Kino-Drama "Mondkalb" Krankenakte Ost

Traumata am laufenden Band: Sylke Enders ("Kroko") erzählt in ihrem neuen Film "Mondkalb" die rührende Geschichte dreier Herzen, die aus dem Takt geraten. Was als feinfühliges Melodram über häusliche Gewalt beginnt, verkommt am Ende leider zur reinen Elendsbesichtigung.

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Man kann sich nicht aussuchen, wo einen das Glück übermannt. Manchen sucht es gar beim Senioren-Tanz heim. So wie Alex (Juliane Köhler) und Piet (Axel Prahl), zwei verlorene Seelchen um die Vierzig, die unruhig durch den Brandenburger Sommerabend streifen, um einander ausgerechnet bei den gedrosselten lateinamerikanischen Standards einer Rentner-Disco nahe zu kommen. Einen kurzen Augenblick geben sie sich dem gleichen Rhythmus hin, dem gleichen Tempo, dem gleichen Hoffen und Sehnen.

Ansonsten tanzen die beiden mit unvereinbaren Schritten nebeneinander her. Bei Alex geht’s stets zaudernd einen vor und zwei zurück, Piet indes marschiert jeden Selbstzweifel zur Seite schubsend durch sein Leben. Weshalb er die gelöste Stimmung beim Tanz denn auch dazu nutzt, zum Angriff überzugehen und der neuen Flamme einen Kuss auf den Mund zu drücken. Ein Fehler; Alex schaltet wieder den Rückwärtsgang ein, der Zauber des Abends erlischt.

Der eine viel zu schnell, die andere viel zu langsam: Sylke Enders hat eine Art Anti-Romanze gedreht über zwei Herzen, die komplett aus dem Takt geraten sind.

Chemielaborantin Alex hat Gefühle wie Sehnsucht und Zuneigung als untragbares Risiko fast komplett aus ihrem Leben verbannt, Fahrlehrer Piet sieht hingegen in seinen Annäherungsversuchen die einzige Möglichkeit, sich von seinen eigenen, gut verdrängten Problemen zu befreien. Die Liebe als Fluch, die Liebe als Alleskleber, das kann so oder so nicht gut gehen.

Improvisiertes Familienidyll

Doch so leicht kommen die beiden traurigen Helden in "Mondkalb" nicht voneinander los. Denn zwischen ihnen steht Piets Sohn Tom (Leonard Carow), ein kleiner Rumtreiber, dessen widerspenstige blonde Mähne kaum seine ebenso widerspenstige Visage verdeckt. In dem gleichen Maße wie der Junge Abstand zu seinem Vater sucht, kämpft er um die Nähe zur fremden Frau, die seine Mutter sein könnte. Immer wieder schaut er grimmig schweigend beim Haus von Alex vorbei, in das sie nach dem Tod ihrer Großmutter mit spärlicher Habe eingezogen ist. Piet kommt ebenfalls wie zufällig zu Besuch und bringt dann gleich auch noch die verwahrlosten Obst-Beete auf Vordermann.

Das improvisierte Familienidyll ist allerdings nicht von langer Dauer, die seelischen Altlasten lassen sich eben nicht so leicht beseitigen wie der Müll im Vorgarten. Denn Alex hat vor langer Zeit ihren Ehemann halb totgeschlagen und saß dafür einige Jahre im Gefängnis. Der kleine Tom indes fand einst die Mutter erhängt vor; Vater Piet hat den Verlust nie verwunden und entlädt all den aufgestauten Schmerz in gelegentlichen Prügelorgien.

Und genau hier liegt das Problem von Sylke Enders über Strecken doch so traumwandlerisch sicher in Szene gesetztem Drama: Die Ballung an häuslicher Gewalt wirkt irgendwann nur noch konstruiert. Eine Grausamkeit nach der anderen offenbart sich, während das sonderbare Trio zwischen Harmoniesucht und Handgreiflichkeit hin und her taumelt. Statt die Zuschauer zu sensibilisieren für die unaufgearbeiteten Ängste und Aggressionen, werden ihnen Traumata am laufenden Band präsentiert.

Atemberaubende Doppelbödigkeit

Dabei hatte die gebürtige Brandenburgerin Enders doch einst mit ihrem gefeierten Debütfilm vorgemacht, wie leichthändig sich Sozial-Dramen erzählen lassen, ohne dabei die Wirklichkeit zu verraten: In "Kroko", ihrem Überraschungserfolg aus dem Jahr 2003, ließ sie die Titelheldin, eine Art Sozialarbeiteralbtraum in Pink, auf ein Behindertenprojekt los und setzte auf diese Weise kitschfrei Prozesse des Erkennens in Gang. Bei "Mondkalb", Enders dritten und lang erwarteten Spielfilm, sucht man diese konstruktive Reibung nun vergeblich. Das anfänglich so feinfühlige Ostmelodram verkommt fatal zur Elendsbesichtigung.

Da nützt es nichts, dass die Hauptdarsteller ihre Figuren über weite Strecken in einem kunstvollen Schwebezustand halten. Gerade Axel Prahl, der in Tragikomödien wie "Halbe Treppe" oder "Du bist nicht allein" den Verlierern der Wende würdevolle Auftritte zu bereiten verstand, bringt eine atemberaubende Doppelbödigkeit in den Film: Wie er von einen Augenblick zum anderen vom knuffigen Kumpel zum Schläger mutiert, verstört zutiefst.

Doch je mehr die Charaktere in "Mondkalb" als Gefangene ihrer Lebensläufe erkennbar werden, je stärker ihre pathologischen Züge freigelegt werden, desto brutaler treibt ihnen Regisseurin Enders eben auch ihr Recht auf Komplexität aus. Was als unmögliche Liebesgeschichte begann, verbreitet am Ende nur noch das Flair einer Krankenakte.



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