Kinder-Western "Hände weg von Mississippi" "Ich kann es nicht ab, wenn Filme didaktisch sind"

In seinem ersten Kinderfilm "Hände weg von Missisippi" erzählt Detlev Buck von der drohenden Vernichtung einer Landidylle durch eine Shoppingmall. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erzählt der Regisseur außerdem, wie es war, auf einem Schwein zu reiten.

SPIEGEL ONLINE: Herr Buck, in Ihrem Kinderfilm "Hände weg von Mississippi" rettet das kleine Mädchen Emma den Haflinger Mississippi vor einem bösen, geldgierigen Yuppie. Haben Sie plötzlich Ihre Liebe zu Pferden entdeckt?

Buck: Nein, ich interessiere mich nicht so sehr für Pferde. Aber ich habe auch keinen Pferdefilm gemacht, sondern einen, im besten Sinne, Familienfilm. Dass Emma dieses Pferd kauft und dann wieder zu verlieren droht, ist nur die äußere Dramaturgie. Für mich ist das Entscheidende die Welt dieses kleinen Dorfes mit all seinen liebevollen Details.

SPIEGEL ONLINE: Doch dieses nette kleine Dorf, in dem Schweine, Hühner und sogar Lamas leben, ist bedroht durch die Pläne, dort ein Einkaufszentrum zu bauen. Ist das als ernsthafte politische Botschaft gemeint?

Buck: Ja, man darf doch wohl eine haben, oder? Wenn Shoppingmalls um Städte herum gebaut werden oder neben Dörfer, dann gibt es eine Strukturveränderung, und die kleinen Läden sterben. Emma sagt in dem Film: "Dann gibt es bei uns keinen frischen Fisch mehr". Das wirkt sehr natürlich. Kindern muss man solche politischen Botschaften eher nebenbei vermitteln, ansonsten verschreckt man sie. Ich kann es auch nicht ab, wenn Filme didaktische Veranstaltungen sind.

SPIEGEL ONLINE: Das Dorf in Ihrem Film zeigt eine idyllische Welt. Emmas Großmutter Dolly, gespielt von Katharina Thalbach, läuft in einem unförmigen Kleid herum, sie lebt in einem kleinen Reetdachhaus und rettet ausgesetzte Hunde. Wieso haben Sie sich für diese Idealisierung entschieden und nicht für Realismus?

Buck: Weil ich einen Kinderfilm gemacht habe, und Kinder brauchen eine Welt, in der sie sich wohl fühlen. Kinder mögen es auch in ihrem Leben nicht, wenn bestimmte Ideale und Ordnungen in Frage gestellt werden.

SPIEGEL ONLINE: "Hände weg von Mississippi" ist der erste Kinderfilm, den Sie gedreht haben. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?

Buck: Ich habe viele Kinderfilme, auch gemeinsam mit meinen Kindern, gesehen, und dabei versucht herauszufinden, worauf Mädchen reagieren, worauf Jungen, und ab welchem Alter mehr Angst ins Spiel kommen kann. Interessanterweise gibt es zu jedem Filmgenre genügend Fachliteratur. Zum Kinderfilm gibt es keine.

SPIEGEL ONLINE: Gar keine?

Buck: Doch, ein einziges Buch. Das habe ich auch gelesen.

SPIEGEL ONLINE: Bedeutet dies, dass Kinderfilme kommerziell nicht so interessant sind und daher auch mit geringeren Budgets auskommen müssen?

Buck: Wir haben in die Verfilmung von "Hände weg von Mississippi", die auf einem Buch von Cornelia Funke beruht, alles Geld gesteckt, was wir hatten und was wir kriegen konnten. Ihre Bestseller "Tintenblut" und "Tintenherz" werden in Hollywood für 60 Millionen Dollar verfilmt. International haben Kinderfilme heute genauso große Budgets wie Filme für Erwachsene. Nur in der Wahrnehmung vieler Rezensenten haben sie ein geringeres Renommee.

