"K-Pax" Das Alien auf der Couch

In Iain Softleys Kino-Drama "K-Pax" beleuchten Kevin Spacey und Jeff Bridges das Verhältnis zwischen Psychiater und Patient von einer interessanten neuen Seite. Doch was als gelungenes Verwirrspiel beginnt, endet in einem fragwürdigen Finale.
Von Daniel Haas



"Wer ist es heute? Jesus Christus oder Johanna von Orleans?" fragt der Psychiater Dr. Powell (Jeff Bridges) gelangweilt, als ein neuer Patient eingeliefert wird. Er kennt sie alle, die Verkleidungsformen des Wahnsinns, die Maskeraden des Irreseins. Diesmal aber hat er es mit Prot zu tun, und Prot lebt buchstäblich auf einem anderen Stern. K-Pax heißt der Heimatplanet, auf den der extraterrestrische Besucher bald wieder zurückkehren wird; sein Aufenthalt auf Mutter Erde war nur eine Stippvisite.

Natürlich wandert dieser Prot nicht ungehindert durch Manhattans Straßen, sondern gleich in die geschlossene Abteilung. Dort wird er zum Sonderfall, zum Wahnsinnigen deluxe: Er ist klug, zivilisiert, trägt grundsätzlich Sonnenbrille, ist resistent selbst gegen stärkste Psychopharmaka und überrascht seine Umwelt mit fulminantem Wissen über Astrophysik.

Kevin Spacey ("American Beauty") spielt diesen Prot mit einer tatsächlich ans Überirdische grenzenden Gelassenheit. Man sieht ihm gerne zu, wie er eine Banane samt Schale verspeist, um kurz darauf lakonisch anzumerken: "Allein eure Naturerzeugnisse waren die Reise wert." Gut die Hälfte des Films darf er uns und seine Mitwelt verblüffen, faszinieren und gehörig durcheinander bringen: Ist er wirklich ein kosmischer Studienreisender? Sind seine Sanftmut, seine Intelligenz, sein Humor wirklich Insignien eines höheren Wesens, das als interstellarer Tourist die Antiquiertheit des Menschen studiert?

Iain Softleys Drama wird diese Frage beantworten, so rest- und humorlos, dass man sich selbst auf jenen Stern wünscht, von dem Prot zu kommen meint. Das Andere, Fremde, Unerklärliche, es darf sich der Ordnungsmacht des Rationalen nicht entziehen, und so manövriert "K-Pax" seine Helden in eine altbekannte Konstellation: Hier der Therapeut als Statthalter bürgerlicher Aufklärung, ein Detektiv im Feld des Abnormen. Dort der vorgeblich große Kranke, der andere nicht ins Unbekannte, sondern zu sich selber führt. Dr. Powell recherchiert den Fall Prot und ermittelt das Trauma hinter der Täuschung. Prot wirkt als nonkonformistisches Korrektiv im konfliktbeschwerten Familienleben des Arztes.

Hier begreift der Film etwas von der grundsätzlichen Symbiose von Wahnsinn und Vernunft - und begeht zugleich seinen schwersten Fehler. Normalität kann sich nur definieren in Abgrenzung von einem Bereich des mutmaßlich Deformierten. Der Konsens, was intakt ist und was nicht, bezieht seine Legitimation immer von der Außenwelt. Doch wirklich krank wirkt dieser spacige Spacey nie: Was das rationale Subjekt grundsätzlich auszeichnet - seine Fähigkeit zum methodischen Zweifel -, leistet das Alien von Anfang an. Wenn er doch Doktor ist, wie kommt es dann, dass er seine eigenen Probleme nicht lösen kann, räsoniert Prot einmal: Konsequenter kann man die Inkonsistenz therapeutischer Allmachtsphantasien nicht in Frage stellen.

Degradiert der zweite Teil des Films - die Aufschlüsselung und Lösung des Falls - Prot vom irre coolen Typen zum typisch uncoolen Irren, verkauft uns der erste eine Mogelpackung. Es ist noch nicht einmal das ideologisch fragwürdige Duell zwischen Wahnsinn und Gesundheit, was hier zu sehen ist, sondern lediglich ein Schlagabtausch der klugen Köpfe. Intellektuelles Bonding für männliche Schlauberger.

Der andere, der tatsächlich nicht integrierte Mensch darf als Identifikationsfigur nicht in Erscheinung treten, auch wenn es ihn gibt in "K-Pax". Es ist nur eine Nebenfigur, sie heißt "Screaming Man" und ist ein Mitpatient von Prot. Dieser Schreier war Portier in einem Apartmenthaus an New Yorks nobler Upper East Side. Irgendwann habe er bemerkt, dass alle, die das Gebäude betraten oder verließen, stanken. Ein konsequenter Gedanke: dass die soziale Ungerechtigkeit oft zum Himmel stinkt und dass man darüber schreien könnte. Doch im gepflegten Parlando des ganz normalen Wahnsinns bleiben selbst Schreie ungehört.

"K-Pax". USA 2002. Regie: Iain Softley. Buch: Charles Leavitt, Gene Brewer (Roman); Darsteller: Kevin Spacey, Jeff Bridges, Mary McCormack, Alfre Woodard; Produktion: Lawrence Gordon Productions, Pathé Pictures, InterMedia Film Equities; Verleih: Universal Pictures; Länge: 120 Minuten; Start: 17. Oktober 2002

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