Julianne Moore Zarte Kannibalin

Als nervenschwache Ehefrau glänzt Julianne Moore in dem Berlinale-Gewinner (Goldener Bär) "Magnolia". Ein Gespräch über Magie vor der Kamera, geföhnte Schamhaare und ihre Nachfolge von Jodie Foster bei der "Hannibal"-Verfilmung.

Von Ulrich Lössl


Hat kein Problem mit Pornos ("Boogie Nights"), Dinos ("Jurassic Park 2") und Fleischfressern ("Hannibal"): Julianne Moore
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Hat kein Problem mit Pornos ("Boogie Nights"), Dinos ("Jurassic Park 2") und Fleischfressern ("Hannibal"): Julianne Moore

SPIEGEL ONLINE:

Sie waren für "Das Ende einer Affäre" für den Oscar als Beste Schauspielerin nominiert. Motiviert Sie so etwas bei Ihrer Arbeit zusätzlich?

Moore: Natürlich freue ich mich darüber, aber motiviert werde ich vor allem durch die Herausforderung, die jede Rolle an mich stellt. Und durch den Stoff. Ebenso fühle ich mich auch immer von einem guten Regisseur angespornt oder meinen Schauspielerkollegen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mit Robert Altman und zuletzt mit Paul Thomas Anderson für "Magnolia" gearbeitet, also mit Regisseuren, die sehr viel Wert auf die Interaktion zwischen den Schauspielern legen...

Moore: ...und nicht nur das: Die beiden verbindet vor allem die große Liebe zum Filmemachen und der Respekt, den sie ihren Schauspielern entgegenbringen.

SPIEGEL ONLINE: In Altmans "Short Cuts" föhnen Sie sich beim Telefonieren die Schamhaare, was Ihnen 1993 den internationalen Durchbruch bescherte. Seitdem haben Sie noch in manch anderem Film gern die Hüllen fallen lassen...

Moore:...was heißt gern...ich habe keine Probleme, mich nackt vor der Kamera zu zeigen - allerdings muss es sinnvoll sein. Aber glauben Sie mir: Manchmal steht man mit einem hochgeschlossenen Kleid nackter da als im Evakostüm. Es kommt immer darauf an, wie sehr man sich emotional entblößen will und kann.

SPIEGEL ONLINE: Fallen Ihnen Kuss-Szenen leicht?

Moore: Es kommt darauf an. Jemanden zu küssen ist auf jeden Fall viel intimer, als sich mit ihm splitternackt in irgendwelchen Laken zu wälzen.

SPIEGEL ONLINE: Wer küsst besser: Hugh Grant, Mark Wahlberg oder Ralph Fiennes?

Moore: (Lacht) Das würden Sie wohl gerne wissen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist für Sie das Wichtigste beim Schauspielern?

Moore: Ich muss fähig sein, Gefühle auszudrücken, und man darf unter keinen Umständen die Person, die man darstellt, auf irgendeine Weise zensieren. Mit der Zeit entwickelt man so etwas wie einen sechsten Sinn für das Seelenkostüm der jeweiligen Person. Schauspielern ist eine permanente Suche nach der Wahrheit.

SPIEGEL ONLINE: Wahrheit? Aber als Schauspieler lügt man doch ständig. Man gibt vor, etwas zu sein, was man eigentlich nicht ist.

Moore: Das ist zwar richtig, aber trotzdem gibt es eine innere Wahrheit, die es bei sich und der Rolle zu entdecken gilt. Das ist sehr schwer zu erklären. Als Schauspieler muss man absolut authentisch sein. Die Zuschauer merken sofort, wenn man sie belügt.

SPIEGEL ONLINE: Haben nicht die meisten Zuschauer blindes Vertrauen zu ihrem Star?

Moore: Das wäre ja schrecklich. Ich glaube auch nicht, dass der Zuschauer ins Kino geht um einen Star zu sehen, sondern immer sich selbst - meinetwegen in idealisierter Form.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind ziemlich gut im Geschäft - allein im letzten Jahr haben Sie fünf Filme gemacht. Fühlen Sie sich nie müde oder ausgebrannt?

Moore: Ich hole mir viel Energie von der Schauspielerei. Manchmal erlebe ich dann ja tatsächlich so etwas wie einen magischen Moment. Da fängt alles an zu fließen, und man fühlt sich irgendwie auf einer höheren Ebene... Davon kann ich wochenlang zehren. Und dann gibt es noch meinen Mann und meinen zweijährigen Sohn, die mir sehr viel Power geben. Ich bin eine rundherum glückliche Frau. (Lacht) Was kostet die Welt?

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich diese Frage auch gestellt, als Sie Jodie Foster als neue Clarice Starling in der "Hannibal"-Verfilmung beerbten?

Moore: Jodie Foster war als Clarice in "Das Schweigen der Lämmer" fantastisch. Es ist also eine große Herausforderung für mich, die Rolle mit neuem Leben zu erfüllen.

SPIEGEL ONLINE: Stört es Sie nicht, dass Sie dabei selbst zur Kannibalin werden?

Moore: Psst! Verraten Sie doch nicht alles.



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