Kino-Komödie "Burn After Reading" Die kaltherzigen Coens

Lockerungsübung ohne Liebe: Wenn die Regie-Brüder Joel und Ethan Coen eine Komödie mit Brad Pitt und George Clooney drehen, sollte es eigentlich viel zu lachen geben. In der CIA-Farce "Burn After Reading" haben aber vor allem die Filmemacher Spaß.

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"Niemand hat ein Recht auf ein Happy End", sagte Ethan Coen kürzlich in einem Interview mit der "Zeit". Zusammen mit seinem Bruder Joel dreht er seit 25 Jahren Filme, mal brutal, mal komisch, mal schräg, die sich verlässlich gegen den Hollywood-Mainstream stemmen. Als Marke genießen die Coen-Brüder daher Kultstatus unter Kino-Nerds und Filmkritikern. Ein paar Preise gab es auch schon, darunter den Oscar für den besten Film im vergangenen Jahr. Und sogar das Massenpublikum hat sich schon für den einen oder anderen Film der Coens begeistert.

Es waren immer die Komödien, die den besonderen Humor der Brüder am massenverträglichsten transportiert haben. Das Scheidungsdrama "Ein (un)möglicher Härtefall" zum Beispiel, gehört in Deutschland zu den erfolgreichsten Coen-Filmen. Aber Zuschauerzahlen und Kassenerlöse sagen nichts darüber aus, wie verstört ein Zuschauer aus dem Film gelaufen ist, nachdem er eigentlich eine romantische Komödie mit George Clooney und Catherine Zeta-Jones sehen wollte - stattdessen aber eine Screwball-Hommage voll schräger Gags und Anspielungen erlebte.

Inzwischen sind die Coen-Brüder so notorisch bekannt, so allgegenwärtig in Feuilletons und Entertainment-Sektionen, dass der Zuschauer kaum mehr blauäugig in einen ihrer Filme tappen kann. Wenn am Donnerstag "Burn After Reading" anläuft, die neue, bis zum Anschlag Star besetzte Komödie der Coens, dann mag es noch ein paar Unentwegte geben, die "Ocean's Fourteen" erwarten. Der Rest aber wird sich ein geistreiches Feuerwerk, den Gipfel der intellektuellen Ironie, mindestens aber den lustigsten Film seit "The Big Lebowski" und "O Brother Where Art Thou" erhoffen.

Nun, all jene werden wahrscheinlich enttäuscht sein. Die Coens wären nicht die Coens, wenn sie ihren eigenen Kult-Status nicht stetig unterminieren würden. Etwas furchtbar Zwanghaftes haftet den Filmen dieser beiden Amerikaner an, ein Schalk, der ihnen nicht nur im Nacken sitzt, sondern sich dort längst festgebissen hat. Der Willen zur Widerborstigkeit hat sich anscheinend so verhärtet, dass selbst eine Lockerungsübung wie "Burn After Reading" von Krampfanfällen begleitet wird. Es hat nicht nur niemand ein Recht auf ein Happy End, es hat auch niemand ein Recht darauf, sich beim Ansehen eines Coen-Films zu amüsieren - so könnte man Ethan Coens Credo auf sein neuestes Werk umdeuten.

Denn Spaß an "Burn After Reading" sollten in erster Linie die Akteure vor und hinter der Kamera haben, das ist in fast jeder Szene des Films zu spüren: Jeder agiert mit so viel Verve und Elan, versucht so verbissen, komischer und kurioser als der andere zu sein, dass viele Witze am Ende arg bemüht wirken.

Dabei ist die Ausgangssituation denkbar gut: Erzählt wird - wie meistens in einem Coen-Film - die Geschichte einer Gruppe von Menschen, die sich in ihrer Gier nach Glück und Geld so dusselig anstellen, dass sie sich - und damit das gesamte menschliche Streben nach Glückseligkeit - der Lächerlichkeit preisgeben. Coen-Charaktere sind primär Idioten, denen man bei ihrem absurden Treiben zuschaut und vor lauter Erstaunen den Kopf schüttelt - so wie Tommy Lee Jones, als er im grimmigen Coen-Film "No Country For Old Men" vor einem Berg Leichen steht.

