"Kaltes Land" Der Dreck steht ihr gut

Arbeits- und Geschlechterkampf im Bergwerk: "Monster"-Darstellerin Charlize Theron schlüpfte für "Kaltes Land" erneut in eine Rolle, die Mut zur Hässlichkeit erforderte. Genützt hat es nichts: Das ambitionierte Malochermelodram versuppt im Kitsch.

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Charakterrollen sind Knochenarbeit. Das mag sich Charlize Theron gesagt haben, die irgendwann nicht mehr länger oder zumindest nicht mehr ausschließlich als adrette Blondine neben dem männlichen Hauptdarsteller herum stehen wollte. Für "Monster" fraß sich Theron vor ein paar Jahren einige Kilo an, verwandelte sich in eine soziopathische Serienkillerin und gewann den Oscar. Für "Kaltes Land" schmierte sie sich nun Ruß ins Gesicht und kämpft gegen die sexuelle Belästigung in einem Eisenbergwerk Minnesotas.

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Kaltes Land: Charlize und die Männerfabrik
Die von Theron gespielte Grubenarbeiterin Josey Aimes hat so gut wie alle Menschen gegen sich: den eigenen Mann, der sie schlägt. Den Vater, der sie für ein Flittchen hält und zornig mit ansieht, wie sie in dem Bergwerk anfängt, in dem er selbst seit Jahrzehnten schuftet. Den Boss, der sie nur eingestellt hat, weil ein Gleichstellungsgesetz ihm das vorschreibt. Die Bergwerkkumpel, die eben dieses Gesetz unterwandern, indem sie die wenigen Frauen brutal erniedrigen. Und sogar ihre weiblichen Kolleginnen bringt Josey irgendwann gegen sich auf, weil diese berechtigte Angst haben, durch den von ihr entfachten Arbeitskampf ihren Job zu verlieren.

Viele Gegenspieler für eine einzige Frau. Doch Theron verkörpert die Einzelkämpferin als patente Prollette. Der Dreck steht ihr gut. "Kaltes Land" liegt ein wahrer historischer Fall zugrunde: Mitte der Siebziger strengte eine Bergwerksarbeiterin die erste Klage wegen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz in der amerikanischen Geschichte an, die zwei Jahrzehnte und viele Instanzen später erfolgreich mit einer Millionen Dollar schweren Entschädigung endete.

Die neuseeländische Regisseurin Niki Caro, die schon in ihrem Maori-Abenteuer "Whale Rider" vom Selbstbehauptungskampf einer jungen Heldin in einer von Männern dominierten Welt erzählt hat, komprimiert den Stoff nun zu einem Emanzipationsszenario, das seltsam widersprüchlich wirkt. Denn die anfänglich so rigorose Arbeitsweltbesichtigung endet in Caros erster US-Produktion als konventionelle Hollywoodschmonzette. Unter Krusten von Ruß und Körperausscheidungen lagert - der Kitsch!

Dabei könnten die Attacken der Bergarbeiter auf die Kolleginnen, von denen sie sich um ihr männliches Selbstverständnis gebracht sehen, erst mal nicht drastischer in Szene gesetzt werden. Die Schikanierungsmaßnahmen der Männer sind so abwechslungsreich wie infam: Vom Dildo in der Brotdose über Spermapfützen im Spind bis zu Beleidigungen, die mit Kot an die Wände geschmiert sind, ist alles drin.

Der Bergwerkskosmos ist für die Frauen zweifellos eine feindliche Welt, und vom britischen Kamera-Veteran Chris Menges ("The Killing Fields") wird sie so effizient wie nüchtern fotografiert: Die überdimensionierten Apparaturen - wohnhausgroße Bagger und kirchturmhohe Förderbänder -
werden von den wenigen Arbeiterinnen vor Ort zwar souverän bedient. Mit der Eskalation entfaltet die Technik für sie aber ein bedrohliches Potenzial, das Menges mit quasi-dokumentarischen Unter- und Oberperspektiven ins Bild zu setzen weiß.

So werden in "Kaltes Land" die Schrecken der industriellen Arbeitswelt mit ökonomischem Geschick verbreitet. Was gut mit dem Antrieb der Heldin harmoniert, die aus reiner wirtschaftlicher Notwendigkeit in den Arbeitskampf zieht. So schlicht wie überzeugend bringt Theron die Motivation ihrer Figur auf den Punkt: Sie will ihre beiden Kinder ernähren. Muss sie sich deshalb in den Schritt fassen lassen?

"Kaltes Land" hätte durchaus ein erhellender Film über den anstrengenden weiblichen Widerstand in männlichen Hoheitsgebieten werden können. Regisseurin Caro hätte dazu allerdings zeigen müssen, wie zermürbend und
langwierig so ein Prozess ist. Aber das ist wohl nicht plakativ genug für eine Big-Budget-Produktion dieser Art.

So sucht das Lower-Class-Melodram gegen Ende in einem Verrat am eigenen emanzipatorischen Impetus den maskulinen Beistand. Erst stellt sich der stählerne Macho-Vater (steif: Richard Jenkins) in einem psychologisch völlig unmotivierten Sinneswandel vor die geschmähte Tochter, indem er auf einer Versammlung an den Anstand der zuvor gänzlich schwanz- und
angstgesteuerten Proleten appelliert: Schnauze, jetzt spricht Dad! Und schließlich hält Joseys supererfolgreicher Anwaltfreund (jämmerlich: Woody Harrelson) eine hanebüchene Rede, durch die er den zuvor aussichtslos erscheinenden Prozess in ein rauschendes Siegesfest verwandelt. Eine vom Juristen immer wieder heraus geschrieene Farb-Analogie bringt den Umschwung. Ehrlich, es ist das schlechteste Schlussplädoyer seit der Erfindung des Gerichtsdramas.

So bleibt das Malocherinnendrama am Ende auf der Strecke. Dabei spielt Charlize Theron die aufbegehrende Grubenarbeiterin doch so überzeugend: Hinter der pittoresk verschmutzten Visage tritt die nach Gerechtigkeit und Würde strebende universale Kämpfernatur hervor. Wahrscheinlich ist
es in Hollywood dann doch wie in so vielen anderen Arbeitsverhältnissen: Charakterrollen sind Knochenarbeit - aber den Lohn streichen am Ende männliche Flachpfeifen ein.



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