"Kikujiros Sommer" Poetisches Roadmovie

Japans Multi-Star Takeshi Kitano, bekannt durch harte Gangsterfilme wie "Hana-bi", zeigt sich von seiner sanften Seite: Seine bilderbuchhafte Geschichte über die ungewöhnliche Freundschaft eines Gauners mit einem Jungen ist voller Gefühl und poetischem Humor.
Von Olaf Schneekloth

Es ist schon ein seltsames Paar, dass da zusammenwächst und am Ende auch irgendwie zusammengehört. Und es ist ein seltsamer Film, den Takeshi Kitano inszeniert hat: ein poetisches Roadmovie über eine ungewöhnliche Freundschaft, witzig und zärtlich.

Der achtjährige Masao (gespielt von Yusuke Sekiguchi) und Kikujiro (Takeshi Kitano), ein halbseidener Kleingauner, treffen zufällig aufeinander, als sich der Junge gerade vor seiner Großmutter davongestohlen hat, die für den kleinen Bengel sorgt. Masao will im Alleingang seine Mutter suchen, die irgendwo, weit weg von Tokio, ihr Geld verdient. Kikujiro begleitet und beschützt Masao auf seinem Weg.

Anfangs sieht es so aus, als sei das keine gute Idee, denn der Kleingauner kann wenig mit dem Kind anfangen und verwettet erst mal dessen Geld auf der Radrennbahn. Doch nach und nach fasst das ungleiche Gespann Zuneigung zueinander. Als Kikujiro erkennt, dass sie Masaos Mutter niemals finden werden, versucht er den Kleinen mit unvergesslichen Abenteuern abzulenken.

In "Kikujiros Sommer" ist Kitano seiner eigenwilligen Bildsprache treu geblieben. Wie schon in seinen kühlen Gangsterthrillern "Violent Cop" und "Sonatine", erzählt er mit stilisierter Künstlichkeit und statischen Szenen, die sich zu einem Gesamtbild fügen, aber auch einzeln bestehen könnten. Und die Figur des polterigen Kikujiro, eine Hommage an Kitanos Vater, variiert im Grunde Kitanos Standardcharakter des Grobian, der sich rücksichtslos nimmt, was er braucht. Mit dem Unterschied, dass dieser am Ende der Reise dazugelernt hat.

Weil der Film wie ein Bilder-Tagebuch angelegt ist, das japanische Kinder in der Grundschule anfertigen, und alles aus Masaos Sicht geschildert wird, konnte Kitano voll in die Phantasiekiste greifen. In den Erinnerungen eines kleinen Jungen ist eben nichts unmöglich. Da verkleiden sich zwei Biker schon mal als Tintenfische oder Wassermelonen, um dem Kleinen eine Freude zu machen. Allerdings nicht ganz freiwillig. Die Order kommt von Kikujiro.

Obwohl er in Venedig den Goldenen Löwen für "Hana-Bi" (1997) erhielt, gilt Takeshi Kitano im Westen immer noch als cineastischer Geheimtipp. Zu Hause in Japan dagegen genießt das Multitalent einen Beliebtheitsgrad wie Schmidt, Gottschalk und Loriot zusammen. Als Standup-Komiker, Fernsehshowmaster, Schriftsteller, Maler und Karikaturist, und natürlich als Regisseur und Schauspieler führt im Fernen Osten kein Weg an Kitano vorbei.

Regelmäßige Nachmittagsgucker des "Deutschen Sportfernsehen" kennen Kitano von seiner albernsten Seite. Dort laufen fast täglich gegen 17.15 Uhr alte Folgen der schlichten Klamauk-Gameshow "Takeshi's Castle", einer japanischen Variante von "Spiel ohne Grenzen".