SPIEGEL ONLINE: Da tröstet es Sie vielleicht, dass "Hände weg von Mississippi" nun für den Bundesfilmpreis nominiert ist?

Buck: Ich mache Filme weder wegen der Reputation, noch um Preise zu gewinnen. Ich hatte einfach Lust darauf, einen Sommerfilm in der Provinz zu drehen. Alle hatten Spaß daran, am Schaalsee diesen Film zu machen, und dann hat es sich organisch ergeben, dass die Geschichte wuchs, dass beispielsweise eine kleine Liebesgeschichte hinzu kam, dass die Inszenierung detailreicher wurde.

SPIEGEL ONLINE: Dass ein Dorfjunge versucht, auf einem Schwein zu reiten, steht zum Beispiel nicht in Cornelia Funkes Vorlage.

Buck: Richtig. Aber Kostja, der den Jungen spielt und aus der Gegend kommt, wollte das schon immer mal probieren. Damit der Junge sich bei den Dreharbeiten wirklich auf ein Schwein setzte, musste ich es ihm selbst vormachen.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat es geklappt?

Buck: Na, es gab einige Versuche …man bleibt nicht sehr lange drauf.

SPIEGEL ONLINE: Ist Ihnen während des Drehens auch die Idee gekommen, als dicklicher Dorfpolizist schwitzend durchs Bild zu radeln oder zu joggen?

Buck: Naja, es war halt zu aufwendig, für ein paar Bilder einen Schauspieler nach Mecklenburg-Vorpommern anreisen zu lassen, da habe ich das eben selber gemacht. Ich hatte mir spontan überlegt, ein bisschen mehr Dorfleben zu zeigen, und das hieß, die Bewohner mussten immer mal wieder aufkreuzen. Deshalb taucht der Dorfpolizist auch als Sargträger auf.

SPIEGEL ONLINE: Und bleibt mit dem Sarg in der Kirchentür stecken.

Buck: Ja, weil der Tote nicht in sein Grab will.

SPIEGEL ONLINE: Eine der Dorfbewohnerinnen wird gespielt von der 92-jährigen Heidi Kabel. Deren Tochter Heidi Mahler beschwerte sich später in "Bild", sie habe "etwas dagegen, wenn alte, kranke Leute vorgeführt werden". Was sagen Sie zu dem Vorwurf?

Buck: Das ist Quark und stimmt so nicht. Heidi Mahler sieht das wohl auch so, sonst wäre sie nicht zur Premiere gekommen und hätte nicht nochmals gesagt, wie wohl sich ihre Mutter an diesem Tag gefühlt hat.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie Heidi Kabel, die eigentlich zurückgezogen im Altersheim lebt, für den Film engagiert?

Buck: Wir brauchten Freundinnen von Oma Dolly und auch noch die Generation davor, und so viele Schauspielerinnen dieses Alters gibt es nicht. Außerdem habe ich auch Spaß daran, Menschen für Rollen zu besetzen, die nicht so häufig vor der Kamera stehen.

SPIEGEL ONLINE: Das trifft aber nicht zu für die Hauptdarsteller Katharina Thalbach und Christoph Maria Herbst, der den böse Yuppie spielt.

Buck: Nicht viele Schauspielerinnen können unkonventionell und glaubwürdig Omas darstellen. Und Christoph Maria Herbst kann sehr gut mit Kindern zusammen spielen, er hat ein sehr gutes Timing. Das liegt daran, dass er sehr lange Kindertheater gemacht hat. Man muss Spaß daran haben, mit Kindern zusammen zu arbeiten, ansonsten ist es nämlich eine Katastrophe.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst nennen "Hände weg von Mississippi" einen Western. Wie kommen Sie darauf?

Buck: Pferd, Landschaft und Countrymusik von Bosshoss. Im Western gibt es Gut und Böse, ein Wort ist ein Wort, und eine Beleidigung führt, wie am Ende des Films, zu einer zünftigen Schlägerei. Aber das ist nicht nur im Western so, sondern manchmal auch im richtigen Dorfleben.

Das Interview führte Bettina Hohmann