Kino-Rückblick 2006 Cowboys, Gärtner, schnelle Hörnchen

Der Terror der Zukunft, der Humor der Tiere, verbotene Liebe und politischer Mut - kein Thema, das die Zauberwelt des Kinos nicht in eine packende Erzählung verwandeln könnte. Die Kritiker von SPIEGEL ONLINE schauen zurück auf ihre schönsten Filmmomente 2006.


Brokeback Mountain

Handelt der nicht von zwei schwulen Cowboys? Auf diesen sehr kleinen Nenner wurde Ang Lees Verfilmung von Annie Proulx' preisgekrönter Kurzgeschichte oft gebracht. Tatsächlich ist dieser Film so viel mehr: Als Neo-Western lässt er den amerikanischen Mythos des harten Naturburschen wieder aufleben, der nirgendwo anders glücklich sein kann als in der Abgeschiedenheit der Berge. Als Liebesfilm feiert er die Urgewalt der Leidenschaft, die einen kurzen Sommer lang alle Konventionen zu sprengen scheint. Und als erschütterndes Drama zeigt er die Qualen lebenslanger Selbstverleugnung.

Die Art und Weise, in der sich der Rodeo-Reiter Jack (Jake Gyllenhaal) und der Farmarbeiter Ennis (Heath Ledger) lieben, gleicht einem existenziellen Kampf. Wochenlang umkreisen sich die wortkargen Männer, bis sie in einer stürmischen Nacht wie zwei junge Stiere aufeinander losgehen.

Großartig, mit welchem Raffinement Lee in elegischen Bildern Naturgewalt und Seelendrama der Figuren verknüpft, mit welcher Zurückhaltung die Kamera die ebenso schüchterne wie gierige Annäherung zweier Liebender verfolgt. Drei Oscars hat "Brokeback Mountain" bekommen – er hätte noch mehr verdient. Jenny Hoch

Volver

Warum gehen wir ins Kino? Um Dinge zu sehen, die so wunderbar sind, dass sie nicht wahr sein können. Penelope Cruz kommt aus der Küche, stimmt auf der Veranda ihres Restaurants einen alten Tango von Carlos Gardel an, in dem es um Tod und Wiederkehr geht, und erweckt mit ihrem Gesang die verstorben geglaubte Filmmutter zum Leben. Ein gespenstisch schöner Moment – der durch die schier unerschöpfliche Erzählkraft Pedro Almodóvars realistisches Szenario wird.

Der Spanier fabuliert und inszeniert in "Volver", als ginge es um Leben und Tod. Und genau das tut es auch: Er lässt die Frauen seines Lebens auferstehen, Mütter, Tanten, Cousinen. Die Männer bleiben derweil sicher verstaut unter schweren Grabplatten, über die ein kalter Wind fegt. So wenig Testosteron war noch nie bei Almodóvar – obwohl es bei seiner Familienzusammenführung im Zwischenreich so sinnlich zugeht wie in keinem seiner anderen Filme.

Wenn das Kino ganz bei sich ist, dann entsteht ein Werk wie „Volver“: großer Illusionismus, der beim Verlassen des Saals nicht das Gefühl aufkommen lässt, übers Ohr gehauen worden zu sein. Christian Buß

Ab durch die Hecke

Hammy leidet an einer Hyperaktivitätsstörung, ist so blöd wie die Nüsse, die er verputzt, und muss dennoch als einer der größten Helden dieses Kinojahres gelten. Wer gesehen hat, wie der Eichhörnchen-Racker aus "Ab durch die Hecke" das Alphabet rülpst und unter Koffein selbst Neo aus "Matrix" wie eine lahme Schnecke aussehen lässt, der begreift: Kreatur kommt von Kreativität, vor allem im computeranimierten Film.

Hier verwischen Hammy und seine Kollegen aus "Madagascar", "Happy Feet" und "Jagdfieber" munter die Grenzen zwischen den Spezies. Amüsanter träumte sich das Kino selten eine neue Ontologie zusammen: der aufrechte Gang des Humanismus, präsentiert auf vier Beinen.

