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Kinoepos "The Tree of Life": Wann ist ein Mensch ein Mensch?

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Kino-Meisterwerk "The Tree of Life" Elektrisiert vom Wunder Leben

Größer geht nicht: In seinem Film "The Tree of Life" nimmt sich Regie-Legende Terrence Malick der Essenz des menschlichen Lebens an: Nichts Geringeres als die Entstehung des Universums spiegelt sich mit überwältigenden Bildern in einer Kleinstadt-Kindheit der fünfziger Jahre.
Von Thomas Schultze

"The Tree of Life" ist ein unmöglicher Film. Er ist überambitioniert, ausufernd, undiszipliniert, präzise durchkomponiert und doch nicht ganz durchdacht. Er verweigert sich der handelsüblichen Drei-Akt-Struktur des narrativen Kinos und einer eindeutigen Aussage und zeigt wenig Interesse an einer Geschichte im klassischen Sinne.

Er erzählt von einer Kindheit im Texas der fünfziger Jahre, und er macht das aus der Perspektive des Universums. Er stellt die Frage nach dem Grund des Daseins und meint es auch noch ernst. Er sucht die Auseinandersetzung mit einer höheren Existenz, ohne dabei postmodern kichern zu müssen oder sich verschämt abzuwenden aufgrund der Aufrichtigkeit seiner Absichten. Er zeigt in einer vier Wochen nach der Weltpremiere des Films in Cannes bereits legendären 20-Minuten-Sequenz ganz unvermittelt die Entstehung des Universums und lässt sein Publikum allein mit seinen Bildern und einem Dinosaurier, der den ersten Akt der Gnade begeht.

Was will Regisseur Terrence Malick? Was bedeutet der unablässige Bildersturm, das Wispern körperloser Stimmen, das wiederholte andächtige Schwenken der Kamera an Bäumen hoch, durch deren Äste Sonnenstrahlen funkeln, als wollten sie ihren Betrachter berühren? Man könnte "The Tree of Life" vorwerfen, er sei prätentiös, überfrachtet, esoterisch, eine Aneinanderreihung von beeindruckenden Naturszenen, wie man sie im Fernsehen auch bei Dokumentationen von "National Geographic" sehen kann. Mit einem Wort: gescheitert.

So ganz hätte man noch nicht einmal unrecht. Aber was für ein wunderbares Scheitern das ist, was für eine singuläre Vision, was für ein großer Film, der seinen Zuschauer das machen lässt, was im Zeitalter selbstverständlich gewordener digitaler Effekte selten geworden ist: Er lässt den Betrachter staunen. Staunen ob seiner überragenden Schönheit, die jede einzelne, penibel konzipierte Einstellung durchdringt, Staunen ob seiner kühnen Konstruktion und perfekten Schnittfolgen, Staunen ob seines unerschütterlichen Vertrauens in die Kraft der geschaffenen Bilder, als wäre man wirklich der Erste, der sie zu sehen bekommt.

Anfang und Ende der Zeit

Das hat Terrence Malick gerade bei der europäischen Presse den Ruf des "großen Naiven" eingebracht. Aber es ist eine kalkulierte, bewusste Naivität, geboren aus der Überzeugung, dass die zwingende Wirkung von Bild, Ton, Musik und Schnitt den Zuschauer in einen Zustand der Unschuld versetzt: 138 Minuten lang ist die Welt exakt so groß wie "The Tree of Life". Und es ist eine Naivität, die der Film mit seinem Helden gemein hat, dem zwölfjährigen Jack O'Brien, der mit seinen beiden jüngeren Brüdern in Waco, Texas, aufwächst und seinen Weg ins Leben sucht, stets im Spannungsfeld zwischen seiner sanften, ätherischen Mutter und dem strengen Vater.

"Vater, Mutter. Immer kämpft ihr in mir", sind die ersten Sätze, die man aus dem Off zu hören bekommt in der Ouvertüre des Films. Ein Brief setzt die Handlung in Bewegung, die Nachricht vom Tod eines der drei Söhne, vermutlich Vietnam, auf jeden Fall so erschütternd, dass Jack den Verlust auch als erwachsener Mann, gespielt von Sean Penn in einer Rolle, die wohl einmal größer gewesen sein musste, nun aber kaum mehr als fünf Minuten umfasst, jahrzehntelang nicht abschütteln konnte.

