Deutscher Film in der Krise Reich, aber unsexy

Weil die Besucherzahlen einbrechen, versuchen die Kinobetreiber eine anzügliche Werbekampagne. Dabei gibt es viel bessere Ideen, um den braven deutschen Film wieder aufregend zu machen.
Filmszene aus "Love" von Gaspar Noé

Filmszene aus "Love" von Gaspar Noé

Foto: Cannes Film Festival

"Bei uns wird regelmäßig gepoppt", heißt es auf Instagram. "Die zweitbeste Sache, bei der man am Ende Taschentücher braucht", steht auf Facebook.

Die neue Werbekampagne, die Jugendliche zurück ins Kino holen will, ist da. Sie setzt auf den Bezug zum Sex, aber nicht, weil Filme erotisch wären, oder es im Kino wie früher hoch hergehen soll. Im Gegenteil: Der Spruch "Darkroom der großen Gefühle" macht es deutlich. Das Kino soll verkauft werden als Alternative zu Selbstbefriedigung und Sex. Ob das die richtige Message ist?

Man reibt sich durchaus die Augen, wenn die Verantwortlichen sich selbst auch noch einreden, ihre Kampagne sei mutig: "Ich selbst habe mich bei dem Gedanken ertappt, ob der eine oder andere Ansatz vielleicht zu gewagt ist." Das behauptet Thomas Negele, Vorstand des Kinobetreiber-Verbands HDF. "Aber wenn man mit der Jugend kommuniziert, muss man sich von alten Denkmustern lösen." Als hätte sich hier irgendwer von irgendeinem Denkmuster gelöst.

Dabei könnte das Kino dieser Tage wirklich etwas mehr Sexappeal vertragen. Die Besucherzahlen jedenfalls sahen selten so schlecht aus wie in diesem Frühjahr. Weniger Zuschauer als am vorletzten Aprilwochenende gab es nur bei der Fußball-WM 2006. Klar ist: Das Wetter war zu gut. Klar ist aber auch: Es hat einfach kein Film ausreichend gezündet, weder die sauteure "Jim Knopf"-Verfilmung, die der Filmförderung viele Millionen abgeluchst hat und nichts zurückzahlen dürfte, noch der x-te Aufguss der "Fünf Freunde" (mit Dinosauriern!) und auch "Das schweigende Klassenzimmer" nicht.

Keine Wallungen außer bei Marie Bäumer

Den Arthouse-Bereich treffen allgemeine Entwicklungen wie fehlende Hits bei warmem Wetter üblicherweise nicht ganz so stark. Tatsächlich liegt das Romy-Schneider-Drama "3 Tage in Quiberon" inzwischen bei etwa 250.000 Zuschauern, dem Deutschen Filmpreis sei Dank. Ohnehin eine stolze Leistung für einen Film, der außer bei Marie Bäumer, seiner vom Zuspruch überwältigten Hauptdarstellerin, kaum irgendwo für Wallungen sorgt.

Marie Bäumer bei der Verleihung des Deutschen Filmpreis für die beste weibliche Hauptrolle

Marie Bäumer bei der Verleihung des Deutschen Filmpreis für die beste weibliche Hauptrolle

Foto: Gregor Fischer/ dpa

Die aktuelle Nummer eins der Arthouse-Charts, "In den Gängen", ist da nicht viel anders. Schön in Details, auch soziopolitisch interessant, als Ganzes aber vor allem brav. Es ist die vermutlich größte Gemeinsamkeit dieser deutschen Filme, die die Branche auf Händen trägt: Sie produzieren keine Reibung, sie brauchen nicht groß diskutiert zu werden, sie bleiben in sich geschlossen. Kurzum, sie machen keinen Unterschied.

Dazu passt die verblüffende Ruhe und Gelassenheit, mit der zurzeit auf die Veränderungen im Kinobereich reagiert wird. Vielleicht hat das Versprechen der neuen Bundesregierung, dem Kino mehr als bisher unter die Arme zu greifen, seinen Anteil daran. Dringend geboten war es ohnehin, dass das große Ungleichgewicht behoben wird: Bisher wird vom Staat überwiegend in neue Filme, aber sehr wenig in die Infrastruktur investiert.

Niemand musste, keiner wollte

Im Koalitionsvertrag steht dazu: "Damit der kulturell anspruchsvolle Kinofilm in der Fläche wirkt, wollen wir den Kulturort Kino auch außerhalb von Ballungsgebieten durch ein kofinanziertes 'Zukunftsprogramm Kino' stärken und erhalten." Skeptisch stimmt der Begriff der Kofinanzierung: Denn wer zur Bedingung macht, andere ins Boot zu holen, hat immer eine gute Ausrede, sich selbst nur halbherzig zu engagieren (Stichwort: Filmerbe). Das trifft das Kino als länderübergreifende und mobile Kunst in einem föderalen Staat seit jeher besonders. Anders gesagt: Würde Film in Deutschland auch nur halb so ernst genommen wie die Oper, es wäre ein Kino-Schlaraffenland.

Einen Finger in die Wunde deutscher Film legen wollte Anfang April ein Kongress in Frankfurt. Leute wurden zusammengebracht, die wenig miteinander verbindet: Verbandsvertreter, Institutionen, Journalisten, Wissenschaftler, Historiker sowie freie Filmemacher unterschiedlichster Ausrichtung und Sensibilität. Gemeinsam sollten sie Vorschläge entwickeln, wie das deutsche Kino reformiert werden kann. Damit überhaupt etwas dabei rauskommt, entschlossen sich die Veranstalter zu einem Kompromiss: Niemand musste das Papier unterschreiben - und nun steht keiner so richtig dahinter.

