Kino-Veteran Sydney Pollack "Wahrscheinlich bin ich ein Masochist"

Sydney Pollack gehört zu den Altmeistern Hollywoods: Als Regisseur und Produzent steht er seit Jahrzehnten für anspruchsvolles Genre-Kino. Gestern lief in Deutschland sein Thriller "Die Dolmetscherin" an. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über Politik, Panik und Prostitution im Filmgeschäft.


Hollywood-Veteran Pollack: "Ich spüre dieses Kribbeln"
DPA

Hollywood-Veteran Pollack: "Ich spüre dieses Kribbeln"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Pollack, 30 Jahre nach Ihrem CIA-Thriller "Die drei Tage des Kondor" haben Sie sich jetzt mit "Die Dolmetscherin" die Uno vorgeknöpft. Werden Sie doch noch ein politischer Regisseur?

Pollack: Nein, nicht wirklich. Für mich als Filmemacher ist es egal, ob der aktuelle amerikanische Präsident Nixon oder Bush heißt oder ob die Welt gegen deren Politik protestiert. Mein Job ist es, einen Thriller zu drehen, der international möglichst viel Geld einspielt. Daher kann ich mir gar nicht leisten, politische Botschaften zu verbreiten, sie könnten sich am Ende negativ auswirken. Ich bin letztlich nur eine Hure der Filmindustrie.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt sehr desillusioniert. In Zukunft also keine streitbaren Sujets mehr von Ihnen?

Pollack: Das ist eine sehr sensible Angelegenheit, aber das war es auch schon bei "Die drei Tage des Kondor". Damals haben wir die CIA verärgert, weil der Film von einem Bösewicht in den eigenen Reihen handelt. Die größte Herausforderung in "Die Dolmetscherin" waren die internationalen Beziehungen zwischen verschiedenen Nationen. Das ist ein weit schwierigeres Projekt, als wenn man einen Film über die politischen Machenschaften eines bestimmten Landes dreht. Um keine existierende Nation zu beleidigen, haben wir ein fiktives afrikanisches Land namens Matobo erfunden, in der die Phantasiesprache Ku gesprochen wird. Ein Sprachforscher hat sie eigens für den Film entwickelt. Nicole Kidman, die als Dolmetscherin Silvia Broome für die Vereinten Nationen arbeitet, musste jede Silbe dieser Sprache lernen. Das war ein harter Brocken.

SPIEGEL ONLINE: Noch nie zuvor hatte ein Filmteam Zutritt zum Uno-Gebäude, selbst Alfred Hitchcock wurde abgewiesen. Wie haben Sie das geschafft?

Darsteller Sean Penn, Kidman, Pollack (M.): "Auf Schritt und Tritt beobachtet"
REUTERS/ Universal Studios

Darsteller Sean Penn, Kidman, Pollack (M.): "Auf Schritt und Tritt beobachtet"

Pollack: Das war ein hartes Stück Arbeit über mehrere Monate hinweg. Letztlich habe ich Generalsekretär Kofi Annan höchstpersönlich davon überzeugen können, dass wir keinen Unfug treiben werden in den heiligen Hallen. Und das, obwohl wir ihm bis sechs Wochen vor Ende der Dreharbeiten nicht mal ein komplettes Drehbuch vorlegen konnten. Annan gab zwar grünes Licht, er ließ uns aber dennoch auf Schritt und Tritt beobachten.

SPIEGEL ONLINE: Ursprünglich hatten Sie nicht Nicole Kidman, sondern Julia Roberts für die weibliche Hauptrolle vorgesehen.

Pollack: Nicht ich, das Studio hatte mit Julia Kontakt aufgenommen, noch bevor ich an Bord kam. Ich schätze Julia Roberts sehr, aber ich habe sie einfach nicht in dieser Rolle gesehen. Sie hätte einen Dialekt sprechen müssen, das konnte ich mir bei ihr nicht vorstellen.

SPIEGEL ONLINE: In "Die Dolmetscherin" sind Sie wie so oft in Ihren Filmen in einer kleinen Nebenrolle zu sehen. Ist das Eitelkeit oder Selbstironie?

Pollack: Keines von beiden. In diesem Fall war es einfach so, dass wir Dutzende von Schauspielern vorsprechen ließen, aber keiner hat uns wirklich zugesagt. Wir gerieten unter Zeitdruck, da haben die Produzenten vorgeschlagen, dass ich den Part einfach selbst übernehmen solle. Es ist wohl meine Berufung, ein Schauspieler aus Versehen zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Der Hollywood-Star Pollack - ein Missverständnis?