Für den Nahrungsdiebstahl aus Vorortmülltonnen reicht Hammys IQ übrigens vollends aus: Wirklich dämlich ist nur der Mensch, seine Hygiene die Kehrseite moralischer Sauerei, seine Zivilisiertheit eigentlich barbarisch. Die geknechtete Natur muss erst so künstlich werden wie ein Computerpixel, um ins Andere umzuschlagen. "In die Tiere vermummt sich die Utopie" (Adorno). Bits und Bytes sei Dank. Daniel Haas

Children of Men

Alejandro González Iñárritu überraschte mit seinem elegischen Episodenfilm "Babel", und Alfonso Cuarón verblüffte mit "Children of Men". Cuaróns düsterer Zukunftsthriller wird hoffentlich künftig als Meilenstein des modernen Kinos gelten, denn erstmals gelang es einem Film, die Ängste des frühen 21. Jahrhunderts glaubhaft in die Zukunft zu projizieren: Terror, staatliche Überwachung, Islamismus, Armuts-Flüchtlinge – all das verarbeitete Cuarón zu einer erschreckenden Kino-Parabel, in der zum Glück auch Humor nicht zu kurz kommt.

In einer Szene sitzt Theo ( Clive Owen), der Held des Films, im Wohnzimmer seines alten Hippie-Freundes (Michael Caine), der ihm zur Belustigung eine infernalische Zukunfts-Rockmusik aus menschlichen Wahnsinns-Schreien und Industrielärm vorspielt - alle, wirklich alle Ängste des modernen Kulturpessimisten kommen in "Children of Men" vor.

Schönstes Ausstattungsstück 2006: Theos verwaschenes Sweatshirt von den Olympischen Spielen in London 2012. Andreas Borcholte

37 Uses For A Dead Sheep

Das Reich der Pamir-Kirgisen lag einmal dort, wo heute Tadschikistan, China und Afghanistan zusammenkommen. Sie sind vor den Russen geflohen und vor den Chinesen. Die Geschichte der Pamir-Kirgisen erzählt von Verfolgung und hart umkämpfter Freiheit. In dem Dokumentarfilm "37 Uses for a Dead Sheep" wird sie auf wundervolle Weise rekonstruiert oder freimütig neu gesponnen.

In auf Super-8 gedrehten Rollenspielen mimen die Übriggebliebenen lustvoll die eigenen Vorfahren. Da wird über die stolze Bartlänge des historischen Stammesführers Haj Rahman Qual debattiert, den sein Sohn mit rührender Ernsthaftigkeit verkörpert. Oder über die Vorzüge der traditionellen Küche, die zwei herausgeputzte Frauen ehrgeizig zum Besten geben, nicht ohne sich dabei gelegentlich aus den Mundwinkeln anzuzischen: "Gib dir mehr Mühe, wir werden gefilmt".

Regisseur Ben Hopkins selbst sehen wir immer wieder auf der Bank neben dem Dorfältesten hocken, um der titelgebenden X-ten Verwendungsmöglichkeit für ein totes Schaf zu lauschen. Ein ebenso amüsanter wie anrührender Verständigungsversuch zwischen einer Welt, die nur ein Wort für Joghurt kennt und einer, die bis zum Sonnenuntergang über Schafsmilcherzeugnisse fabulieren kann. Birgit Glombitza

Der ewige Gärtner

"Der ewige Gärtner" erzählt die Geschichte von Justin Quayle (Ralph Fiennes), der als britischer Diplomat in Kenia arbeitet. Passion entfaltet der stille Staatsdiener und Hobbybotaniker augenscheinlich nur im Gewächshaus und in Gegenwart seiner jungen Frau Tessa (Rachel Weisz).

Doch die Politaktivistin ist zu Beginn des Films bereits tot, grausam ermordet auf einer Reise ins Hinterland. Durch den Verlust zu neuem Bewusstsein gelangt, stellt der linkische Befehlsempfänger Quayle plötzlich Nachforschungen über Tessas Arbeit für die rechtlosen Menschen jenseits der gepflegten Kricket- und Golfplätze an. Was so als Suche nach verborgenen Kapiteln in der Biografie eines geliebten Menschen beginnt, entwickelt sich schlüssig zu einer Investigation der post-kolonialen Machtverhältnisse.

In der Romanvorlage artikulierte Thrillerautor John Le Carré seinen gerechten Zorn auf die skrupellosen Nutznießer einer vermeintlich ideologiefreien Zeit. Meirelles ("City of God") wiederum übersetzt die kämpferische Prosa in eine soghafte Bildsprache: Im Auge seines Sturms steht die retrospektiv geschilderte Beziehung zwischen Justin und Tessa und dank des bewegenden Spiels von Ralph Fiennes und Rachel Weisz. "Der ewige Gärtner" beweist, dass manche Tränen den Blick auf die Welt nicht verwässern, sondern schärfen. David Kleingers



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