dagegen spricht. Zumal mit Lelio ja sogar der Regisseur derselbe ist.
noalk 23.08.2019
5. Remakes sind ... trotzdem bei vielen Cineasten ... verpönt
Bei diesem Film wohl zu recht. Ich kenne das Original und habe den Trailer zum Remake gesehen - wenig begeisternder US-Mainstream.
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