Gesellschaftskomödie "Love & Friendship" Kate Beckinsale und Chloë Sevigny auf Heiratsmission

Stolz und Nachteil: "Love & Friendship" zeigt eine verarmte Adelige auf Männersuche - eine vergnügliche Persiflage auf adlige Gesellschaftsdramen, frei nach Jane Austen.


Die Schriftstellerin Jane Austen und der Regisseur Whit Stillman sind ein match made in heaven - schlicht füreinander geschaffen. Wie Austen ihre bürgerlichen und adeligen Milieus voll aufmerksamer Zuneigung beobachtet, um sie zugleich sich selbst entlarven zu lassen, findet bei Stillman eine zeitgenössische Entsprechung.

Stillman ist Meister einer eigenartigen Form der Entfremdung, nämlich einer emphatisch empathischen. Mit nur wenigen Filmen - "Metropolitan" und "Damsels in Distress" etwa - hat er eine eigene Handschrift entwickelt und große Erwartungen geweckt.

In "Love & Friendship", seiner Adaption von Austens posthum veröffentlichtem Roman "Lady Susan", vereint Stillman nun erneut, 18 Jahre später, die beiden Stars, die seinen größten Hit "Last Days of Disco" ermöglichten: Kate Beckinsale und Chloë Sevigny.

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Austen-Verfilmung: Mutter sucht einen Mann

Mit ihrem unverwechselbar trockenen Humor, der weniger auf Kosten der Figuren als auf die der Gesellschaft allgemein geht, gehören Stillmans Filme zu dem Vergnüglichsten, was das US-Autorenkino zu bieten hat. Die Filme wirken wie aus der Zeit gefallen und markieren doch genau, wo sie herkommen: nämlich aus einer weißen Mittelschicht, die ganz schön viel damit zu tun hat, aber auch größte Genugtuung daraus zieht, soziale Regeln wie die Etikette für sich zu erfinden (und anderen aufzuerlegen).

Diesen ambivalenten Moment der gesellschaftlichen Übereinkunft, bei der sich natürlich schon bald niemand mehr richtig einig sein kann, so sichtbar zu machen, ist zutiefst subversiv. Aber diese Komponente erschließt sich bei Stillman oft erst auf den zweiten Blick.


"Love & Friendship"

Irland, Frankreich, Niederlande 2016
Regie: Whit Stillman
Drehbuch: Jane Austen (Buchvorlage), Whit Stillman
Darsteller: Kate Beckinsale, Chloe Sevigny, Xavier Samuel, Stephen Fry, Jenn Murray
Verleih: KSM
Länge: 92 Minuten
FSK: 0
Start: 29. Dezember 2016


"Love & Friendship" hingegen ist alles andere als raffiniert. Er ist grob, er ist eine Persiflage - auch ein klassisches Kostümdrama. Der Film spielt wie der Roman im England des 18. Jahrhundert. Alle Werke des Regisseurs haben etwas Künstliches, er gestaltet eine Welt, die selbst Bühne ist, weil sich alle anstrengen, eine Bühnenpräsenz zu haben. Hier erscheint das Performative der Gegenwart (oder eben der Vergangenheit) so klar wie sonst kaum. Die Übertreibungen, die Mühen seiner Figuren, das Expressive, das Ausgesprochene: wegen dieser Eigenschaften wurden die Filme oft mit denen Woody Allens verglichen.

Aber Stillman interessiert sich weniger für Macken oder psychologische Verstrickungen, sondern vielmehr für die gesellschaftlichen Dynamiken. Dynamiken, die wir interpretieren und irgendwie zu fassen versuchen.

Wen darf die von Kate Beckinsale gespielte Mutter, Lady Susan Vernon, heiraten? Da geht es nicht darum, wie diese Figur psychologisch verfasst ist (instabil, raffgierig und geltungssüchtig). Stattdessen interessiert sich Stillman dafür, wie sie sich angesichts der Regeln des Bürgertums und des kleinen Adels verhält und was sie sich durch dieses Verhalten verdient. Zu diesen Regeln gehört natürlich immer die Beobachtung durch andere: Was denken ihre Schwägerin, ihre Tochter, ihre Freundin?

Das ist der Beginn einer Spirale, die kein Ende nimmt, denn wenn Menschen beginnen, über andere zu urteilen, sie zu kategorisieren und zu labeln, wie Stillman es so schön offenbaren kann, dann ist das Urteil über das Urteil über das Urteil nicht weit. Um mehr geht es nicht: Eine Mutter könnte heiraten und will unbedingt ihre Tochter verheiraten, und beide müssen erst mal ein Auskommen finden, solange weder das eine noch das andere erledigt ist. In diesen Zwischenraum schieben sich Familienbeziehungen, romantische Gefühle, Liebesprojektionen und natürlich jede Menge Intrigen.

"Love & Friendship" ist auch deswegen grob, weil die so komplex miteinander verknoteten gesellschaftlichen Beziehungen, wie sie Jane Austen bildhaft werden ließ, eine Gegenkraft brauchen. Die Seile, an denen sich die Menschen wie Marionetten gegenseitig hoch und runterziehen, sie sind so dünn, sie sind so schwer entwirrbar und reißen so leicht, dass eine Farce sie am besten sichtbar macht.

Im Video: Der Trailer zu "Love & Friendship"

Das könnte auch ein Grund dafür sein, warum der Film auf seine Weise Frust produziert. Das satirische Potenzial Jane Austens übersetzt Stillman keineswegs in ein bissiges Sittengemälde, sondern in einen amüsierten Retroblick, bei dem der Einsatz nicht mehr mit der Existenz zu zahlen ist, sondern nur noch mit einem Wimpernschlag.

