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18. Januar 2012, 17:05 Uhr

Kino-Drama "Kriegerin"

Ihr Kampf

Von Jörg Schöning

So erschreckend aktuell kann Kino sein: Das Drama "Kriegerin" erzählt von einer "Nationalen Aktivistin" in Ostdeutschland, die ihre rechtsextreme Gesinnung ungehindert ausleben kann. Newcomerin Alina Levshin spielt diese Rolle einfach mitreißend.

Das Kino liebt nun mal die starken, jungen Frauen. Was aber ist von dieser zu halten? Marisa, 20, schlägt hemmungslos zu, wenn sie mit ihren Freunden Jagd auf Ausländer macht. Wer den ostdeutschen Nahverkehr nutzt, aber fernöstliche Vorfahren hat, bekommt von ihr was auf die Fresse. Wer halbwegs zivilcouragiert dagegen protestiert, wird von ihr zumindest zusammengebrüllt - sofern ihn kein Baseballschläger mitten ins Gesicht trifft.

Anders aber als etwa das "Tank Girl", an dessen Outfit und martialischem Auftritt sich die Kombattantin unübersehbar orientiert, ist Marisas aggressive Angriffslust keine reine Projektion des Kinos. Gerade erst im vergangenen Jahr wiesen in "Mädelsache!", ihrem Sachbuch über Frauen in der Neonazi-Szene, die Sozialwissenschaftler Andrea Röpke und Andreas Speit darauf hin, dass an den Überfällen und Angriffen der Rechtsextremen zahlreiche junge Frauen beteiligt sind. Ihren Recherchen zufolge "liegt der weibliche Anteil an extrem rechten Straf- und Gewalttaten bei bis zu zehn Prozent." Und: "Er ist angestiegen."

Was Statistiken nur erfassen, macht "Kriegerin" nun anschaulich. In seinem mehrfach ausgezeichneten Spielfilmdebüt schildert Regisseur David Wnendt ungeschönt das rohe Gebaren einer solchen "Kameradschaftsaktivistin". Vor allem aber zeichnet der Absolvent der Potsdamer Filmhochschule "Konrad Wolf" mit aufklärerischem Impetus den Ausstieg dieses militanten "Mädels" aus der rechtsextremen Terrorszene nach - und porträtiert damit auch das Milieu, in dem die kriminelle Gruppenbildung ihre Wurzeln hat.

Vom Landser-Opa zur kleinen Kriegerin erzogen

Marisa (Alina Levshin) jobbt im Edeka-Laden ihrer alleinerziehenden Mutter. Mit Tattoos in "germanischer" Fraktur und der obligatorischen Feather Cut-Frisur weist sie sich offensiv als Skingirl aus. Als zwei junge Afghanen aus einem nahegelegenen Asylbewerberheim an ihrer Kasse stehen, ist ihr lapidarer Kommentar: "Sowas bedien' ich nicht." Marisas Nazi-Freund ist im Knast, mit der Mutter liegt sie in ständigem Streit, ihr einziger Vertrauter ist ihr todkranker Großvater, ein ehemaliger Landser, der Marisa, dieses "Opa-Kind", schon als Kind zu seiner kleinen "Kriegerin" abgerichtet hat.

Dementsprechend reagiert sie, als ihre Clique am Badesee mit den Afghanen aneinandergerät. Mit ihrem Auto, das unter dröhnendem Nazi-Punk zum Kampfgefährt wird, kickt sie die beiden Mofa-Fahrer von der Fahrbahn. Weil sie den einen für tot hält, glaubt sie an seinem Bruder Rasul (Sayed Ahmad Wasil Mrowat) etwas gutmachen zu müssen. Sie versorgt den Jungen mit Lebensmitteln und gewährt ihm schließlich sogar Obdach.

Es ist ein innerer Lösungsprozess, den der Film dokumentiert. Parallel zeigt er mit der voranschreitenden Verstrickung der 15-jährigen Svenja (Jella Haase) in die Neonazi-Clique, welche Attraktivität die rechte Szene für Heranwachsende gewinnen kann. Differenziert entfaltet der Film, wie der Neonazismus im Leben Jugendlicher emotionale Leerstellen besetzt und sie darüber zu "Gesinnungsgenossen" macht. Er gibt sie deshalb aber nicht verloren - an Marisas Beispiel illustriert er, wie die Wahrnehmung einer zuvor ausgeblendeten Lebenswirklichkeit die ideologischen Allianzen unterminieren und sogar auflösen kann.

Der Verfassungsschutz liest offensichtlich keine Drehbücher

Die "Kriegerin" wird sich gegen die Clique stellen. Dass sich dies glaubhaft - und für den Zuschauer absolut faszinierend - vollzieht, ist vor allem ihrer Darstellerin zu verdanken. Die aus Odessa stammende, in Berlin lebende Schauspielerin Alina Levshin ("Im Angesicht des Verbrechens") bringt Wucht und Wut auf die Leinwand: bei den Attacken auf Fahrgäste im Vorortzug, beim Streit mit der Mutter, Sex mit dem Freund und schließlich als Rasuls Fluchthelferin.

Zwei Jahre lang hat Regisseur David Wnendt für sein Drehbuch im Milieu recherchiert. Er hat Interviews mit rechtsextremen Jugendlichen geführt, sie im Alltag und zu ihren Aufmärschen begleitet. Vieles von dem, über das sich der erstaunte Zeitungsleser in diesen Wochen fassungslos die Augen reibt, ist in seinem Film auf der Leinwand zu sehen.

Da gibt es eine verrohte Horde von Gesinnungstätern, die in einer ostdeutschen Kleinstadt öffentlich agieren kann; Bekennertattoos mit Hakenkreuzen sind hier ebenso stylish wie Springerstiefel und Baseballschläger; da gibt es hanebüchene "Wehrübungen", und die einschlägigen Parolen - "Ich liebe mein Land" oder "Taten statt Worte" - hört man hier auch. Es gibt auch den eingeschleusten V-Mann, und es gibt sogar den Parteifunktionär (der im Film einer fiktiven "DNVP" angehört), der dem radikalsten unter den rassistischen Gewalttätern eine Schusswaffe verkauft. Später hantiert er damit vor einem Döner-Imbiss herum.

"Kriegerin" zeigt also all das, vor dem man lieber die Augen verschlossen hat, so dass man nun allerhand darüber nachlesen muss. Konstatieren darf man, dass der Verfassungsschutz jedenfalls keine Drehbücher liest. Das ist natürlich eine gute Nachricht. Aber eine schlechte ist es irgendwie auch, denn täte er es, hätte er sich von der Mordserie eines "Nationalsozialistischen Untergrunds" nicht überraschen lassen müssen. David Wnendts "Kriegerin" offenbart einen Kenntnisstand, den das allgemeine Vorstellungsvermögen erst jetzt - und damit offensichtlich viel zu spät - erreicht hat.

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