Hannah Pilarczyk

Streit um geschlechterneutrale Berlinale-Preise Kein Genderstern wird aufgehen

Hannah Pilarczyk
Ein Kommentar von Hannah Pilarczyk
Auf der Berlinale soll es ab 2021 genderneutrale Preise fürs Schauspiel geben. Pro Quote Film und der Schauspielverband protestieren, doch ihre Argumente halten nur bedingt stand.
Sie waren noch nach Geschlechtern getrennt: Berlinale-Preisträger 2020 Elio Germano und Paula Beer

Sie waren noch nach Geschlechtern getrennt: Berlinale-Preisträger 2020 Elio Germano und Paula Beer

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Clemens Bilan / EPA-EFE / Getty Images

Seit 64 Jahren verleiht die Berlinale einen Preis für den besten Schauspieler und einen für die beste Schauspielerin. Im 65. Jahr des Preispaares ist Schluss: Wie die Berliner Filmfestspiele am Montag mitteilten, soll es ab 2021 genderneutrale Auszeichnungen geben - eine für die beste Hauptrolle, eine für die beste Nebenrolle.

"Die Auszeichnungen im Schauspielfach nicht mehr nach Geschlechtern zu trennen, ist ein Signal für ein gendergerechteres Bewusstsein in der Filmbranche", hat das Leitungsduo der Berlinale, Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek, die Änderung begründet.

Das überzeugt bei Weitem nicht alle in der Filmbranche. "Die Berlinale Leitung ignoriert bei ihrer Entscheidung die bestehenden ungleichen Machtverhältnisse die, wie überall, in der Branche und in den Strukturen der Festivals fest verankert sind", heißt es in einem Statement von Pro Quote Film. Der "pseudogenderneutrale Schauspielpreis" werde nichts an "dem System der Chancenungleichheit ändern, weder für Frauen* noch für geschlechtlich diverse Menschen". Es werde im Gegenteil noch verstärkt, so Barbara Rohm, Vorsitzende von Pro Quote Film.

Ähnlich äußerte sich der Deutsche Schauspielverband: "Die Berlinale versucht mit ihrer Entscheidung, politisch korrekter zu sein als korrekt und erweist den wichtigen Zielen zur Erreichung von Gender- und Diversitätsgerechtigkeit im wahrsten Sinne des Wortes einen Bärendienst", sagt Verbandschefin Leslie Malton.

Wenn Preise so viel ändern würden...

Hinter der geharnischten Rhetorik, die unangenehm an den Streit unter Feministinnen über Transphobie erinnert ("Die Kategorie Frau wird abgeschafft!"), steckt allerdings ein gutes Argument: Interessante, gehaltvolle Rollen gibt es für Schauspielerinnen weit weniger als für Schauspieler. Frauen führen seltener Filme an, haben deutlich weniger Szenen und deutlich weniger Wortanteile. Ein gesonderter Preis kann also sinnvoll sein, um die Leistungen von Frauen aus der Masse der männlichen Konkurrenz hervorzuheben.

Aber ändert so ein Preis auch etwas an den größeren Ungerechtigkeiten in der Branche, wie es Pro Quote und der Schauspielverband postulieren?

Wäre dem so, müssten diese Ungerechtigkeiten eigentlich seit Jahrzehnten, im Fall der Berlinale sogar seit 64 Jahren, überwunden sein. Schließlich vergeben alle größeren Festivals und Branchenpreise, von Cannes bis Venedig, von den Emmys bis zu den Oscars, seit ihrem Bestehen nach Geschlechtern aufgesplittete Auszeichnungen. Es ist offensichtlich: Mehr Repräsentation und vor allem mehr Chancen für Frauen haben diese Preise allein nicht gebracht, dazu brauchte und braucht es immer noch viel größere und früher ansetzende Maßnahmen, bei der Ausbildung, bei der Filmförderung, bei der Programmierung.

Preise, die symbolisch so wirkmächtig sind, dass sie Weichen in der Branche umstellen, gibt es nur eine Handvoll - der Regie-Oscar für Kathryn Bigelow war so einer, die Goldene Palme für Jane Campion auch. Bei der Berlinale zieht hingegen noch nicht einmal der Hauptpreis, der Goldene Bär, ein nennenswertes Kinopublikum an. 2021 wird deshalb auch nicht gleich ein weltweit sichtbarer Genderstern über dem Berlinale-Palast aufgehen, wenn zum ersten Mal die genderneutralen Preise vergeben werden.

Aber Preise kann man ändern

Das heißt aber nicht, dass sich bei Preiszuschnitten nichts ändern sollte oder ändern kann. In einer Branche in Bewegung summieren sich im besten Fall die kleinen Änderungen zu einem großen Wandel. Die Abkehr von der binären Aufteilung in Mann und Frau beim Schauspiel kann ein Impuls unter vielen sein, Menschen nicht länger auf tradierte Geschlechterbilder festzulegen. In den USA hat der non-binäre TV-Star Asia Kate Dillon aus "Billions" die Emmy-Academy schon mehrfach dazu aufgefordert. Die MTV Movie & TV Awards haben die Trennung nach Geschlechtern bereits 2017 aufgehoben. Die Preisträger*innen bis dato: Emma Watson, Chadwick Bosman, Lady Gaga.

So viel Umsicht wie bei den MTV Awards kann man auch von der kommenden Berlinale-Jury, die wie üblich paritätisch besetzt sein wird, erwarten. Zwei Preise für sich als Männer identifizierende Darsteller wird es schwerlich geben - dazu ist das Genderbewusstsein in der Branche, übrigens auch dank Initiativen wie Pro Quote Film, mittlerweile zu groß. Sollte es nicht zu einem Ansturm der Filme mit non-binären Darstellenden kommen, ist ein Preis für eine Frau und einer für einen Mann deutlich wahrscheinlicher. Womöglich werden es sogar zwei Preisträgerinnen.

Irgendwann, das ist klar, werden es auch mal zwei Männer sein können. Doch bis dahin hat die Branche hoffentlich aufgeholt und machen sich die Männer zwischen der Gewinnerin für die beste Regie und der Gewinnerin für den besten Film richtig gut.

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