Kevin Costners "Open Range" Der letzte Cowboy

Wenn Kevin Costner mal wieder einen Western dreht, dann weiß man, was man zu erwarten hat: Costner als einsamen Wolf, der sich zaghaft zum Helden aufschwingt und den Neuerungen der Moderne mit Pessimismus begegnet. Auch "Open Range" scheitert grandios am Dickkopf seines Regisseurs und Hauptdarstellers.

Von Oliver Hüttmann


Darsteller Costner in "Open Range": Ein Mann muss es tun
Universum Film

Darsteller Costner in "Open Range": Ein Mann muss es tun

Die Westernfilme kehren zurück in diesem Jahr. Doch einer schien dieses Genre nie wirklich verlassen zu haben. Kevin Costner hat seit "Silverado" von 1985 bereits drei genuine Western gedreht, mehr als jeder andere Schauspieler seiner Generation. Zum Western zählen kann man auch die postapokalyptischen Abenteuer "Waterworld" und "Der Postmann" oder seine Rolle als entflohener Sträfling in "Perfect World". Selbst bei den Sportlerdramen "Annies Männer" und "Tin Cup", dem Thriller "Bodyguard" und dem Melodram "Message In A Bottle" oder in "Die Unbestechlichen" agierte er wie der letzte Cowboy. Seine Darstellungen als "Wyatt Earp" und "Robin Hood" unterschieden sich nur in der historischen Kulisse.

Spätestens 1990, nach den Oscars für sein Regiedebüt "Der mit dem Wolf tanzt", hätte Costner jede Freiheit gehabt, seine Charaktere zu variieren. Statt dessen schlurfte, schlug, schoss er sich weiterhin als einsamer Wolf durch die Filme. Gary Cooper, John Wayne und Clint Eastwood wurden so zwar zu Ikonen, aber Costner wirkt immer einen Tick zu wehleidig und kindisch, wie ein störrischer Junge, um das Siegel der Coolness zu erhalten. Und nur selten gelingt es ihm, über eine Filmlänge hinweg imposanter zu erscheinen als seine Mitschauspieler, selbst wenn es sich dabei um ein Leichtgewicht wie Don Johnson in "Tin Cup" handelt.

In "Open Range" reitet er nun an der Seite von Robert Duvall. Eigentlich kann Costner einem solchen Kaliber nichts entgegensetzen. Allerdings ergänzen sich beide hervorragend in ihren Rollen als stoische Cowboys. Sie sind so genannte "freegrazer". Mit ihren paar Kühen, einem Planwagen, dem einfältigen dicken Mose (Abraham Benrubi) und dem jungen Button (Diego Luna) ziehen sie im Mittleren Westen von einer Weide zur anderen. Costner spielt als Charlie Waite wie immer: verschlossen, mürrisch, innerlich unruhig. Manchmal weist er aufbrausend das ungestüme Greenhorn Button zurecht. Dann schlichtet mit wenigen Worten der alte Boss Spearmint, den Duvall mit der Entschlossenheit und Ruhe der Erfahrung verkörpert.

"Freegrazer" Costner, Duvall: Harmonie unter Männern
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"Freegrazer" Costner, Duvall: Harmonie unter Männern

Von der ersten Szene an merkt man, dass Costner hier Zuhause ist. Liebevoll und respektvoll schweift die Kamera über das saftige, endlos scheinende Weideland. Und obwohl die Bilder monumental und majestätisch sind, raubt Costner dieser Natur nie ihre Natürlichkeit. Ebenso herzlich geht er bei aller rauhen und kantigen Art mit den vier Männern um. Ohne Eile stellt er ihre Charakterzüge vor, detailliert und anhand von Kleinigkeiten. Das bleibt zwar immer skizzenhaft, allerdings wissen die Männer selbst auch nur wenig voneinander. Ihre Harmonie untereinander stellt er aber ebenso wenig in Frage wie ihren Einklang mit der Landschaft.

