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25. Dezember 2008, 12:35 Uhr

Kino-Kitsch "Australia"

Lady Nicole im Nirgendwo

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Groß, größer, "Australia"? Regisseur Baz Luhrmann wollte ein Meisterwerk schaffen, ein Epos über sein Heimatland. Entstanden ist ein brachial enttäuschender Genre-Bastard mit Kidman und Jackman, öder Computeroptik und furchtbarem Drehbuch - ein Aquarium hat mehr Tiefe als dieser Film.

Eine große Liebesgeschichte, die Geburt einer Nation und Landschaftsaufnahmen von noch nie gesehenen Ausmaßen: Man kann sich gut vorstellen, was Baz Luhrmann im Sinn gehabt haben mag, als er sich vor vielen Jahren an die Arbeit machte, seinem Land ein Kinodenkmal zu schenken.

Eine Mischung aus dem Bürgerkriegsepos "Vom Winde verweht" (1939) und dem Australien-Western "Der endlose Horizont" (1960) sollte es wohl werden – hier liebten sich die Helden vor dem glühenden Rot einer in Flammen stehenden Nation, dort trieb man das Vieh durchs schier grenzenlose Outback des fünften Kontinents und wuchs am Lagerfeuer zusammen.

Groß, größer, "Australia" – das mag vor fünf Jahren die Formatvorgabe für Luhrmann gewesen sein, der in den USA durch Filme wie die Disco-Operette "Moulin Rouge!" zu einem der kassenträchtigsten Regisseure der Welt geworden war und nun endlich sein Bier, Wolle und Hardrock exportierendes Heimatland im ganz großen Stil auf der Kinolandkarte verorten wollte.

Dann kam die australische Tourismusbehörde ins Spiel. Die sorgte mit Steuervergünstigungen in Millionenhöhe beim Dreh für ein angenehmes finanzielles Umfeld, hatte aber offensichtlich auch die eine oder andere Idee, wie man in Luhrmanns Epos das zu bewerbende Land für potentielle Besucher attraktiv darstellen könnte.

Wie eine Mischung aus "Vom Winde verweht" und "Endloser Horizont" sieht der Film deshalb jetzt leider nicht mehr aus. Eher wie ein brachialer Genre-Bastard aus der Weltkriegsschmonzette "Pearl Harbor" und dem Dummbatzklamauk "Crocodile Dundee". Mit wenig feinsinniger Ironie werden hier nämlich noch mal die üblichen Klischees von biersaufenden Naturburschen verbreitet, während die Kriegsszenen nach Art des Hollywood-Großproduzenten Jerry Bruckheimer als digitales Trickgewitter daherkommen.

Die Durchdigitalisierung der Bilder erweist sich tatsächlich als schwerwiegendes Problem. Sicher, man kann nicht mehr wie einst Hollywood-Mogul David O. Selznick für "Vom Winde verweht" eine ganze hölzerne Kulissenstadt in Flammen aufgehen lassen, damit sich vor dem nächtlichen Horizont dieser ganz spezielle, gefährlich glimmende Rot-Ton ausbreiten kann, der die Leidenschaft der Protagonisten noch einmal extra befeuert.

Die gepixelten Panoramabilder erweisen sich jedoch auch aus einem anderen Grund als fatal: Sie verhindern beim Zuschauer, dass sich ein Gefühl für Raum und Weite einstellt. Ein Aquarium hat mehr Tiefe als dieser Film.

Genau darum aber soll es doch wohl eigentlich in "Australia" gehen: wie man sich in einem Raum behauptet, der weitgehend frei von landschaftlichen, juristischen und zivilisatorischen Begrenzungen ist.

Solche Freiheiten müssen auf eine englische Upper-Class-Lady des Jahres 1939 natürlich als größtmögliche Bedrohung wirken. Kein Wunder also, dass Sarah Ashley (Nicole Kidman) in ihrem steifen Khaki-Dress wie eine Ein-Frau-Kolonialarmee auftritt, um das feindliche Terrain zu sondieren. Eigentlich wollte sie nur ihren Ehemann zurück von der Rinderfarm auf die schöne europäische Heimatinsel holen. Doch ein Widersacher hat den Gatten ermorden lassen, so dass die Britin hier im Nirgendwo des australischen Nordens nun selbst ins Fleischgeschäft des Verstorbenen einzusteigen gedenkt.

Mit einem sternhagelvollen Buchhalter, einem chinesischen Koch, einem süßen Aborigine-Mischling und dem hübschen, aber ungezähmten Hinterwäldler Drover (Hugh Jackman) versucht Lady Ashley das Unmögliche: das Vieh ins viele hundert Meilen entfernte Hafenstädtchen zu treiben, wo die englische Marine zu Beginn des Zweiten Weltkriegs bereit ist, viel Geld für frische eiweißreiche Soldatennahrung auszugeben.

Bis der lustig zusammengewürfelte Trupp zur quasifamiliären Zusammenkunft Aufstellung nehmen darf, sind allerdings einige Abenteuer zu bestehen: Da muss die entfesselte Rinderherde vor den Sturz in eine Schlucht bewahrt werden, da muss der infernalische nächtliche Angriff der Japaner aufs nördliche australische Festland überlebt werden, und da muss auch noch der kleine Mischlingsjunge aus den Fängen christlicher Missionare gerettet werden, die ihm seine Ureinwohnerinstinkte mit Gebeten und Gesängen austreiben wollen.

An dieser Stelle nun wächst sich dieser sehr schwache Abenteuerfilm zum bedenklichen Esoterik-Kitsch aus. Dieses Jahr hat sich die australische Regierung ja bereits offiziell bei den Ureinwohnern des Landes für den Raub und die Christianisierung junger Aborigines entschuldigt – eine Umerziehung, die übrigens noch bis in siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts praktiziert wurde. "Australia", von staatlichen Stellen abgesegnet und unterstützt, wirkt nun wie eine bemühte Verlängerung der offiziellen Anerkennung der Aborigines-Kultur in den fiktionalen Kosmos.

Das Problem: Regisseur Luhrmann betreibt in seinem Film die Beschwörung eines Naturmystizismus, an den er selber offensichtlich nicht bereit ist zu glauben. Wie aus heiterem Himmel steht deshalb immer, wenn es mal wieder brandgefährlich wird, der Opa des Jungen (David Gulpilil, bekannt aus dem Ethno-Klassiker "Walkabout" von 1971) unmotiviert auf einem Bein in der Handlung rum, um den Enkel und seine weißen Gefährten mit magischen Tricks zu beschützen. Ein wirklich abstoßendes postkoloniales Gönnertum macht sich so in der Geschichte breit: Vermeintlich politisch korrekt wird hier Ethno-Hokuspokus aufgefahren, ohne ihn ästhetisch und soziokulturell ernsthaft auszuführen.

So wird, was als Einigungsepos einer zerrissenen Nation beginnt, alsbald zur unverbindlichen Wildlife-Operette. Zu einer Art "Moulin Rouge!" im australischen Outback. Leider ohne die tolle Musik – und mit gar scheußlichen Tanzeinlagen: Für einen Wohltätigkeitsball am Vorabend des japanischen Überfalls muss sich der massiv bärtige Viehtreiber Drover nämlich komplett enthaaren und in ein weißes Dinnerjacket zwängen. Und das alles für einen ziemlich öden Foxtrott.

Noch so eine postkoloniale Zwangsmaßnahme: Australier, wo ist das alles hin, die Weite eures Landes und die Ungezähmtheit eurer Seelen!?

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