Nebendarsteller Pollack: "Schauspieler aus Versehen" (in "Die Dolmetscherin")
UIP

Nebendarsteller Pollack: "Schauspieler aus Versehen" (in "Die Dolmetscherin")

Pollack: Eigentlich habe ich es Dustin Hoffman zu verdanken, dass ich überhaupt jemals in einem größeren Film vor der Kamera agiert habe. Er hat während der Dreharbeiten zu "Tootsie" darauf bestanden, dass ich seinen Agenten George Fields spiele, weil er zu Dabney Coleman, der ersten Wahl, keinen kreativen Draht gefunden hat. Das hat schließlich eine ungeahnte Lawine ins Rollen gebracht, denn plötzlich haben sich andere Regisseure gemeldet, die mich für ihre Filme engagieren wollten. Ich habe die Angebote von Kollegen wie Stanley Kubrick und Woody Allen natürlich gerne angenommen, denn ich war neugierig zu sehen, wie sie arbeiten. Das war eine gute Möglichkeit für mich, um zu spionieren. Letztlich habe ich dadurch einiges für meine eigene Arbeit als Regisseur gelernt. Im Umkehrschluss erfahre ich auf diese Weise auch einiges über Schauspieler. Bevor ich etwa die Rolle von Ben Afflecks Schwiegervater in "Spurwechsel" annahm, habe ich Ben als Schauspieler nicht sehr geschätzt. Das hat sich nach den Dreharbeiten drastisch geändert. Er ist ein sehr hart arbeitender Junge, der seinen Job sehr ernst nimmt.

SPIEGEL ONLINE: Gemessen an ihrem Liebling Robert Redford sind wohl viele Darsteller zweite Wahl. Oder gibt es würdige Nachfolger?

Pollack: Brad Pitt hat das Potential für eine sehr lange und äußerst erfolgreiche Karriere. Aber auch Tom Cruise. Ich glaube, die beiden stehen erst am Anfang ihrer Karrieren. Das mag komisch klingen, nachdem beide ja bereits als Superstars gelten. Aber aus künstlerischer Sicht bin ich überzeugt, dass sie ihre besten Darbietungen noch vor sich haben. Vor allem Cruise. Der ist der besessenste Schauspieler, den ich kenne. Fast noch schlimmer als Dustin Hoffman.

SPIEGEL ONLINE: Mit dem Sie sich während der Dreharbeiten zu "Tootsie" mächtig verkracht haben.

Pollack: Dustin war der einzige Schauspieler bislang, mit dem ich mich auf einem Filmset bis aufs Blut gestritten habe. Allerdings muss ich ihm zu Gute halten, dass er niemals persönlich wird. Wenn er davon überzeugt ist, dass man eine Szene besser drehen kann, lässt er nicht eher locker, bevor er seinen Willen hat.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren in den vergangenen Jahren vermehrt als Produzent tätig. Haben Sie die Lust an der Arbeit als Regisseur verloren?

"Die Dolmetscherin"-Star Kidman: "Jede Silbe lernen"
UIP

"Die Dolmetscherin"-Star Kidman: "Jede Silbe lernen"

Pollack: Regie zu führen bei einem Film mit großem Budget ist eine sehr nervenaufreibende Angelegenheit. Als Produzent hinter den Kulissen zu arbeiten, ist wesentlich entspannter. Allerdings kassiert man am Ende auch weniger Lob, wenn der Film erfolgreich ist. Das streichen der Regisseur und die Schauspieler ein. Aber das ist okay, wenigstens erspare ich mir so die Panikattacken.

SPIEGEL ONLINE: Panikattacken?

Pollack: Die habe ich jedes Mal, bevor ich die Arbeit als Regisseur beginne. Das war bei "Die Dolmetscherin" auch wieder so.

SPIEGEL ONLINE: Ist das eine kokette Art zu sagen, ich komme vom Filmbetrieb nicht los?

Pollack: Keine Ahnung, ich weiß nur, dass ich mir ein Leben als Rentner, der jeden Tag Golf spielt und seinen Rasen mäht, nicht vorstellen kann. Kreative Auszeiten nehme ich mir regelmäßig. Kürzlich bin ich mit dem Fahrrad durch Argentinien gefahren und ich habe meinen Pilotenschein gemacht. Aber dann zieht es mich doch irgendwann wieder zurück ins Filmgeschäft, und ich spüre dieses Kribbeln. Wahrscheinlich bin ich ein Masochist.

Das Interview führte Andreas Renner



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