Ein Vierteljahr im Kino Das Büffet ist nicht eröffnet

Ein einzelner Film hat in diesem Quartal gezeigt: Schöne Menschen können grausam irren, und die deutsche Filmbranche kann ausgerechnet bei einem künstlerischen Triumph überaus leise werden. Mal abgesehen von der "SZ".
Juror Mads Mikkelsen in Cannes

Juror Mads Mikkelsen in Cannes

Foto: LOIC VENANCE/ AFP

Die Intelligenz von Menschen wird überbewertet, wenn man sie attraktiv findet. Geht mir so jeden Tag. Schauspieler treffen als Gruppe zum Beispiel so regelmäßig falsche Entscheidungen, Stichwort Oscars, dass es nur mit unserem Reinfallen auf Schönheit zu erklären ist, dass sie Jahr für Jahr in den Jurys der großen Filmfestivals sitzen. Auch Thierry Frémaux, Festivalleiter von Cannes, muss ernsthaft geblendet gewesen sein, als er die Jury zusammenstellte, die in diesem Jahr Ken Loach zum zweiten Mal mit einer Palme versah. Vanessa Paradis, Donald Sutherland, Kirsten Dunst, Mads Mikkelsen, Valeria Golino. Fünf von neun. Es reicht!

Die Geschichte zeigt: Tennessee Williams prämierte "Taxi Driver", Françoise Sagan "Apocalypse Now". Die von den beiden Autoren angeführten Jurys sind gute Beispiele für die früher herrschende Vielfalt mit inspirierenden Ergebnissen. Auch deshalb sollte 2016 ein Weckruf sein: Die Jury muss wieder Ort des kulturellen und intellektuellen Austauschs sein, über Genres, Gewerke und Herkünfte hinweg. Denn eins muss klar sein: Die Segmentierung, die das Kino von anderen Künsten zunehmend absondert, führt nicht zu cinephilen Ergebnissen. Im Gegenteil, immer öfter werden Preise und Filme in den Auftrag von Botschaften und politischem Engagement gestellt. Das Kalkül, das daraus spricht, Film wieder in die Gesellschaft zurückzuholen, kann so aber unmöglich aufgehen. Das vermögen nämlich nur Filme, die für sich stehen, als Werke des Kinos.

Cannes-Jury-Mitglieder Vanessa Paradis (links) und Kirsten Dunst

Cannes-Jury-Mitglieder Vanessa Paradis (links) und Kirsten Dunst

Foto: Sebastien Nogier/ dpa

Dafür allerdings braucht es Bescheidenheit und Souveränität. Und schon wären wir bei Maren Ade, deren zurückhaltendes Auftreten die Haltung ihres Filmes spiegelt. Ihr "Toni Erdmann" ist ein so bewusst, zärtlich und konsequent geformtes Erlebnis, dass es weit über Sujet und Anliegen hinausweist. Kein Wunder, dass der Film für viele Beobachterinnen und Beobachter in Cannes der stärkste Anwärter auf die Goldene Palme in diesem Jahr war und trotz der Laufzeit von knapp drei Stunden bereits 400.000 Zuschauer in Deutschland ins Kino lockte. Die Überwältigung, die der Film produziert, ist leise und kommt von innen - sie wirkt, als hätte sie nichts zu beweisen, aber alles zu geben.

Es gehört überhaupt zu den sympathischeren Seiten des deutschen Kinos, dass es sich mit wenigen Ausnahmen nach außen hin bescheiden zeigt. Ob beim Empfang in Cannes oder jüngst in Locarno, wenn da die Verantwortlichen der Exportvereinigung German Films sprechen: Es klingt in den vergangenen Jahren immer so, als wollten sie bloß kein Aufsehen erregen. Dazu gehört auch, dass diese Veranstaltungen niedrigschwellig und improvisiert aussehen.

Zombies auf der Piazza

In Locarno etwa hatte German-Films-Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek bereits den künstlerischen Leiter des Festivals sprechen lassen, ihre eigene Ansprache fast beendet und die Filmteams auf die Bühne geholt, da entdeckte sie plötzlich - in dem für diesen Anlass viel zu weiträumigen Innenhof - den Festivalpräsidenten Marco Solari. Nach einer kleinen peinlichen Pause fand sich dieser leicht überrumpelt auf der Bühne wieder - ganz wie der nicht so nahe Verwandte bei einer Hochzeit.

Solari, ein Vollblut-Profi, nutzte die Gelegenheit für ein paar bekannte, aber immerhin doch inhaltliche Sätze. Vor allem brach er eine Lanze dafür, gegen seinen eigenen Impuls und den Willen der Sponsoren unliebsame Filme wie einen Zombie-Thriller auch auf der großen Piazza zur Eröffnung zu zeigen. Seine Vision für das Festival nährt sich daraus, dass dessen internationale Bedeutung mit der künstlerischen Freiheit der Kuratoren steigt. Von Filmförderern und Verwaltern kriegt man solche kritischen und offenen Einschätzungen freilich fast nie zu hören, oder nur im Tête-à-Tête. Warum eigentlich? Am Ende stehen 20 Leute auf der Bühne - um dann aber nichts zu sagen, außer: Willkommen zum Büffet!

