Kino "Lagrimas Negras" - Leben den Lebendigen

Daß der Son Medizin und Musik Leben ist, zeigt der Dokumentarfilm über das kubanische Quintett Vieja Trova Santiaguera.

Von Cristina Moles Kaupp


Reinaldo Creagh ist weit über achtzig. Der kubanische Sänger klammert sich an seinen Stock, inspiziert ernst die Bühne, auf der er und seine vier Mitmusiker abends stehen werden. Wiederholt stampfen seine Füße auf. Er lauscht den Klängen nach, um ihnen in seiner Phantasie plötzlich vorauszueilen. Der Stock wird achtlos zur Seite gelegt, Hände und Füße finden einen Rhythmus, er zählt die Schritte, wird immer beweglicher, verjüngt sich mit jeder Runde, die er dreht: "...und Cha Cha Cha."

Musik ist Medizin; davon ist das Quintett Vieja Trova Santiaguera überzeugt. Sogar Lahme stünden wieder auf, sobald sie den Son hörten. Derart belebend wirkt diese Mixtur aus spanischen und afrikanischen Klängen, jene Urform des Salsa, die im östlichen Teil Kubas ihre spezielle Prägung erfuhr. Melancholische Balladen über die großen Passionen des Lebens - seit geraumer Zeit sind sie neben den Zigarren der Exportschlager aus Castros Reich. Obwohl antiquiert, verströmt der Son einen besonderen Charme, das Wissen um die wenigen Tage, die den alten Musikern und dem System Cubas noch verbleiben.

Die Niederländerin Sonia Herman Dolz dokumentiert in "Lagrimas Negras" (Schwarze Tränen) jedoch keine musikalische Quellenforschung. Statt dessen hat sie sich jener Herren angenommen, die sich erst vor fünf Jahren zu den Vieja Trova Santiaguera (Die alten Troubadoure aus Santiago) zusammenfanden. Alles Musiker der in Kuba besthonorierten A-Kategorie, deren Geburtsdaten unfaßbar fern liegen: 1913, 1918, 1926, 1928 und 1931.

Sechs Wochen hat sie die Regisseurin begleitet, sehr an den Menschen interessiert, an ihrem Werdegang, an ihrer Würde. Respektvoll späht die Kamera in ärmliche Wohnzimmer, beobachtet die Proben, hält fest, was in Santiago auf den staubigen Straßen geschieht: spielende Kinder, verrostete Luxuskarossen, Menschen, die Zigarre rauchen und langsam durch ihr Leben gehen. Und allerorten jene schöne warme Musik, die alles durchpulst. Dazwischen alte Fotografien und Geschichten.

Die Tournee nach Europa zeigt das Quintett am Grab von "Carlos" Marx. Wie die Herren taktvoll ihre Mützen ziehen, in einem Doppeldecker durch London fahren und sehnsuchtsvoll von Kuba singen, vor den Konzerten mit zittrigen Fingern mühsam die Fliegen um ihre dürren Hälse bändigen oder sich wie Kinder hinter der Bühne kappeln - ein wunderschöner Film, voller Liebe für Männer, die wissen, wie das Leben geht.



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