Wie soll ein Aufbruch von etwas ausgehen, wenn niemand dafür in die Bresche springen will? Schade ist das vor allem, weil die Ergebnisse schöne, sehr prinzipielle Forderungen enthalten: Weg mit den Auflagen der Länderförderungen, am jeweiligen Standort wirtschaftliche Effekte zu erzielen, statt Gremien soll es einzelne Kuratoren auf Zeit geben, das Fernsehen soll komplett aus der Förderung verbannt werden, nur ihr Geld soll über einen Fonds für die Produktion zur Verfügung stehen. Luftschlösser? Es stünde den Zuständigen in Bund und Ländern gut zu Gesicht, die Vorschläge ernsthaft zu debattieren.

Projekte, die vernünftig sind, kriegen immer Geld

Wie weit allein dieser Wunsch von der Wirklichkeit weg ist, illustriert eine der wichtigsten Filmförderungen in Deutschland, das Medienboard Berlin-Brandenburg. 2016 hatte die rot-rot-grüne Koalition noch vollmundig versprochen: "Einen besonderen Stellenwert erhält die Förderung [...] von Kinoexperimenten." Und weiter: "Das bestehende Fördersystem des Medienboards Berlin Brandenburg soll durch experimentelle Verfahren zur Projektmittelvergabe ergänzt werden."

Davon bisher umgesetzt: nichts. Linke und Grüne überlassen das Feld der SPD. Und so dürfte in Kürze bekannt gegeben werden, dass Kirsten Niehuus, die auf ihre Art Kuratorin in Berlin und Brandenburg ist, als Geschäftsführerin verlängert wird. Aus 15 Jahren Alleinentscheiderin mache 20.

Zum Autor
Foto: privat

Frédéric Jaeger ist Vorstandsmitglied im Verband der deutschen Filmkritik und Chefredakteur von critic.de . Als freier Autor schreibt er unter anderem für SPIEGEL ONLINE. 2015 hat er die parallel zur Berlinale stattfindende Woche der Kritik  mitgegründet und als Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen ein Jahr lang zu Filmpolitik gearbeitet. An dieser Stelle hält er vier Mal im Jahr Rückschau auf das vergangene Quartal in der Filmbranche .

Warum das aus der Branche niemand öffentlich kritisieren wird, obwohl Niehuus Widerspruch gut aushalten kann? Florian Koerner von Gustorf, Produzent von Filmen wie "Transit" von Christian Petzold oder "Helle Nächte" von Thomas Arslan, beschreibt es so: "Bis jetzt sind wir noch mit keinem Projekt beim Medienboard abgelehnt worden, bestimmt auch, weil der künstlerisch/wirtschaftliche Erfolg unserer Filme in einem gesunden Verhältnis zu der beantragten Fördersumme steht." Das heißt: Niehuus sorgt für Verlässlichkeit.

Etablierte und Leute, die Etabliertes tun, müssen sich nicht fürchten. Projekte, die die äußeren Kriterien erfüllen und insofern vernünftig sind, kriegen immer Geld. Dabei wäre das Unvernünftige im Kino natürlich viel spannender.

"Wie 'Tatort', nur unterhaltsam"

Dass die Vorschläge aus Frankfurt zu verpuffen drohen, könnte auch ein bisschen an der eigenwilligen Sprache dieser "Positionen" liegen, in denen es gleich zu Beginn heißt: "Die aktuelle Finanzierungspraxis (...) lässt einen Kinofilm der Kunstfreiheit vermissen." Was mag das bloß sein, ein "Kinofilm der Kunstfreiheit"? Leben wir etwa in einem Land, in dem die Kunstfreiheit in Gefahr ist?

Eine Antwort darauf liefert, vielleicht eher aus Versehen, die viel gescholtene Berliner SPD, mit ihrer jüngsten Initiative, feministische Pornos zu fördern. Dafür dürfte es ziemlich stichhaltige Argumente geben, schon allein angesichts der Wirkung von Pornografie auf die Sexualität junger Menschen. Und doch ist es ein Tabubruch, weil bis heute die Vorstellung von Sittenhaftigkeit fest verankert ist in Fernsehen und Förderung. Das scheint nun auch der SPD ein Dorn im Auge: "Wir fordern, dass die Altersfreigabe für Pornografie hierfür überprüft und gegebenenfalls heruntergesetzt wird."

Zur Erklärung: Die "Darstellungsformen in Mainstream-Pornos können Konsument*innen in ihrer Sexualität und im Menschenbild nachhaltig beeinflussen." Zwar geht es explizit nicht um Kunstfreiheit, sondern um Gesundheit, aber das eine bedingt das andere. So würdigt der SPD-Beschluss, dass Freiheit im Kopf entsteht, und dass die Köpfe, heute in Deutschland mehr denn je, formatiert sind. Deswegen muss man für die Freiheit der Kunst auch weitergehen als bisher.

Was das Kino braucht, ist der Wille, aus den Vollen zu schöpfen und auch an das zu glauben, was unmöglich erscheint. Es reicht nicht, die brave Alternative zum Sex zu sein. Aufregender als Sex, das wär's.