Tanzfilm "Isadoras Kinder" im Netz Kino für die Quarantäne

Wegen der Corona-Epidemie sind die Kinos geschlossen. Der Tanzfilm "Isadoras Kinder" kommt deshalb auf einer digitalen Plattform heraus. Es ist genau der richtige Film für diese Zeit.
Von Esther Buss
Szene aus "Isadoras Kinder": Tänzerin (Manon Carpentier) und Choreografin (Marika Rizzi) zwischen den Proben

Szene aus "Isadoras Kinder": Tänzerin (Manon Carpentier) und Choreografin (Marika Rizzi) zwischen den Proben

Foto: eksystent

Vor einer Woche noch hätte kein Mensch dieser Welt das Heimkino, selbst in einer noch so exzessiv praktizierten Form, mit dem Begriff "Quarantäne" in Verbindung gebracht. Doch seit der Schließung der Kinos in Folge der Corona-Pandemie gibt es keine Alternative mehr zur Privatisierung des Filmeschauens. Einige kleine Filmverleiher, die von der Krise besonders hart getroffen sind, versuchen auf die neue Situation zu reagieren und dabei Solidarität mit den ebenfalls in ihrer Existenz bedrohten Kinos zu zeigen.

Der Verleih Grandfilm  aus Nürnberg etwa streamt Filme aus seinem Bestand nun auf einem eigenen Vimeo-Kanal, die Einnahmen gehen zur Hälfte an die Kinos, die regelmäßig mit ihnen zusammenarbeiten. Zu einem radikalen Schritt hat sich nun der kleine, in München ansässige Verleih Eksystent entschlossen. Seit Kurzem ist auf der Kinobetreiber-Plattform Kino on Demand  ("Film-Marathon in Quarantäne" heißt es auf der Website der Plattform) ein Film verfügbar, dessen Kinostart eigentlich erst für April vorgesehen war.

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"Isadoras Kinder"

Foto: eksystent

So traurig es auch ist, "Isadoras Kinder" von Damien Manivel nicht auf der Leinwand mit anderen Menschen sehen zu können: Es ist genau der richtige Film in dieser Zeit, leise und tröstlich. Und er erzählt auf eine ungewöhnlich minimalistische Weise, was es bedeutet, eine Erfahrung zu teilen.

Damien Manivel war Tänzer, bevor er Filme machte. In "Isadoras Kinder", seinem mittlerweile vierten Spielfilm, verbindet er ein Solo der US-amerikanischen Tanzpionierin Isadora Duncan (1877 bis 1927) mit den Leben von vier Frauen im Frankreich von heute. "Mother", so der Titel des Solos, ist eine Trauerarbeit-Choreografie.

Duncan versuchte darin ein traumatisches Erlebnis zu verarbeiten, den Unfalltod ihrer beiden kleinen Kinder. In so zögerlichen wie sanftmütigen Gesten spürt das Stück der Tragik des Verlusts nach: das Streicheln der toten Kinder, das Wiegen im Arm, schließlich eine sachte Bewegung des Gehenlassens. "Ich habe meinen Tanz nicht erfunden, er existierte lange vor mir. Er schlummerte jahrhundertelang, und meine Trauer hat ihn aufgeweckt", schrieb Duncan in ihren Erinnerungen "Ma vie".

Passagen aus dem Buch werden in Manivels Film immer wieder still oder aus dem Off gelesen und auf Zettel notiert. Doch es ist der Tanz, der sich gleichsam wie eine Welle durch den Film zieht und die Figuren miteinander verbindet. Begleitet wird er gelegentlich von einem Klavierstück des russischen Pianisten und Komponisten Alexander Skrjabin.

Der Tanz verändert den Blick

Die in drei Akten strukturierte Geschichte beginnt mit einer jungen Tänzerin (Agathe Bonitzer). Sie dechiffriert die Choreografie mithilfe von Texten und Notationen. Im zweiten Teil wird das Solo von einer Choreografin (Marika Rizzi) und einem Mädchen mit Behinderung (Manon Carpentier) gemeinsam erarbeitet.

Filminfo

Frankreich, Korea, 2019
Originaltitel: Les Enfants d'Isadora
Regie: Damien Manivel
Drehbuch: Damien Manivel, Julien Dieudonn
Darsteller: Agathe Bonitzer, Manon Carpentier, Marika Rizzi, Elsa Wolliaston
Produktion: MLD FILMS
Verleih: Eksystent Distribution
Länge: 85 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Seinen Abschluss findet der Film mit der Aufführung des im zweiten Teil geprobten Stücks in einem kleinen Theaterraum. Das Solo selbst ist nicht zu sehen. Doch wie es auf das Publikum wirkt, zeigt Manivel am Beispiel einer älteren und körperlich gebrechlichen Zuschauerin, gespielt wird sie von der panamaisch-kenianischen Choreografin Elsa Wolliaston. "Isadoras Kinder" folgt ihr durch einen Abend, der ganz ihrer eigenen - unausgesprochenen - Verlusterfahrung Platz gibt.

Es ist fast ein Wunder, welche Kraft aus dieser scheinbar so kleinen und schlichten Erzählung heranwächst und sich immer mehr in den filmischen Raum entfaltet. In ruhigen Bildern, die auf präzise Weise Details wie Arme, Hände, Füße und das Gesicht in den Blick nehmen, stellt Manivel Körperarbeit und Alltag nebeneinander. Der Tanz verändert den Blick auf Kinder, die auf einem Schulhof herumrennen, oder auf eine Qigong-Gruppe.

DER SPIEGEL

Im dritten Teil findet der Schmerz, den Duncan in Bewegungen übersetzte, noch einmal einen ganz anderen Ausdruck. Geduldig folgt der Film den beschwerlichen kleinen Schritten der von Wolliaston verkörperten Frau. Wie Duncans Tanz in der Einsamkeit ihrer Wohnung mit ihrem Körper weitererzählt wird: diesen Moment wird man so bald nicht wieder vergessen.