Katastrophendrama "10 Sekunden" Flugzeuge in meinem Kopf

Ein Frachtflugzeug kracht mit einem Passagierflugzeug zusammen, 83 Menschen sterben. Das Kinodrama "10 Sekunden" lehnt sich an ein wahres Unglück an und verknüpft die Geschichten von drei Traumatisierten, die unfähig sind, mit dem Tod zu leben.

Von Martin Baierlein


Unschuldig schuldig? Auf einer Party gesteht Franziska Hofer (Marie Bäumer) einer unbekannten Frau, dass sie mit ihrem Geliebten da sei. Ihr Mann Markus (Wolfram Koch) sitze zu Hause - so wie er vor einem Jahr als Fluglotse am Monitor saß. "10 Sekunden lang hat er nur geguckt. Und kann nichts machen. Dann waren die beiden Punkte weg. Und 83 Menschen tot." Franziska erzählt mit entrücktem Blick, als sitze sie selber vor dem Bildschirm, auf dem das Ereignis in Endlosschleife abläuft.

Szene aus "10 Sekunden": Protagonisten im Ausnahmezustand
DPA

Szene aus "10 Sekunden": Protagonisten im Ausnahmezustand

Noch weiß sie nicht, dass ihr Mann bald tot sein wird.

Erik (Filip Peeters), der Frau und Kind beim Absturz verloren hat, erschießt den Lotsen Markus Hofer aus Vergeltung. Und auch den Polizisten Harald (Sebastian Blomberg) peinigt das ewige Erinnern als Nicht-Vergessen-Können. Vor einem Jahr war er am Unglücksort und ist besessen vom Gedanken, dass er die Rachetat am Lotsen hätte verhindern können. Schließlich zieht auch er die Pistole.

Es sind große Fragen des Lebens, mit denen sich Regisseur Nicolai Rohde in seinem Kinodrama "10 Sekunden" beschäftigt: Wer trägt die Schuld am Tode so vieler Unschuldiger? Kann ein Mensch zur Verantwortung gezogen werden, der nur mit Hilfe einer Maschine eine andere Maschine überwacht hat? "Glaubst du eigentlich an Schicksal?", fragt ein Kollege den Polizisten Harald. Der bemüht sich um eine nüchterne Sicht der Dinge und wird doch - selbst Familienvater - besonders tief in den Strudel der Ereignisse gezogen.

Vielleicht zu sehr versucht "10 Sekunden", das Zusammentreffen zweier Familienväter am Unglücksort zu konstruieren. Wird der Polizist schon schuldig, weil er den Mörder am Unglücksort traf, und muss er ihm deshalb jetzt durch ganz Leipzig nachjagen?

Am meisten fasziniert in diesem Film die Konstellation um Franziska, die an der Seite eines traumatisierten Mannes, zwischen Liebhaber und Schwiegermutter ihre Liebesfähigkeit wiederzufinden sucht.

Dabei sind die Dialoge erfreulich knapp, erzählen lange Blicke die vergebliche Suche nach Nähe im Anderen. Die ruhige und fließende Kamera von Hannes Hubach zeigt einsame Menschen in sphärisch überhellten oder geheimnisvoll illuminierten Räumen, die wie Gemälde von Edward Hopper oder Landschaften von Tim Eitel Menschen ihrer existentiellen Einsamkeit ausliefern.

"10 Sekunden" handelt davon, wie die Frage der Schuld die menschlichen Beziehungen der Überlebenden verändert. Doch während etwa in dem Flugzeugabsturzdrama "Fearless" mit Jeff Bridges der Überlebende nach dem Verlust seiner Gefühle schockartig wieder in die Gegenwart und zu seiner Frau zurückkehrt, bleiben die Protagonisten in "10 Sekunden" im Ausnahmezustand.

Dabei zelebriert der Film bei aller Meisterschaft der Schauspieler zu sehr das Trauma. Wenn der zurückgebliebene Ehemann Erik vor seiner Nachtbekanntschaft Daniela (Hannah Herzsprung) an der Unglücksstelle beichtet, fängt die Kamera minutenlang den Ausdruck der Verzweiflung in all seinen Facetten ein. Doch man hat es ja schon verstanden: Alles war schrecklich und wird es auch bleiben. Alptraumartiges Schweben der Kamera, gespenstische Farben und unendliches Ringen um Fassung ermüden zunehmend. Durch das ständige Vor- und Zurückspringen in der Chronologie sehen wir erst am Ende das ganze Puzzlebild - den Absturzort des Flugzeugs - und kennen es doch schon.

Vielleicht ist gerade die Faszination am menschlichen Leiden auch die Falle jedes Katastrophenfilms: Auf dem Sprung zur tragischen Höhe von Schuld und Vergeltung bleibt "10 Sekunden" bei allem künstlerischen Ehrgeiz manchmal doch im Fernsehmelodram stecken, das die Schaulust der Zuschauer so bedient wie die täglichen Katastrophennachrichten.

Denen hat der Film schließlich auch sein Thema entnommen: Die reale Kollision zweier Maschinen 2002 in Überlingen, bei der 71 Menschen ums Leben gekommen sind und ein Angehöriger später den diensthabenden Lotsen erstochen hat. Die menschliche Seite der Tragödie solcher Nachrichten wird hier erzählt, so eindringlich wie es eben geht.

Doch es darf auch gerne etwas weniger sein, damit es sich noch lebendig anfühlt.



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