Wer wird heute auch noch ernsthaft das Bedürfnis verspüren, den Adel aufs Korn zu nehmen? Die Komik von Stillman, der seine Figuren immer ein bisschen aus der Aufsicht hin und herschieben kann, findet im Kostümfilm eine schöne Form, weil die Theatralität der Szenen und die Selbstinszenierung der gesellschaftlichen Gebärden auch einen ästhetischen Selbstwert hat.

Diesen gleichzeitig zu feiern, als legitime Wirklichkeit zu akzeptieren, wie das College-Dasein in "Damsels in Distress" oder das Nachtleben in "Last Days of Disco", und dann eben auch ziemlich deutlich zu brechen, das macht Spaß. Weh tut es nicht.

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
Enkidu 29.12.2016
1. Geht's noch?
"Hier erscheint das Performative der Gegenwart (oder eben der Vergangenheit) so klar wie sonst kaum." Was soll denn das pseudo-intellektuelle Gefasel? Von einer Filmkritik erwarte ich Begleitung und Erläuterung statt Geschwätz, mit dem der Kritiker sich selbst zelebriert, wie "Die Seile, an denen sich die Menschen wie Marionetten gegenseitig hoch und runterziehen, sie sind so dünn, sie sind so schwer entwirrbar und reißen so leicht ..." Geht's noch?
hughw 29.12.2016
2. Welche Hautfarbe sollte
die Mittelschicht im England des ausgehenden 18. Jahrhunderts denn bitte sonst haben, wenn nicht weiß? Hätte Jane Austen schon damals farbige Menschen hinzu erfinden müssen, weil das -heute- politisch korrekt zu sein scheint? Oder was wollte Herr Jaeger mit dem Satz über die -weiße- Mittelschicht sagen? Müssen wir wirklich jetzt auch noch die Geschichte politisch korrekt hinbiegen? Kopfschüttel....
sneakypete 29.12.2016
3.
Zitat von hughwdie Mittelschicht im England des ausgehenden 18. Jahrhunderts denn bitte sonst haben, wenn nicht weiß? Hätte Jane Austen schon damals farbige Menschen hinzu erfinden müssen, weil das -heute- politisch korrekt zu sein scheint? Oder was wollte Herr Jaeger mit dem Satz über die -weiße- Mittelschicht sagen? Müssen wir wirklich jetzt auch noch die Geschichte politisch korrekt hinbiegen? Kopfschüttel....
Ich habe den Artikel jetzt zweimal gelesen. Außer den beiden Wörtern "weiße Mittelschicht" sagt der Text nichts dergleichen. Der Rest wurde von Ihnen hineininterpretiert.
hughw 29.12.2016
4. @ sneakypete
ja und? was wollen Sie damit ausdrücken? Sicher sagt der Text nichts desgleichen, aber warum kommt dann die "weiße Mittelschicht" im Artikel überhaupt vor? Was bitte hat in einer Filmkritik über einen Film der auf einem Roman Jane Austens basiert, die Tatsach zu suchen, dass die Mittelschicht weiß ist? Oder anders ausgedrückt, warum ist diese überhaupt Tatsache des Erwähnens wert? Denn das ist schließlich eine Selbstverständlichkeit. Der Film spielt nun mal im England des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Da ist die Mittelschicht weiß. Die Unter- und die Oberschicht aber auch. Also, was wollte denn Herr Jaeger Ihrer Meinung nach sonst damit sagen, wenn nicht das, was ich da verstanden habe. Für die Filmkritik war es jedenfalls unnötig, die Hautfarbe der Mittelschicht überhaupt zu erwähnen, da die ganze Gesellschaft damals weiß war.
sneakypete 29.12.2016
5.
Zitat von hughwja und? was wollen Sie damit ausdrücken? Sicher sagt der Text nichts desgleichen, aber warum kommt dann die "weiße Mittelschicht" im Artikel überhaupt vor? Was bitte hat in einer Filmkritik über einen Film der auf einem Roman Jane Austens basiert, die Tatsach zu suchen, dass die Mittelschicht weiß ist? Oder anders ausgedrückt, warum ist diese überhaupt Tatsache des Erwähnens wert? Denn das ist schließlich eine Selbstverständlichkeit. Der Film spielt nun mal im England des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Da ist die Mittelschicht weiß. Die Unter- und die Oberschicht aber auch. Also, was wollte denn Herr Jaeger Ihrer Meinung nach sonst damit sagen, wenn nicht das, was ich da verstanden habe. Für die Filmkritik war es jedenfalls unnötig, die Hautfarbe der Mittelschicht überhaupt zu erwähnen, da die ganze Gesellschaft damals weiß war.
Vieles ist in einer Gesellschaftskomödie über die englische Mittelschicht des 18. Jahrhundert selbstverständlich (ich hüte mich das Wort "weiß" zu verwenden, weil das scheint ja mehr Emotionen hervorzurufen, als man meinen sollte). Soll es deswegen nicht in einem Text erwähnt werden? Manch ein Leser, der sich vielleicht noch nicht so intensiv mit englischer Geschichte auseinandergesetzt hat, weiß vielleicht nicht, wie sich diese Mittelschicht zusammensetzte. Vielleicht hat Herr Jäger das Wort auch unbedacht hinzugefügt. Ich persönlich weiß es nicht, denn ich kann nicht in den Kopf des Herren Kritiker hineinschauen. Und Sie können das sicherlich auch nicht. Aus diesem einen Wort aber eine "politisch korrekte" Ideologie spezifisch in Bezug auf diesen Film abzuleiten, ist textwissenschaftlich nicht belegbar. Das wollte ich damit aussagen. Und vielleicht sollte man deswegen nicht zu viel Emotionen und Interpretationen in ein einziges Wort hineinlegen und einfach mal die Ruhe bewahren.
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