Kino 2011 Diese Filme müssen Sie gesehen haben!

5. Teil: Das Sterben der Anderen


"Never Let Me Go" von Mark Romanek

Von David Kleingers

"Never Let Me Go" (mit Knightley, Mulligan, Garfield): Geboren, um geschlachtet zu werden
20th Century Fox

"Never Let Me Go" (mit Knightley, Mulligan, Garfield): Geboren, um geschlachtet zu werden

Was wäre, wenn eine Gesellschaft für den Sieg über Krankheit und Alterssiechtum ihre ethischen Koordinaten irreparabel verschiebt? "Never Let Me Go" - oder "Alles, was wir geben mussten" - von Mark Romanek zeigt eine alternative Realität, in der diese Frage mit perfider Konsequenz beantwortet wurde: Dort zieht man anonym erzeugte Klone heran, um ihnen im Erwachsenenalter sukzessive die benötigten Organe zu entnehmen. In der herrschenden Ordnung als rechtloses Humanmaterial definiert, versterben die Spender zumeist vor ihrem 30. Lebensjahr in Folge der dritten oder gar vierten Transplantation.

Das ist der dystopische Science-Fiction-Hintergrund, vor dem die erschütternde Verfilmung von Kazuo Ishiguros gleichnamigen Bestseller die kurze Lebensgeschichte von Kathy, Ruth und Tommy erzählt. Die drei wachsen zusammen mit anderen elternlosen Kindern in Hailsham auf, einer idyllisch gelegenen Internatschule im Großbritannien der ausgehenden Siebziger. Doch das pittoreske Hailsham ist kein Waisenhaus, sondern ein Ort, an dem geklonte Mündel auf ihr befristetes, fremdbestimmtes und dem singulären Zweck der Organspende folgendes Dasein vorbereitet werden.

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"Alles, was wir geben mussten": Antiutopie mit Enid-Blyton-Flair
Als junge Erwachsene versuchen Kathy (Carey Mulligan), Ruth (Keira Knightly) und Tommy (Andrew Garfield) sich mit ihrem längst ausgemachten Schicksal zu arrangieren. Durch ihre Erziehung subtil konditioniert, fehlt ihnen ein Bewusstsein für das Unrecht, welches ihnen fortwährend geschieht. So hofft das Kinopublikum auch vergeblich auf eine Revolte der Retortenkinder in dieser schrecklich zivilen Szenerie englischer Bauernhäuser und Seebäder, wo Teekessel wohlig dampfen, während 20-Jährige ohne Nachnamen auf OP-Tischen stückweise getötet werden.

Musikvideokünstler Romanek illustriert dieses hermetische und grausam banale System, das gesichtslos den alltäglichen Mord betreibt und unwidersprochen die Bedingungen des Menschseins diktiert, mit kontemplativer Ruhe und Bildern von gespenstischer Schönheit. Ohne je laut oder plakativ zu werden, setzt der Film dem subtilen Horror dabei schüchterne Versuche der Selbstwerdung entgegen: Wenn etwa Kathy und Tommy - die großartige Carey Mulligan und ein ergreifender Andrew Garfield - als unbeholfenes Paar mit verwirrenden Empfindungen wie Liebe, Eifersucht und Wut ringen, dann zerreißt es jedem fühlenden Betrachter das Herz. Ohne falsches Sentiment und ohne Aussicht auf Rettung verleiht die behutsame Inszenierung von "Never Let Me Go" den Figuren eben jene Würde, die ihnen in ihrer Welt versagt bleibt. Seine Zuschauer hingegen lässt der zugleich betörendste und verheerendste Film des Jahres mit tiefer Trauer, stillem Zorn und einem klaren Blick für die wesentlichen Dinge zurück.

Szene aus "The King's Speech"
Senator Film

Szene aus "The King's Speech"

Enttäuschung des Jahres: Die unverhältnismäßige Begeisterung und Preisflut für "The King's Speech". Zwar fraglos exzellent besetzt und gefällig inszeniert, ist der Film am Ende doch nur bildungsbürgerlich hochgejazztes Ohnsorg-Theater. Eben risikofreies Kino für Menschen, die gerne auf die Kulturtipps von "Tagesthemen" oder "heute journal" hören.

Entdeckung des Jahres: Jennifer Lawrence in "Winters Bone". Als unerschrockene Teenagerin, die gegen alle Widerstände für den Erhalt ihrer Familie kämpft, beherrscht Lawrence jede Szene des eindrucksvollen Südstaatendramas mit respektgebietender Autorität.

Eine Augenweide: "Melancholia" , vielleicht der erste romantische Date-Movie für Nihilisten und Menschen, die der Welt im allgemeinen überdrüssig sind. Funktioniert auch prächtig als misanthroper Gegenentwurf zu Terrence Malicks schön-verschwurbelter Universalgeschichte "Tree of Life".

Eine Frechheit: Die Verwertungsstrategie des zweigeteilten Finales, siehe "Twilight" und "Harry Potter", denn eine derart plumpe Vermählung fehlender Erzählökonomie mit dreister Gewinnmaximierung erfreut allenfalls die Buchhalter.

