Kino-Kleinod "Police, Adjective" Im Angesicht keines Verbrechens

Mit zweieinhalb Jahren Verspätung kommt endlich der Cannes-Hit "Police, Adjective" in die deutschen Kinos. Dem rumänischen Regisseur Corneliu Porumboiu gelingt darin mit einfachsten Mitteln ein verblüffend vielschichtiger Film, der nicht nur die Genregrenzen des Krimis sprengt.

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Procedurals heißen Film- und Fernsehformate, bei denen die Lösung eines meist technischen Problems mit den Mitteln der Polizei- bzw. Detektivarbeit erfolgt. Corneliu Porumboius "Police, Adjective" scheint ein ebensolches Procedural zu sein: Ein Polizist wird mit einem Fall betraut, er ermittelt und findet nach gewissenhafter Arbeit schließlich die Lösung. Eine Nebenhandlung gibt es nicht, der Film folgt allein seinem einsamen Protagonisten und das in kaum mehr als zwei Dutzend Kameraeinstellungen.

Trotzdem könnten die 115 Minuten Laufzeit kaum erfüllter sein. Denn "Police, Adjective" ist zugleich auch Polit-Satire, Gesellschaftsdrama und intimes Porträt eines Mannes in der Sinnkrise.

Beim Filmfestival in Cannes gewann der Film 2009 dann auch gleich zwei Preise, den der Reihe "Un Certain Regard" und den FIPRESCI-Kritikerkreis. Warum es schließlich noch über zweieinhalb Jahre brauchte, bis dieses beiläufige Meisterwerk des rumänischen Kinos nach Deutschland kam, ist ein Rätsel.

Polizeiarbeit auf dem Schulhof

Als der junge Polizist Christi (Dragos Bucur) von seinem Chef den Auftrag erhält, einem Teenager hinterherzuspüren, ob dieser Marihuana raucht und gegebenfalls damit auch dealt, macht er sich sofort an die Arbeit. Christi ist ein gewissenhafter Beamter, der keine voreiligen Schlüsse ziehen mag. Deshalb folgt er dem Jungen auf dessen Weg zu seinen Freunden, beobachtet ihn auf dem Schulhof und sammelt seine ausgetretenen Kippen ein. Tag für Tag, fast eine ganze Woche lang.

Eine unansehnliche Straße hoch, eine andere, austauschbare, wieder runter, frieren auf einem Spielplatz, warten vor der Schule. So scheinbar starrköpfig, wie Christi dem Jungen folgt, heftet sich die Kamera an Christis Fersen. Die Kleinteiligkeit und Langeweile der Polizeiarbeit überträgt sich in den langen Einstellungen unmittelbar. Dennoch entsteht gleichzeitig auch eine seltsame Spannung: Was sieht Christi in den banalen Szenen, die sich vor seinen Augen abspielen? Welche Schlüsse zieht er daraus für den Fall? Und wie steht er überhaupt zu dem seltsamen Auftrag?

"Long takes" haben sich zu so etwas wie dem Markenzeichen des neuen rumänischen Kinos entwickelt. Kaum ein Film aus dem Umkreis von Christian Mungiu ("4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage") oder Radu Muntean ("Tuesday, after Christmas") verzichtet auf dieses Stilmittel. Dennoch nutzen sich die langen Einstellungen nicht ab, denn sie erfüllen, wie der Filmkritiker Bert Rebhandl treffend herausgearbeitet hat, eine Scharnierfunktion: Sie vermitteln zwischen Individuum und Gesellschaft. Der konzentrierte, beharrliche Blick auf den Einzelnen zwingt den Zuschauer dazu, sich auch dessen Umfeld gewahr zu werden.

Wie modern ist Rumänien?

Bei "Police, Adjective" rückt so zunächst die ostrumänische Kleinstadt Vaslui in den Fokus. Regisseur und Autor Porumboiu inszeniert seine Geburtstadt erschütternd trostlos, aber auch seltsam aus der Zeit gefallen. In welchem Jahrzehnt spielt der Film eigentlich? Immer wieder sucht man die Straßen, Häuser und Zimmer nach Hinweisen ab und findet den entscheidenden Tipp schließlich, als Christis Frau Anca (Irina Saulescu) ihm einen Song auf dem Computer vorspielt.

Doch die Frage nach der zeitlichen Verortung ist eine doppelte - denn letztlich fragt Porumboiu danach, wie modern das heutige Rumänien eigentlich ist.

Für Christi steht nach einer Woche Ermittlungen fest, dass der Junge, den er observiert hat, nicht nur kein Dealer ist. Gegenüber seinem Chef (Vlad Ivanov) vertritt er auch die Meinung, dass Rumänien bald seinen europäischen Nachbarn gleichziehen und den Besitz und Konsum von Marihuana entkriminalisieren wird. Von der Verhaftung des Jungen rät er deshalb dringend ab. Doch sein Chef fühlt sich von dieser Empfehlung überraschenderweise provoziert.

In einer furiosen Schlussszene, in der mehr gesprochen wird als im gesamten Film sonst, sieht sich Christi plötzlich gezwungen, Zeugnis über sein Gewissen und sein Selbstverständnis als Polizist abzulegen. Dass ihm dabei ausgerechnet ein Wörterbuch - daher auch der kryptische Titel - zum Verhängnis wird, führt die Vielschichtigkeit von "Police, Adjective" auf die Spitze. Perfider, lustiger und beklemmender sind autoritäre Strukturen selten gezeigt worden.

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