Jack ist Architekt, aber wenn man ihn sieht, vor den Wolkenkratzern von Houston, dann wirkt er vor den Gebäuden, die er errichtet hat, klein und verloren. Am Jahrestag des Todes stellt er wieder die Frage danach, warum ein junger Mann so früh sterben musste, und begibt sich auf eine Reise, die ihn an den Anfang und das Ende der Zeit trägt.

Die folgende Sequenz, in der sich aus Spiralnebeln und Zellteilungen langsam Erde und Leben erheben, ist unverkennbar an Stanley Kubricks "2001 - Odyssee im Weltraum" angelehnt. Das ist beachtlich, denn Malicks Werk ist sonst so frei von Anspielungen an die Filmgeschichte - und sein Weltbild könnte sich nicht deutlicher von dem des resignierten Zynikers Kubrick unterscheiden, der im Mensch nur ein Auslaufmodell sieht, das sich selbst auf die Müllhalde der Geschichte befördert.

Malick dagegen zelebriert die Schöpfung, ist elektrisiert vom Wunder Leben. Seine Schöpfungssequenz beendet er mit dem Einschlag jenes Meteors, der die Dinosaurier ausgelöscht hat. Es fällt schwer, diesen Moment aber nicht auch als Augenblick der Befruchtung zu sehen, die Geburt des Menschen, versinnbildlicht durch den Jungen Jack: Jeder Mensch, sagt Malick, trägt die gesamte Geschichte des Universums in sich und schreibt sie entsprechend weiter.

Nie war Brad Pitt besser als hier

Stets handeln die Filme Malicks - es sind insgesamt nur fünf, die er in knapp 40 Jahren realisiert hat - vom Verlust der Unschuld. In "The Tree of Life" beschreibt er diesen Moment als zwingendes Ereignis auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Selten zuvor ist es einem Filmemacher gelungen, die Gefühls- und Erfahrungswelt eines Kindes so umfassend zu beschreiben wie hier.

Die ersten Jahre verbringt er verankert in der Wärme und Zärtlichkeit der Mutter, gespielt von Jessica Chastain, in der Wahrnehmung ihres Sohnes ein feenartiges Wesen, das in einer Szene gar vor einem Baum schwebt. Erst später wird der Einfluss des Vaters größer, spielen seine körperliche Präsenz, seine Strenge und sein Fordern eine zunehmend größere Rolle. Brad Pitt, der wandelbarste und uneitelste unter den Superstars Hollywoods, war früher schon gut, aber nie war er besser als hier, wo er keine ausgeformte Figur spielt, sondern immer nur die Projektion dessen, was sein Sohn im jeweiligen Alter wahrnimmt.

Erziehung, Erfahrungen, Versuchung, erwachende Sexualität, Scham, erste Schuld und Konfrontation mit der Vergänglichkeit: Malick erzählt davon, was den Menschen zum Menschen macht, und sucht den Punkt, an dem wir von der Gnade abfallen und aus dem Paradies verstoßen werden. Er beschreibt das Bedürfnis nach Kunst als aussichtsloses Streben, der Perfektion der Schöpfung wieder nahezukommen. Mantovani habe ein Stück 56-mal aufnehmen lassen, erzählt Vater O'Brien seinem Sohn. Danach habe er resigniert festgestellt, dass er es noch besser könne.

Sechs Jahre hat der 67-jährige Texaner Terrence Malick, der in den sechziger Jahren als Lehrer gearbeitet und Martin Heideggers "Vom Wesen der Wahrheit" ins Englische übersetzt hat, an diesem Opus Magnum, diesem so persönlichen und doch so universalen Film gearbeitet, drei davon allein im Schneideraum. Das Ergebnis ist eine getragene und doch durch und durch wilde Sinfonie in vier ganz unterschiedlichen Sätzen, die seine beiden vorangegangenen Filme perfekt ergänzt. In "Der schmale Grat" ging es um den Krieg, in "The New World" um die letzte aller neuen Welten, den Tod. Jetzt erzählt er vom Leben selbst. Ein neuer Film ist bereits abgedreht. Das noch unbetitelte Werk unter anderem mit Rachel McAdams, Ben Affleck und Javier Bardem soll, so heißt es, noch unkonventioneller und abstrakter sein. Worum es geht? Um die Liebe.