Letzter 007-Film mit Daniel Craig Sein Name ist Bond. Trümmerhaufen Bond

Lange musste die Welt warten: »Keine Zeit zu sterben« kommt ins Kino, der Film treibt die Vermenschlichung des einst coolen Agenten zum Exzess. Denn Bond kämpft gegen Biowaffen – und gegen Liebeskummer.
Daniel Craig als Bond: Wiedersehen macht in »Keine Zeit zu sterben« leider selten Freude

Daniel Craig als Bond: Wiedersehen macht in »Keine Zeit zu sterben« leider selten Freude

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Nicola Dove / Universal Pictures

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Zweimal gibt es wirklich was zu lachen in diesem Film, der als das humorloseste James-Bond-Abenteuer aller Zeiten bezeichnet werden darf – egal ob man ihn spektakulär unterhaltsam oder krawallig vergurkt findet. Einigermaßen komisch ist der Moment, in dem sich eine Frau im Schlafgemach des diesmal sexuell bemerkenswert unterbeschäftigten Helden eine Perücke vom Kopf zieht und er bekennt, er hätte nicht erwartet, dass sie ausgerechnet dieses Teil als erstes ablegt. Sehr viel lustiger ist Bonds Antwort, als eine andere Frau nach seinem größten Fehler fragt. »Mein Timing«, lautet die Antwort.

Rund zwei Jahre nach dem ursprünglich geplanten Kinostart  wurde am Dienstagabend in London die Weltpremiere des neuen Bond-Films »Keine Zeit zu sterben« gefeiert. Dessen Start musste erst wegen eines gefeuerten Regisseurs und dann wegen der Coronapandemie verschoben werden. Zwei Stunden und 43 Minuten dauert der Film, von dem man sagen darf, dass er auch gefühlt keine Minute kürzer ist.

Womöglich letztes Gefecht

In einer frühen Szene sieht man Daniel Craig in der Rolle des James Bond am Steuer eines Autos in eine Schockstarre verfallen, während auf einem Marktplatz in der malerisch verstaubten süditalienischen Stadt Matera jede Menge Gangster auf die allmählich zerplatzenden Panzerglasscheiben des Autos feuern. In Matera wurden auch schon diverse Jesus-Filme gedreht, unter anderem von Pier Paolo Pasolini.

Craig und Co-Darstellerin Ana de Armas: Absurd halbherzig

Craig und Co-Darstellerin Ana de Armas: Absurd halbherzig

Foto: Nicola Dove / Universal Pictures

Und Daniel Craig als James Bond guckt nun wirklich jesusgleich mit sanften Augen auf die Gemeinheit und Gewalttätigkeit der Welt. »Tu endlich was!«, schreit die Frau auf dem Beifahrersitz. Doch Bond bleibt Sekunde um Sekunde gelähmt, als fühle er mit dem Erlöser, der am Kreuz bekanntlich seufzte: »Es ist vollbracht.« Auch James Bond ist offenbar am Ende, er mag nicht mehr – aber in »Keine Zeit zu sterben« tritt er dann doch an, zu einem womöglich letzten Gefecht.

Der aktuelle Bond-Film handelt von einer Biowaffe, die in einem staatlichen Labor, in diesem Fall einem britischen, entwickelt wurde und in falsche Hände geriet. Das Zeug droht, weil die Infektionswege kurz und schnell sind, die halbe Menschheit auszurotten. Eine Story auf der Höhe der Zeit, so scheint es. Die mit Nanotechnologie erstellte Vernichtungswaffe ist in den Händen eines erstaunlich jungen Bösewichts gelandet, der sich einmal als »unsichtbarer Gott« bezeichnet. Er nennt sich Safin und wird von dem Schauspieler Rami Malek dargestellt, der für seinen Einsatz als Freddie Mercury einen Oscar bekam. Hier zeigt er ein von Gift entstelltes Gesicht, das er manchmal hinter einer weißen Maske versteckt.

Wegen des extrem windungsreichen Drehbuchs für diesen Film, der außer in Italien auf Jamaika und Kuba, in London und auf einer einst von russischem Militär genutzten polarnahen Insel spielt, erkennt Bond erst spät, wer sein Gegenspieler ist. Zunächst muss er sich noch ein bisschen mit dem für Bond-Fans bereits bekannten Altschurken Blofeld (Christoph Waltz) herumschlagen.

