Kino-Musical "Across the Universe" Soundtrack unseres Lebens

In ihrem bunten Kino-Musical "Across the Universe" entführt Julie Taymor den Zuschauer auf einen bezaubernden, herzergreifenden Trip in die seligen Sixties. Kongenial mit der Handlung verwoben: ein Soundtrack aus Beatles-Klassikern.

Es war ein ungewöhnliches Bild, das sich nach der Vorführung von "Across the Universe" auf dem Toronto International Film Festival bot. Etliche der sonst so geschäftigen Presse- und Industrievertreter verweilten mit einem entrückten Gesichtsausdruck im Saal, einige summten noch die letzten Takte aus Julie Taymors zweistündigem Leinwand-Musical. Und eine amerikanische Kollegin, die auf einer besonders großen Glückswolke zu schweben schien, drehte sich unvermittelt um und verkündete strahlend: "Das hier ist einer der wichtigsten Filme des Jahres."

Sixties-Musical "Across the Universe" (mit Evan Rachel Wood, Jim Sturgess): Schamlos sentimental

Sixties-Musical "Across the Universe" (mit Evan Rachel Wood, Jim Sturgess): Schamlos sentimental

Foto: Sony Pictures

Über dieses euphorische Urteil wird noch zu reden sein, aber ohne Zweifel gab es in letzter Zeit kein ähnlich einnehmendes, zwischen naivem Charme und perfekter Manipulation des Publikums oszillierendes Kinoerlebnis.

Der unmittelbare Reiz des schamlos sentimentalen Spektakels verdankt sich dabei der kühnen Idee, mit insgesamt 33 neuinterpretierten Beatles-Songs die Geschichte einer transatlantischen Liebe in den sechziger Jahren zu erzählen: Der junge Dockarbeiter Jude (Jim Sturgess) aus Liverpool reist als Matrose in die USA, um seinen verschollenen Vater zu suchen. In Princeton erlebt er ein ernüchterndes Wiedersehen mit dem ehemaligen GI, der einst Judes Mutter schwanger zurückließ und nun als Hausmeister an der Eliteuniversität arbeitet.

Dort trifft Jude aber auch auf den rebellischen Studenten Max (Joe Anderson), der spontan Gefallen an dem englischen Working-Class-Touristen findet. Schnell sind die beiden unzertrennlich, und nachdem Max sein Studium abgebrochen hat, ziehen die neuen Freunde nach New York. Im Village werden sie Teil einer Künstlerkommune, zu der die Sängerin Sadie (Dana Fuchs), der afroamerikanische Gitarrist Jo-Jo (Martin Luther McCoy) sowie die ehemalige Cheerleaderin Prudence (T.V. Caprio) gehören.

Befreit von der heimatlichen Enge entdeckt Jude sein Talent als Maler und die Leidenschaft für Max' kämpferische Schwester Lucy (Evan Rachel Wood), die sich in der Studentenbewegung gegen den eskalierenden Vietnamkrieg engagiert. Das rosige Happening der Herzen kann jedoch auf Dauer nicht gegen den Horror der Zeitgeschichte bestehen, und als Max zur Armee eingezogen wird, schließt sich Lucy dem militanten Untergrund an. In den Trümmern zerborstener Träume und angesichts einer Welt in Aufruhr muss Jude nun mehr als nur einen Ozean überwinden, um seine Geliebte wiederzufinden.

Hippie-Hymnen für die Herzensbildung

"All you need is love" – mehr als diese Worte braucht es nicht und schon tönt im Kopf die berüchtigte Hippie-Hymne. Wie wohl keine anderen Songs haben sich die Kompositionen der Beatles tief ins kollektive Popgedächtnis gebrannt. So sind Generationen mit dieser tatsächlichen Weltmusik aufgewachsen, die man lieben oder hassen, aber nicht ignorieren kann: Ob man sich für das umfangreiche Werk des Quartetts begeistert oder den Konsenssound von Lennon/McCartney für überschätzt hält, die Fab Four sind der subkutane Soundtrack unserer Leben.

Virtuos nutzt "Across the Universe" den Umstand, dass der Backkatalog der Band gleichermaßen gemeinsame Erfahrungen und individuelle Emotionen abruft. Auf berückende Weise gelingt es dabei der Musikdramaturgie, die Klischees der weltbekannten Lieder umzudeuten: Überwiegend live von den Darstellern gesungen, werden die Neueinspielungen von Dauerbrennern wie "With a Little Help From My Friends", "Come Together" oder "Let it Be" selbstverständlicher Teil einer Erzählung, in der die Songtexte das verblüffend schlüssige Libretto liefern.

Der fließende Übergang zwischen Wort und Gesang unterscheidet den Film hierbei von simplen Hitparaden wie "Mamma Mia", zumal der neue Kontext ungeahnte Facetten der Songs offenbart. "I Wanna Hold Your Hand" als zeitlupenhafte Liebesballade einer lesbischen Teenagerin, "Happiness is a Warm Gun" als apokalyptisches Crescendo im Lazarett und "I am the Walrus" als ironische Selbstdemontage von Gaststar Bono in der Rolle eines Neal-Cassady-Wiedergängers – mit müheloser Eleganz macht sich "Across the Universe" vermeintlich unantastbares Liedgut zu eigen.

Comeback des Idealismus

Die zwingenden Melodien paart Theaterregiestar Julie Taymor, berühmt für ihre Broadway-Adaption des "König der Löwen", mit ebenso kraftvollen Bilder. Als gelte es, den Bomben des Krieges einen gestalterischen Gewaltakt entgegenzusetzen, lässt sie die Leinwand in Farben und Dekors explodieren: Liverpools Stadtsilhouette erhebt sich als pechschwarze Schornsteinorgel gegen den Himmel, das Greenwich Village erstrahlt in psychedelischer Pracht, jede Straßenschlacht ist eine Ballettperformance, und in Vietnams verlorenem Garten Eden tanzen Bäuerinnen über das Wasser. Durch diese verwegene Halluzination der Historie schweben Jim Sturgess und die wunderbare Evan Rachel Wood, das "girl with kaleidoscope eyes", als rührendes Paar in eine vielleicht bessere Zukunft.

Keine Frage, dies ist ein Kino der verführerischen Überwältigung, in dem sich Kitsch und Kunst untrennbar verschränken. Ist man nach dem Rausch wieder halbwegs bei Sinnen, bleibt ein vereinfachtes Weltbild, das politisches Unrecht nur mit Liebe kontert. Nun war die "Revolution" schon mit den selbstgefälligen Beatles nicht zu machen, aber um dialektische Konsequenz geht es hier auch nicht. Vielmehr will das jubilierende Comeback der idealistischen Sixties emotionales Balsam für ein Amerika im Krieg und in der Sinnkrise sein, und genau das haben die US-Zuschauer in Toronto dankbar angenommen.

Wenn nicht tatsächlich einer der wichtigsten, so ist "Across the Universe" damit doch zumindest einer der tröstlichsten Filme des Jahres: Ein bisschen Frieden, und sei es auch nur für die Dauer eines Liedes.