Filme der Woche Stöhnen und schreien

Der Aufstieg eines Pornostars, der Abstieg von Diana, dazu die Fortsetzung von »Scream« und der Soloauftritt eines Coen-Bruders: Das sind die aktuellen Filmtipps für Kino und Streaming.
Foto: Paramount Pictures

Ab 13. Januar im Kino:

»Scream«

Viele Jahre verdiente der Regisseur und Produzent Wes Craven viel Geld damit, Teenager massenhaft ins Kino zu locken und ihnen dort in immer neuen Variationen vorzuführen, wie Teenager massenhaft abgeschlachtet werden. Weil in den Filmen auf Schocks oft Scherze folgten, die Blutbäder einerseits grotesk überzogen waren und andererseits so alltäglich wie die morgendliche Dusche wurden, musste man die Gemetzel nicht allzu ernst nehmen. Nun, mehr als sechs Jahre nach Cravens Tod, gibt es eine Fortsetzung seiner »Scream«-Hits.

Der neue Teil ist ein Meta-Horrorfilm, in dem die von einem Killer verfolgten Figuren ständig darüber reden, nach welchen Regeln dieses Genre funktioniert und wie man sich demzufolge verhalten sollte, um wenigstens als letzter zu sterben. Einige alte Recken aus den bisherigen vier Teilen der Kino-Serie, die 1996 begann, sind wieder dabei (so etwa Neve Campbell oder David Arquette) und beteiligen sich an dem neckischen Treiben. Sie erweitern das Spektrum der Tatverdächtigen und die Anzahl der Opfer.

In dem von Matt Bettinelli-Olpin und Tyler Gillett inszenierten Film erwartet man ständig die Einblendung eines Wettanbieters, der einen auffordert, darauf zu tippen, wen es als nächsten erwischt. Auch ertappt man sich selbst bei dem Wunsch, zwischendurch die Stopptaste zu drücken, um sich vor dem nächsten Toten ein Kaltgetränk zu holen. Egal, ein paar spannende Szenen gibt es zwischendurch durchaus, nur münden sie in ein sehr wüstes Finale mit erheblichem Overkill. Lars-Olav Beier

»Scream«, USA 2022. Regie: Matt Bettinelli-Olpin, Tyler Gielet. Buch: James Vanderbilt, Guy Busick. Mit: Melissa Barrera, Mason Gooding, Neve Campbell, David Arquette. 114 Minuten

»Spencer«

In diesem Jahr steht der 25. Todestag von Prinzessin Diana an. Wer sie nur in guter Erinnerung behalten will, sollte sich »Spencer« nicht anschauen. Mit einer Unbefangenheit, wie sie vielleicht nur ein chilenischer Regisseur und ein US-amerikanischer Filmstar haben können, nähern sich Pablo Larraín und Kristen Stewart der ikonischen Frau an und ergänzten ihr idealisiertes Image mit Bildern, die fast schon psychedelische Qualitäten haben.

Kristen Stewart als unschuldige Prinzessin Diana vom Lande

Kristen Stewart als unschuldige Prinzessin Diana vom Lande

Foto: Pablo Larraín / DCM

Auf ein Weihnachtswochenende im Jahr 1991 verdichtet »Spencer« die Krise in der Ehe von Diana und Charles. Diana haben die Jahre des Unglücks und der Vernachlässigung in der königlichen Familie zugesetzt, Bulimie und Paranoia bestimmen zusehends ihr Leben. Doch von Rettung, oder auch nur ihrem Ehemann, fehlt jede Spur. Auf sich selbst gestellt, steigert sich Diana in ihre eigene Version der Geschichte hinein. Und dank der genialen Zusammenarbeit von Stewart, Larraín und Kamerafrau Claire Mathon steigert man sich unweigerlich selbst mit in Dianas Bildrausch hinein, in dem sie immer Prinzessin und immer glücklich ist. Hannah Pilarczyk

»Spencer«, UK/D/USA/CHL 2021. Regie: Pablo Larraín, Buch: Steven Knight. Mit: Kristen Stewart, Sally Hawkins, Timothy Spall, Jack Farthing. 117 Minuten

Lesen Sie hier unsere ausführliche Besprechung des Films 

»Pleasure«

Am Flughafen von Los Angeles wird Bella (Sofia Kappel) gefragt, was sie in die USA bringt: »Work or pleasure?« Kurzes Zögern, dann antwortet sie: »Pleasure.« Tatsächlich ist die 19-Jährige aus Schweden angereist, um in der hiesigen Pornoindustrie Fuß zu fassen. Aber was dabei Arbeit und was Vergnügen ist, ist vielleicht wirklich nicht sauber zu trennen. »Ich mag einfach Schwänze«, sagt Bella nach einigen Wochen in der Runde ihrer Mitbewohnerinnen. Die anderen jungen Frauen sind ebenfalls zum Pornodrehen nach LA gezogen. Nun müssen sie gemeinsam feststellen, dass der Einstieg in die Branche beschwerlich ist und die Frage, warum man es überhaupt will, immer schwieriger zu beantworten ist. Nur Bella ist sich weiterhin sicher, dass sie das Zeug zum Star hat.