Held Bond: Auch ein bisschen routiniert

Held Bond: Auch ein bisschen routiniert

Foto: Nicola Dove / Universal Pictures

Wiedersehen macht in »Keine Zeit zu sterben« leider selten Freude. Es ist eine düstere, oft wie von nicht gerade dezenten Farbfiltern verdunkelte Welt, durch die Craigs Bond hier die üblichen und durchaus prachtvollen Verfolgungsjagden und Prügeleien absolviert. Die Gesichtszüge des Helden sind angespannt, die Lippen schmal, der Blick voller Leid. Spaß hat dieser Mann nicht mal, wenn er, aus dem karibischen Ruhestand nach London zurückkehrt, mit seinen alten Getreuen Miss Moneypenny (Naomi Harris) und Q (Ben Wishaw) zusammentrifft oder mit seiner von Lashana Lynch furios gespielten Nachfolgerin im Agentenjob 007 über Einsatzplänen brütet.

Die Hauptsache im neuen James-Bond-Film ist nämlich die: Der früher mal coolste aller Geheimagenten hat, obwohl eigentlich immer noch in Trauer um die im Bond-Abenteuer »Casino Royale« zu Tode gekommene Vesper Lynd (Eva Green), schon wieder schlimmes Herzeleid.

Es ist seine Liebe zu Madeleine Swann, die ihm diesmal zu schaffen macht. Bevor Bonds Einsatz gegen den Biowaffenkiller Safin losgeht, zeigt der Regisseur Cary Fukunaga erst mal, wie ihm fünf Jahre zuvor in Italien die schöne Psychologin Swann, gespielt von Léa Seydoux, das Herz gebrochen hat.

Nach einer von Kerzenschein erhellten Liebesnacht in einem Hotel-Wüstenpalast wird Bond unter Feuer genommen – und erkennt, dass Swann ihn belogen und womöglich auch die Feinde auf ihn angesetzt hat. Er schubst die offenkundig treulose Gefährtin in den nächsten Zug und gelobt, dass es kein Wiedersehen geben werde.

Natürlich zeugt es von Mut, einen Bond-Film in ein Liebesmelodram verwandeln zu wollen, wie es Fukunaga und seinem Drehbuchteam, zu dem auch die gefeierte Regisseurin und Darstellerin Phoebe Waller-Bridge gehört, offenkundig vorschwebte.

Es ist aber absurd halbherzig, wie schnodderig in »Keine Zeit zu sterben« die Wiederbegegnung zwischen Craig und Seydoux dann inszeniert ist. Einerseits wird im neuen Film die Vermenschlichung des Helden Bond zu neuen Exzessen getrieben, wenn er den Zuschauerinnen und Zuschauern als gefühlszermürbter Weichling vorgeführt wird, der erst am Strand von Jamaika als Luxus-Eremit haust oder später wegen der Bedrohung eines Kindes fast in Tränen ausbricht. Andererseits will Fukunagas Film über weite Strecken dann doch bloß rasanten Actionkrawall bieten, was ihm handwerklich glorios, aber auch ein bisschen routiniert gelingt. Unterm Strich ist dieser Film ein Dokument der Konfusion – und ein echtes Kinodesaster.

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Zur Kunst der Bond-Filme gehört nach alter Tradition ein toller Vorspann, der den Zauber der Kinoserie metaphorisch feiert. In früheren Filmen sah man Pistolenläufe und mitunter bedenkliche erotische Traumbilder, rauschhafte Fantasien vom Leben in Glamour und Reichtum, funkelnde Diamanten oder irre Feuersbrünste. In »Keine Zeit zu sterben« sieht man nun ein Spielzeugauto und ein paar Trümmer von antiken Statuen auf den Meeresboden herabsinken. Zum diesmal von Billie Eilish gelieferten Bond-Song wabern Blutschleier um die kaputten Marmorbüsten.

Es ist eine Heldenzertrümmerung, die in diesem neuen Bond-Abenteuer stattfindet. Als habe nicht der Agent im Dienste Ihrer Majestät, sondern der Regisseur die Lizenz zum Killen.

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