Szenenapplaus: Teilen sich in diesem Jahr die furiose Anfangssequenz von "Scream 4" und der extrem putzige Abspannfilm von "Super 8": Zwei gänzlich unterschiedliche, aber gleichsam unterhaltsame und auf den Punkt gebrachte Liebeserklärungen an das Genrekino.

insgesamt 17 Beiträge
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berlinspandau 30.12.2011
1.
Tree of Life war für mich einer der stinklangweiligsten Filme des Jahres 2011. Ich frag mich, was die Rezensenten wohl geraucht haben als sie sich den Film angesehen haben.
eifelzweifel 30.12.2011
2. tree of life - nein, aber BULLHEAD
Zitat von berlinspandauTree of Life war für mich einer der stinklangweiligsten Filme des Jahres 2011. Ich frag mich, was die Rezensenten wohl geraucht haben als sie sich den Film angesehen haben.
war der Film wirklich so langweilig, ich kann es leider :-) nicht beurteilen, bin nach ca. 30 Minuten aus dem Kino gegangen. Nach dieser Szene mit dem Babydino habe ich geglaubt, ich bin in einer Neuverfilmung von Bamby. Für mich war BULLHEAD, der erste Film des belgischen Regisseurs Michaël R. Roskam einer der wichtigen Filme in diesem Jahr. Toller Thriller mit klasse Schauspielern. Lief bei uns leider nur ein paar Tage.
serchingNews 30.12.2011
3. wer schreibt diese Rezension?
ganz einfach aus purem Hass, möchte ich den Verfasser dieses Artikels in eine Kinovorführung von Transformers 1, 2 und 3 schicken. Einfach nur, um diesem Verfasser Schmerzen zuzufügen. Wer sich scheinbar bei Melancholia einen runterholt und daher ihn gleich zweimal in die Liste setzt, gehört für mich geohrfeigt. Ich bin kein Fan von Listen oder "must seen", aber was mir hier geboten wird, grenzt geradezu an ein Pflichtprogramm für alle selbstverliebten Filmkritiker, die sich selbst zur selbsternannten Upperclass zählen. Ich möchte kotzen, wenn ich diese "Kritiken" lese. Das man bei Filmen wie der Harry Potter-Reihe, die Twilight-Reihe oder auch nur mal Kings-Speach die Nase rümpft, gut. Geschmäcker sind Gott sei Dank verschieden. Aber dieser Artikel macht mich wütend. Sehr geehrter Autor: Schauen Sie bitte die Filme, die Sie sehen möchten. Aber lassen Sie uns mit Ihren Meinungen bitte in Ruhe. Danke
kroetilein 30.12.2011
4. Einigkeit und Kunstverstand
Zitat von sysopPolizisten am Rande des Nervenzusammenbruchs, Überlebenskämpfe im Knast und im US-Niemandsland, Klone auf der Suche nach*ihrem wahren Ich*- solche Geschichten erzählt nur das Kino? Stimmt. Die Lieblingsfilme der SPIEGEL-ONLINE-Kritiker, Teil zwei! http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,806076,00.html
Geschmäcker sind verschieden? Die der Herren Kritiker (weibliche Rezensenten scheint's beim SPON nicht zu geben, oder sie werden nicht befragt) sind so verschieden nicht. Eigentlich herrscht, im Gegenteil, eine wonnige Einigkeit der Filmkunstsachverständigen. Vielleicht sollten sie sich einfach in einem angenehmen Gespräch ihre Meinungen gegenseitig bestätigen. Wir gucken uns inzwischen den Popcorn-Schund an.
Grestorn 30.12.2011
5.
Zitat von serchingNewsganz einfach aus purem Hass, möchte ich den Verfasser dieses Artikels in eine Kinovorführung von Transformers 1, 2 und 3 schicken. Einfach nur, um diesem Verfasser Schmerzen zuzufügen. Wer sich scheinbar bei Melancholia einen runterholt und daher ihn gleich zweimal in die Liste setzt, gehört für mich geohrfeigt. Ich bin kein Fan von Listen oder "must seen", aber was mir hier geboten wird, grenzt geradezu an ein Pflichtprogramm für alle selbstverliebten Filmkritiker, die sich selbst zur selbsternannten Upperclass zählen. Ich möchte kotzen, wenn ich diese "Kritiken" lese. Das man bei Filmen wie der Harry Potter-Reihe, die Twilight-Reihe oder auch nur mal Kings-Speach die Nase rümpft, gut. Geschmäcker sind Gott sei Dank verschieden. Aber dieser Artikel macht mich wütend. Sehr geehrter Autor: Schauen Sie bitte die Filme, die Sie sehen möchten. Aber lassen Sie uns mit Ihren Meinungen bitte in Ruhe. Danke
Es handelt sich um verschiedene Autoren, jede Seite ist von einem eigenen Autor geschrieben. Daher auch die doppelte Nennung eines Films. Eigentlich recht offensichtlich. Grundsätzlich - und das gilt für alle Arten der Rezension - nervt es mich auch, dass auf erfolgreiche Mainstreamfilme generell herabgeblickt wird. Je abgedrehter und anstrengender die Filme sind, desto größer ist die Chance, dass sich ein "seriöser" Rezensent daran aufgeilt, um zu beweisen wie toll alternativ und nicht-mainstream er doch ist.
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