Das zeigt er besonders beeindruckend in einer Sequenz, als Charlie und Boss nebeneinander auf ihren Pferden hocken. Die Kamera filmt sie von hinten und leicht unten, so dass sie fast eins werden mit den Horizont und den schweren Wolken am Himmel. Ihr Blick ist stets in die Ferne gerichtet, als sie miteinander reden, zwischen den knappen Sätzen liegen lange Pausen, und obwohl sie eine folgenreiche Entscheidung treffen müssen, schwingt in ihren Stimmen kein Pathos, sondern vollstes Vertrauen zueinander und Verständnis füreinander mit.

Charlie und Boss meiden Ortschaften, weil es dort nur Ärger gibt. So kommt es auch, als sie Mose zum Kauf von Proviant in eine Stadt schicken. Harmonville heißt die Ansammlung von Holzhütten, wo der despotische Rancher Baxter (Michael Gambon) das Sagen und auch den Sheriff gekauft hat. Der hasst frei umherziehende Cowboys, lässt den gutmütigen Hünen Mose erschießen und - Gipfel der Niedertracht - auch dessen kleinen Hund. Nachdem Charlie und Boss den arg verwundeten Button bei einem Arzt und dessen Schwester Sue (Annette Bening) abgeliefert haben, bereiten sie sich auf den Showdown mit Baxter und seinen Männern vor.

Showdown mit Schießerei: "Erbarmungslos" für Arme
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Showdown mit Schießerei: "Erbarmungslos" für Arme

Das ist eine klassische Situation im Western, mit der Costner vor allem "Zwölf Uhr mittags" zitiert. Sue nimmt den Part von Grace Kelly ein, Charlie den von Gary Cooper. Boss drängt ihn sogar ein wenig, sich für die Zukunft zu entscheiden, und alle in der Stadt halten die zwei Fremden bereits für tot. Doch, okay, ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss. Vor allem lässt ein echter Mann seinen Gefährten nicht in Stich. Da Costner diese Haltung mit so viel Würde und Wehmut vermittelt, wirkt sie doch nicht starrsinnig. Charlie und Boss wissen, dass sie am Ende eines langen Weges stehen und lassen sich ihre Freiheit doch nicht nehmen.

So behäbig wie der ganze Film verläuft dann auch der Showdown. Quälend, roh und direkt ballern die Männer so lange aufeinander, bis der Gegner tot zusammenbricht. Weder schnelle Schnitte noch Zeitlupe oder artistische Action machen aus dem Blutbad ein Spektakel mit Unterhaltungswert. In dieser Drastik ähnelt "Open Range" dann "Erbarmungslos" von Clint Eastwood, zudem beide Filme von David Valdes produziert wurden.

In keiner seiner Filmfiguren hat sich Costners Zivilisationspessimismus so sehr gespiegelt wie in Charlie Waite. Von Schweizer Schokolade und Zigarren aus Kuba, die Boss vor dem Duell kauft, hat er noch nie gehört. Er zerstört Sues Porzellan, als er aus einem Albtraum erwacht, der ihn seit dem US-Bürgerkrieg plagt. Er verhält sich starrköpfig in der neuzeitlichen Welt, ringt aber auch mit sich und seiner Entscheidung. Das alles ist purer Costner, der sich ebenso widerborstig gegen Veränderungen sträubt und selbst ein Fremdkörper bleibt, wenn er sich im modernen Mainstream bewegt. Und als wollte er zeigen, dass er durchaus zu Kompromissen fähig ist, gerät ihm der Schlussakt zu jenem Kitsch, der an vielen seiner Filme störte.


Open Range - Weites Land (Open Range)


USA 2003. Regie: Kevin Costner. Drehbuch: Craig Storper. Darsteller: Robert Duvall, Kevin Costner, Annette Bening, Michael Gambon, Diego Luna, Abraham Benrubi, James Russo, Dean McDermott. Produktion: Touchstone Pictures, Tig Productions, Beacon Pictures, Cobalt Media Group. Verleih: Universum (UIP). Länge: 138 Minuten. Start: 29. Januar 2004



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