Sofia Kappel als ehrgeiziges Porno-Starlet Bella Cherry

Sofia Kappel als ehrgeiziges Porno-Starlet Bella Cherry

Foto: Weltkino

Als ersten Film über die Pornoindustrie aus weiblicher Sicht hat die schwedische Regisseurin und Autorin Ninja Thyberg ihr Spielfilmdebüt bezeichnet. Das manifestiert sich sowohl in ihrer weiblichen Hauptfigur als auch in ihrer Bildpolitik. Man sieht in »Pleasure« viele erigierte Penisse (bis auf die Hauptdarstellerin besteht das Ensemble aus tatsächlichen Profi aus der Branche), aber kein Mal schaut die Kamera einer Frau zwischen die Beine. Das war es dann aber auch schon an Setzungen, denn Thyberg ist vor allem an Übergängen interessiert: Von Bellas Gier nach Social-Media-Fame zu ihrem Ehrgeiz, Pornostar zu werden, von einer vorab einvernehmlich als rough festgelegten Sex-Szene zu tatsächlicher Erniedrigung, von Neid zu Gewalt.

Sich der Branche mit der Idee von für alle gültigen Grenzen zu nähern, bringt nichts, legt Thyberg nahe: Das untergräbt die Subjektivität der Beteiligten. Vielmehr müsse es darum gehen, den individuellen Moment, in dem etwas nicht mehr in Ordnung ist, zu erkennen, zu verbalisieren und zu respektieren. In »Pleasure« folgt Thyberg Bella bis zu dem Punkt, an dem sie endlich selbst sagen kann, dass etwas nicht in Ordnung ist. Hannah Pilarczyk

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung stand, auch Hauptdarstellerin Sofia Kappel wäre zuvor in der Pornobranche tätig gewesen. Wir haben die Passage korrigiert.

»Pleasure«, Schweden 2020. Buch und Regie: Ninja Thyberg. Mit: Sofia Kappel, Kendra Spade, Evelyn Clare, Chris Cock. 109 Minuten

Ab 14. Januar im Streaming:

»The Tragedy of Macbeth« (auf Apple TV+)

Im beliebten Genre der »Macbeth«-Verfilmungen spielte William Shakespeares Drama von Machthunger und Verfall schon in einem Fast-Food-Restaurant in Pennsylvania, während eines Bandenkriegs in Chicago und in der Unterwelt Mumbais. Große Filmregisseure wie Orson Welles, Akira Kurosawa und Roman Polański arbeiteten sich an dem Stoff ab. Deshalb könnte sich der US-Regisseur Ethan Coen gefragt haben, ob die Welt wirklich noch eine weitere Verfilmung braucht; jedenfalls hat sein Bruder Joel mit seiner »Macbeth«-Version erstmals einen Film ohne Ethan gedreht.

Foto: Alison Rosa / Apple TV+

Das Ergebnis, ab dem 14. Januar auf Apple TV+ zu sehen, wirkt wie mit dem Sandstrahler bearbeitet: Coen führt das Stück zu seinen theatralen Ursprüngen zurück, entfernt Modernisierung, Verfremdung und das Überladene früherer Bearbeitungen. Komplett im Studio und in reduzierten Schwarz-Weiß-Bildern in Szene gesetzt, schlägt der archaische Sog der Parabel über Schuld und freien Willen wieder voll durch. Auch Alter schützt in Coens Film vor Grausamkeit nicht; mit Denzel Washington in der Titelrolle und seiner Frau Frances McDormand ist das zentrale Paar nicht mehr jung, aber grandios besetzt. Und doch stiehlt ihnen Kathryn Hunter, die in Personalunion die drei Hexen spielt, mit unheimlicher physischer Präsenz die Show. Oliver Kaever

»The Tragedy of Macbeth«, USA 2021. Buch und Regie: Joel Coen. Mit: Denzel Washington, Frances McDormand, Kathryn Hunter. 105 Minuten

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