Fotostrecke

Filmfestival in Cannes: Das Gute im Menschen, das Böse im Biber

Foto: Pascal Le Segretain/ Getty Images

Kaurismäki und Foster in Cannes Ach du lieber Biber

Gute Laune an der Croisette, den Optimisten Aki Kaurismäki und Jodie Foster sei's gedankt. In ihren neuen Filmen ist das Schicksal gerecht und das Gute im Menschen stark - selbst wenn der Mensch von Hollywood-Hassfigur Mel Gibson gespielt wird, der auch noch von einer Biber-Handpuppe besessen ist!

Zirkusplakate hängen an einer Wand, vor der zwei Schuhputzer auf Kundschaft warten: So fängt Aki Kaurismäkis neuer Film "Le Havre" an, der am Dienstag im Wettbewerb um die Goldene Palme von Cannes läuft. Diese Einstellung wirkt wie das ästhetische Programm von Kaurismäkis Kunst, denn der finnische Regisseur ist ein großer Zauberkünstler des Kinos: Egal, welches noch so trostlose oder traurige Thema er auch anpackt - ob er von afrikanischen Migranten in Schiffscontainern erzählt oder von einer herzensguten Frau auf dem Sterbebett - er verwandelt es am Ende in einen aufbauenden Film.

Wenn Kaurismäki also einen Film über Schuhputzer macht, heißt das für ihn: Er begibt sich auf den harten Boden der Tatsachen, dorthin, wo sich der Schmutz absetzt, um Glanz zu erzeugen. Kaurismäki ist der lakonische Eskapist des Autorenfilms, man sieht ihn immer wieder gern hier in Cannes, auch wenn man seine Tricks inzwischen durchschaut hat: wie er auf die schlimmstmögliche Wendung seiner Geschichte zusteuert und dann die bestmögliche nimmt. Er ist der finnische Sonnenschein von Cannes, man kann sich darauf verlassen, dass er jede Tristesse vertreibt.

Bei der Pressevorführung wurde laut gejubelt, doch wenn "Le Havre" eines Tages ins Kino kommt und dort seinen Alltagstest bestehen muss, werden sich die Zuschauer vielleicht doch etwas an der Willkür stoßen, mit der Kaurismäki der von Kati Outinen gespielten Todkranken eine Wunderheilung zuteil werden lässt. Sie werden sich vielleicht auch fragen, was es bringt, wenn Kaurismäki durch Kostüme und Ausstattung ständig auf die Filme Jean-Pierre Melvilles verweist, und warum man bei ihm die Uhr danach stellen kann, dass irgendwann der Auftritt einer Band die Handlung unterbricht.

In Cannes spürt man in diesem Jahr besonders stark, dass Autorenfilmer wie Kaurismäki oder die Dardenne-Brüder eigene Labels bilden, dass sie Zuschauererwartungen wecken und bedienen. Das Festival ist eine Messe des Autorenfilms, eine heilige Messe, würde Festival-Präsident Gilles Jacob sagen. Vielleicht stimmt das, aber auf jeden Fall ist es eine höchst säkulare Verkaufsmesse. Die so oft behauptete Kluft zu Popcorn-Blockbustern wie "Pirates of the Caribbean 4" ist gar nicht so groß.

Das Autoren-Franchise

Von Film zu Film tauchen bei den Autoren-Franchises immer wieder dieselben Darsteller auf, die Geschichten spielen vor ähnlichem Hintergrund, bei den Dardennes immer in der Gegend um Lüttich, bei Kaurismäki auf einem Hafengelände wie schon "Der Mann ohne Vergangenheit". Die Werke der beiden Belgier drehen sich seit Jahren fast zwanghaft um die Frage, was Menschen für Geld alles tun, und Kaurismäki greift gerne in den Stabilbaukasten bewährter Szenen und komischer Situationen.

Man kann diese Wiederholungen derselben Motive und Strukturen natürlich einfach "Stil" nennen. Man kann aber auch erwidern: Im Western tragen die Bösen ja auch keine schwarzen Hüte mehr. Nachdem auch Terrence Malick in "The Tree of Life" um die gleichen Themen kreiste, die ihn schon vor über 30 Jahren beschäftigten, wird sich in den kommenden Tagen zeigen, ob Lars von Trier oder Pedro Almodóvar, die ja beide eher unberechenbar sind, für etwas Überraschung sorgen können.

Weil sich Hollywood beim Frohsinn nur ungern vom europäischen Kunstfilm überholen lässt, machte Jodie Foster in "The Beaver", der nach seiner Cannes-Premiere in dieser Woche in die deutschen Kinos kommt, aus der Geschichte eines schwer depressiven Mannes ein verblüffend optimistisches Erbauungsdrama. Mel Gibson spielt darin den selbstmordgefährdeten Manager Walter Black, der eines Tages eine Biber-Handpuppe aus Stoff findet und anfängt, durch diese mit der Außenwelt zu sprechen.

Walter spaltet den destruktiven Teil seiner Persönlichkeit ab, doch plötzlich ergreift der Biber mehr und mehr von ihm Besitz. Schließlich weiß Walter sich nur noch zu helfen, indem er mit einer Stichsäge seinen Arm abtrennt. Was ist daran also optimistisch? Dazu muss man sagen, dass Mel Gibson schon immer einen Hang zur Selbstzerstörung hatte, dass er sich in Filmen wie "Zwei tödliche Profis" oder "Braveheart" übel foltern ließ und doch feixend durch die Handlung lief. Wenn Mel also in einem Film einen Arm einbüßt, heißt das noch lange nicht, dass dies die Stimmung irgendwie trüben muss.

Gibson, der nach seinen gewalttätigen und antisemitischen Ausfällen zu Hollywoods Unperson Nummer eins wurde, spielt vielleicht auch deshalb in "The Beaver" so, als wäre dies seine letzte Chance. Er und Foster nehmen die Geschichte zwar ernst, entdecken mit einem feinem Gespür für die richtige Balance aber auch immer wieder höchst skurrile Momente. Und wenn Walter am Ende langsam wieder ins normale Leben zurückfindet, sagt der Film eben ganz pragmatisch: Lieber Arm halb als arm dran.