Aus lauter Jux und Dollerei zum Affen machen

"Burn After Reading" ist kein Film über die Komik des Sterbens wie der oscarprämierte Vorgänger, sondern eine Farce über Washington und seine Geheimniskrämer, die Einfalt der CIA und die Dämlichkeit des amerikanischen Fitness- und Schönheitswahns. Das Personal ist reichhaltig und illuster: Da gibt es die kantige Sportstudio-Angestellte Linda Litzke (Frances McDormand), die gerne viel Geld hätte, um ihre geplanten Schönheitsoperationen zu bezahlen, und ihren Kumpel Chad Feldheimer (Brad Pitt), einen dumpfen Fitnesstrainer mit zweifarbiger Bürstenfrisur und chronisch vorgeschobener Unterlippe. Als Chad in der Umkleide eine CD-Rom mit vermeintlich geheimen CIA-Dokumenten findet, wittert Linda ihre große Chance. Zusammen mit Chad versucht sie, den Besitzer der Daten zu erpressen.

Der heißt Osbourne Cox, hat ein Alkoholproblem, wurde deswegen vom Geheimdienst suspendiert und ist mit einer Frau verheiratet, die ihn nach Strich und Faden betrügt. Kein Wunder, dass Cox (exaltiert: John Malkovich) allein in den ersten zwei Minuten des Films sechsmal "Fuck" sagt. Frustriert über sein verpfuschtes Leben verfasst er seine Memoiren, die er schließlich im Fitness-Center liegen lässt.

Osbournes Frau (Tilda Swinton) treibt es hinter seinem Rücken mit dem sexsüchtigen U.S. Marshall Harry Pfarrer (George Clooney), der in seinem Keller perverse Gerätschaften anfertigt und sich gerne in Chatrooms zum nächsten One-Night-Stand verabredet. Im Internet trifft er schließlich auch auf die vereinsamte Linda Litzke, aber das ist nur eine der vielen kleinen Nebengeschichten, die in "Burn After Reading" mit leichter Hand nebenbei erzählt werden.

Wichtig ist nur, dass die eine Hälfte der Agierenden das Ende des Films nicht erlebt, die andere Hälfte aber auch nicht glücklich wird. Besonders hart trifft das den hundeäugigen, halbglatzigen Fitness-Studio Chef Ted Treffon (Richard Jenkins), der sich in Linda verliebt hat, am Ende aber, siehe oben, kein Recht auf ein Happy End hat.

Treffon ist nur ein kleiner Charakter, aber der einzige, der wirklich liebt, dem es tatsächlich um etwas geht, der zwischenmenschlichen Kontakt aufnehmen will. Alle anderen haben nur sich selbst im Kopf und reden konsequent aneinander vorbei. Und ja, es wird eine ganze Menge gequasselt in diesem Film.

Das Problem von "Burn After Reading" ist also nicht, dass es manchmal etwas arg unglaubwürdig zugeht (Vergessene CD-Rom, Zufallsbekanntschaft im Chatroom), sondern dass der Film kein Herz hat. Zynischer, nihilistischer haben die Coen-Brüder ihren Blick lange nicht auf den Ameisenhaufen unserer Gesellschaft gerichtet.

So bleibt einem als Zuschauer nur übrig, sich am Panoptikum der großen Stars zu ergötzen, die unter der Regie der Coens all das dürfen, was ihnen das strenge Regelwerk Hollywoods nicht erlaubt. Brad Pitt ist köstlich als hibbeliger Fitness-Hirni, George Clooney parodiert seine Rolle als bärtiger CIA-Renegat in "Syriana" und reißt ständig die Augen auf, als würden gleich seine Augäpfel rausploppen. Frances McDormand, im echten Leben mit Joel Coen verheiratet, ist brillant als starrsinnige OP-Manikerin, und John Malkovich liefert fluchend und fuchtelnd seine beste Leistung seit Jahren ab. Man sieht diesen Leuten gerne dabei zu, wie sie sich aus lauter Jux und Dollerei zum Affen machen.

Und die Coen-Brüder schweben Göttern gleich über der Szenerie und dirigieren ihre sehr schwarzhumorigen, aber leider kaltherzigen Comédie Humaine.



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