Nein, es hilft auch nicht, auf das Büffet zu verzichten: Inhaltlicher wird es dadurch noch lange nicht. Während es in Cannes beim deutschen Empfang schön übersichtlich ist und selbst im "Toni Erdmann"-Jahr auf richtiges Essen verzichtet wird, erfahren die wenigen eingeladenen Filmteams keine bessere Würdigung. Die Zurückhaltung des Teams um Maren Ade wirkte wie eine Verlängerung des Unwohlseins der Veranstalter: Sind sie überfordert von einem Film, der nicht in ihre Schubladen passt?

Maren Ade in den Armen einer Filmfigur aus "Toni Erdmann"

Maren Ade in den Armen einer Filmfigur aus "Toni Erdmann"

Foto: Pascal Le Segretain/ Getty Images

Ein deutsches Kino zu feiern, das Ansprüche hat und erfüllt, das scheint ihnen nur unter Verrenkungen möglich. Während dieselben Leute problemlos Schultern klopfen, wenn mal wieder eine Historien-Schmonzette Premiere feiert, einem Team wie dem von "Toni Erdmann" gegenüber wirken sie plötzlich hilflos. Statt zu reden, wird schnell ein Trailer eingeblendet, der die unterschiedlichsten deutschen Filme zu einem Brei zusammenklebt, als sei das, was bei uns produziert wird, ganz ganz großes Kino. Plötzlich wird es offenbar: Am besten klar kommen die Verantwortlichen mit dieser eindeutigen Ware, dem protzigen TV-Made-for-Kino.

Die eigene Ratlosigkeit einmal einzugestehen, das stünde auch der "Süddeutschen Zeitung" gut zu Gesicht. Überwältigt, und auch ein bisschen neben der Spur, wirkten deren Kritiker angesichts des Zuspruchs, den "Toni Erdmann" erfuhr. Während auch andere Medien wie SPIEGEL ONLINE sich auf "eine neue Ära für das deutsche Kino" freuen, die Filme wie "Toni Erdmann", "Wild" und "Vor der Morgenröte" einläuten könnten, ist die "SZ" völlig außer sich. Nationalistisch (hoffentlich aus Versehen) en vogue heißt es da: "für den deutschen Film (...) so etwas wie ein Weltmeisterschaftssieg mit einem einzigen, fulminanten Schuss". Und ob da wohl Ironie im Spiel ist, wenn ebendort zur Jurypreisvergabe steht: "Eigentlich war die Sache längst abgemacht gewesen: Wir sind Palme!"? Und weiter: "Toni Erdmann [dürfte] so werbewirksam fürs germanische Kino sein wie die WM 2006 für den deutschen Fußball."

Zielgerichtet. Zielgerichtet. Zielgerichtet.

Die "Süddeutsche Zeitung" ist schon seit Jahren für ihren Filmteil keine Referenz mehr. Oftmals stimmen die Proportionen und Schwerpunkte in den Berichten und Kritiken nicht. Von Festivals wird Markthörigkeit erwartet, Kleinigkeiten aus dem Hollywoodalltag werden zur Tendenz hochgejazzt, und Fatih Akins großer Reinfall "The Cut" wird im Vorfeld hochgeschrieben. Bei Ausrufen wie hier zu "Toni Erdmann" aber schwingt auch ein missionarischer Eifer mit. Wäre das reine Leidenschaft, ich würde sie verstehen. Doch daraus spricht auch das Bedürfnis nach einer prophetischen Kraft der Kritiker, die sich damit wieder selbst auf einen Sockel stellen. Da ist Vorsicht geboten, man weiß ja nie, ob attraktive Schauspieler nicht am Ende doch "germanisches" Kino auszeichnen würden, wenn es das denn gäbe. Es wäre sicherlich weder zurückhaltend noch bescheiden.

Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion indes würde das bestimmt freuen. Das Nationale, das ist ohnehin die dominante Kategorie in der (zu viele) Politiker auf die Kultur schauen, jedenfalls öffentlich. Unter der Kuppel des Reichstagsgebäudes veranstalten CDU und CSU im Juni einen Kulturabend, mitsamt Diskussionsrunde zur - mal wieder - Filmförderung. Schon der Titel hat es in sich: "Sammelsurium oder zielgerichtete Instrumente?" Leider habe ich nicht gezählt, wie oft im Verlauf der glückselig miteinander einverstandenen Runde "zielgerichtet" vorkommt. Vielleicht wird eine dreistellige Zahl erreicht, vermutlich aber knapp verfehlt.

