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Saoirse Ronan: Geburt eines Stars

Foto: Matt Sayles/ AP

Kino-Aufsteigerin Saoirse Ronan Rätsel in Blond

Sie gilt als kommende Hoffnung der Filmbranche: die 17-jährige Irin Saoirse Ronan. Nach ihrem bejubelten Auftritt in "Abbitte" spielt sie als undurchsichtige Auftragsmörderin in Joe Wrights Thriller "Wer ist Hanna?" ihre bislang wichtigste Hauptrolle.
Von Roland Huschke

Oft kommt es nicht vor, dass man die Geburt eines Stars miterlebt. Jenen Moment, in dem man beginnt, irgendeinen merkwürdigen, vormals auch Insidern kaum geläufigen Namen mit einem Gesicht zu verbinden, von dem man sicher ist, dass es einem noch sehr oft begegnen wird.

Solche Märchengeschichten beginnen meist auf Festivals. In einer warmen Sommernacht vor vier Jahren etwa, als am venezianischen Lido mit der Ian-McEwan-Verfilmung "Abbitte" die 64. Mostra eröffnet wurde. Mit herzlichem Applaus dankte das Premierenpublikum der Reihe nach den Gästen, wie es hier Tradition ist. Keira Knightley, James McAvoy, Regisseur Joe Wright. Und: Saoirse (sprich: Sierscha) Ronan. Eine blasse 13-Jährige mit unfassbar blauen Augen. Die Reife ihrer Charakterdarstellung erinnerte an die Anfänge großer Schauspielerinnen: an Jodie Foster in "Taxi Driver", Natalie Portman in "Léon - Der Profi". In dieser Liga ist auch Ronans Leistung in "Abbitte" zu verorten. Sie spielte eine Heranwachsende, die eine Tragödie auslöst.

Verwirrt vor Glück, nahm die in New York geborene Irin in der ersten Premierennacht ihres Lebens die Huldigung Venedigs entgegen und hielt dabei fest die Hände ihrer Co-Stars. Vorher hatte sie scheu vor den Fotografen posiert. Interviews gab es überhaupt nicht, ganz bewusst galt dem Mädchen der Schutz vor einem allzu heftigen Kulturschock. "Wahrscheinlich würde sie es aushalten", kommentierte James McAvoy damals, "denn beim Drehen ging sie mit beträchtlichen Drucksituationen entspannt um, doch wir tragen alle Verantwortung, dass sie nicht gleich von dieser Branche aufgefressen wird."

Lange Gespräche mit dem Vater

Trifft man Ronan heute, erlebt man einen klugen Teenager mit einem gehörigen Rest kindlicher Unschuld: Ab und zu unterbricht ein Kichern ihren Redefluss. Man staunt fast, denn im Kino zieht es sie nicht zu Figuren, die viel zu lachen haben. Sie spielt junge Frauen, die viel zu früh ihre kindliche Unschuld verlieren. In "Abbitte" stürzt sie zwei Familien ins Unglück. Durch Peter Jacksons "In meinem Himmel" geisterte sie als Leiche einer Ermordeten. In "Wer ist Hanna?", vergangene Woche in deutschen Kinos angelaufen, stellt sie sich als Killerin in der Ausbildung mit einem Schuss ins Gesicht des Zuschauers vor.

Regisseure zeigen ihr außergewöhnlich ausdrucksstarkes Gesicht oft in Großaufnahme. Wie eine unberührte Leinwand, die sie mit einem Blick füllen kann, mit Furcht oder Traurigkeit, als steckte wirklich eine alte Seele in einem jungen Körper. Jodie Foster sprach unlängst im Interview zu "Der Biber" davon, dass sie als Zwölf-, 13-Jährige die Gefühle einer Erwachsenen empfinden konnte - in ihrer Erinnerung war das Fluch und Segen zugleich.

Saoirse Ronan wirkt abseits der Kamera nie, als trage sie Probleme von Figuren oder anderen Leuten mit sich herum. "Es stimmt schon", sagt sie, angesprochen auf die existentiellen Herausforderungen ihrer Rollen, "ich muss oft versuchen, Gefühle widerzuspiegeln, die ich zum Glück als junger Mensch unmöglich erlebt haben kann. Aber es reizt mich, gerade das Unbekannte zu erschließen und meine Vorstellungskraft zu nutzen." Zum psychologischen Verständnis führt sie über jedes in Frage kommende Drehbuch lange Gespräche mit ihrem Vater, einem Schauspieler. Ihre Regisseure zeichnen sich bisher alle durch ein hohes Maß an Sensibilität aus.

Katastrophale Wendungen

Mit dem Briten Joe Wright, nach "Abbitte" auch der Regisseur von "Wer ist Hanna?", entwickelte sie gemeinsam die Figur des Mädchens Hanna, das aus eisiger Isolation in die überhitze Welt des Erwachsenwerdens geschickt wird. Mal spielt Ronan die Rolle mit staunenden Kaspar-Hauser-Augen, dann so effizient wie eine Maschine - von Killern und der rothaarigen Hexe Cate Blanchett gejagt. Zu ihrem Vater, im Film von Eric Bana gespielt, hat Hanna ein kompliziertes Verhältnis.

Ein so wildes wie weiches Wesen hat das Kino selten gesehen. Als irrlichternde Selbstsuche und Pubertätsallegorie inszeniert, ist die Odyssee der einsamen Heldin in "Wer ist Hanna?" kein Vergleich zu zielgruppenfixierten Ballerorgien wie "Kick-Ass". Obgleich auch dessen minderjährige Hauptdarstellerin Chloe Moretz neben Ronan, Elle Fanning ("Somewhere") oder Jennifer Lawrence ("Winter's Bone") zu einer ganzen Reihe hochtalentierter, früh gereift wirkender Schauspielerinnen gehört.

Ronan wählt mit Vorliebe Rollen, in denen sie auf katastrophale Wendungen reagieren muss und von Schuldgefühlen belastet ist, während ihr Innenleben letztlich rätselhaft bleibt. Auch in "Wer ist Hanna?" glaubt man, ihre Gedanken rasen und die Gefühle hochkochen zu sehen, doch am Ende bleiben Geheimnisse. Am liebsten würde man den Weg dieser Figur weiterverfolgen.

Was auch für Saoirse Ronan gilt. Ein knappes Jahr vor ihrem 18. Geburtstag ist es eine interessante Frage, wohin ihre Neugier und Vorstellungskraft sie führen. Mehr Genrestoff ist geplant: selbstbestimmte Schicksale, erste Liebe. Die Vaterfiguren in Ronans Leben werden dabei an Bedeutung verlieren. Die Hände, versichert sie, muss ihr bei Filmpremieren gegen die Nervosität jedenfalls schon lange niemand mehr halten.

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