Constantin-Film "Verliebt in Fixi"

Constantin-Film "Verliebt in Fixi"

Foto: Constantin

Die zahmen Versuche an diesem Sommerabend, verschiedene Positionen herauszuarbeiten, werden schnell konterkariert. Marietheres Wagner, Drehbuchdozentin und Förderjurymitglied, sitzt als "Kreative" auf dem Podium, und fast hätte sie auch in diese Richtung argumentiert. Einmal, noch recht zu Beginn rutscht ihr das Wort "Autorenfilm" raus. Es ist schmerzhaft und offenbarend zugleich anzusehen, wie sie sich von da an abmüht, das zurückzunehmen.

Die Drehbuchautorin, die einen Bayerischen Filmpreis in den Achtzigerjahren als Regienachwuchs erhielt, will um jeden Preis vermeiden, als Autorenfilmverteidigerin dazustehen. Wahnsinn: Dagegen wirkt Produzent Oliver Berben von der großen Schmiede Constantin Film geradezu Arthouse-freundlich. Souverän kalkuliert freundlich. Denn so sehr er anderen Filmen eine Berechtigung zuspricht, so sehr will er für seine Produktionen denselben kulturellen Wert behaupten. "Alles hat seine Zielgruppe."

Im Kino alles eine Soße

Eine amüsante, wenngleich traurige Wendung erfährt die Runde, als die Frage auftaucht, ob es Kriterien dafür gibt, was "kulturell" bei Filmen bedeutet. Reihum Fehlanzeige, als hätten diese Menschen sich noch nie Gedanken über Filme jenseits ihres Warencharakters gemacht. Auch das, wenn man so will, eine Form von Bescheidenheit: intellektuelle Bescheidenheit.

Am meisten überrascht das vielleicht beim ehemaligen Filmakademie-Geschäftsführer Alfred Holighaus, dessen Job es doch war, an kulturelle (und künstlerische) Kriterien zu glauben. Aber nein: im Kino alles eine Soße. Mitglieder der Deutschen Filmakademie reiben sich nach der Diskussion die Ohren und fragen, ob Holighaus, der erst seit Kurzem von der Filmakademie zur Spitzenorganisation der deutschen Filmwirtschaft gewechselt hat, sich so schnell verwandelt habe.

Mir scheint, es ist eher umgekehrt: Die Filmakademie ist heute, Post-Holighaus, dabei, sich neu zu formieren und offener zu werden für einen Kunstanspruch, den sie vorher bewusst vermieden hatte. Vorbei die resignierte Bescheidenheit, der zufolge alles irgendwie gleichwertig sei. Allein an Holighaus' Weggang wird das nicht liegen, denn obwohl er den größeren Produzenten und Verleihern schon früher oft nahestand, ist er gleichzeitig einer, der auch zur Konferenz des Deutschen Kulturrats über das Filmerbe geht, wo sich ansonsten vornehmlich Historiker, Filmwissenschaftler und Kinematheksmitarbeiter tummeln. Es ist nun einmal nicht alles so eindeutig.

Es geht um die Zukunft des Kinos, um die Bewahrung, die Digitalisierung, die Zugänglichkeit. Während der Kulturhaushalt steigt, bleibt das Geld aus Monika Grütters' Haushalt dafür ein Tropfen auf den heißen Stein. Kein Wunder, dass angesichts eines solchen Laisser-faire die Frage nach der Kassation, also der regelmäßigen Zerstörung von Originalen, einer international ziemlich einmaligen deutschen Praxis, noch immer nicht vom Tisch ist.

Immerhin scheint sich auch da langsam mehr Zurückhaltung durchzusetzen. Es ist an diesem Tag Anfang Juli in der Landesvertretung von Sachsen-Anhalt zugleich offensichtlich, dass der Präsident des Bundesarchivs Michael Hollmann ein eher, sagen wir, unkonventionelles Verständnis von Film hat: Er betont nämlich, ihm sei die Rettung des Textes wichtiger als die Rettung des Buches. Klingt interessant: Nur, was ist beim Film der Text? Die Dialoge? Und sind die Stimmen dann das Buch? Oder sind die Stimmen noch Text, das Licht und die Schatten aber nicht? Vielleicht ist auch das nur deutsche Bescheidenheit. Sie wäre hier eindeutig fehl am Platz.

Zum Autor
Foto: privat

Frédéric Jaeger ist Vorstandsmitglied im Verband der deutschen Filmkritik und Chefredakteur von critic.de . Als freier Autor schreibt er unter anderem für SPIEGEL ONLINE. 2015 hat er die parallel zur Berlinale stattfindende Woche der Kritik  mitgegründet und als Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen ein Jahr lang zu Filmpolitik gearbeitet. An dieser Stelle hält er vier Mal im Jahr Rückschau auf das vergangene Quartal in der Filmbranche .