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Kinodoku "Love Alien" Ich armes, einsames Würstchen

Knapp 30 und noch nie eine Freundin gehabt: In seinem Debüt "Love Alien" schiebt der Filmemacher Wolfram Huke sich und seine Liebesnot mächtig in den Vordergrund. Ein ganzes Jahr lang hat er seine amouröse Suche begleitet - eine Selbstentblößung, mit der er ein doppeltes Spiel treibt.

Wolfram Huke liegt in der Badewanne. Nicht gerade gertenschlank, kein Schaum ist da, der verdecken könnte, was viele in vergleichbarer Situation sicher gerne verdecken würden. Traurig sieht er aus - und allein.

Miniaturen der Einsamkeit zeigt Huke in seinem Debütfilm "Love Alien", sprunghaft, allegorisch: Sie sollen verdeutlichen, wie es um sein Leben steht. Und sie tun das so offensichtlich und so penetrant, dass sie den Verdacht einer gewissen Künstlichkeit erwecken. Immer nur allein, immer nur traurig - kann das wirklich sein bei jemandem, der gut genug im Leben steht, um einen Film zu drehen?

Huke ist Regisseur und Protagonist seiner eigenen Geschichte. Im Alter von 29 wartet er noch immer auf seine erste Liebesbeziehung, und er beschließt, diese Suche für seinen ersten Langfilm zu dokumentieren. Mit seiner Kamera besucht Huke eine Bekannte in Zagreb, mit der vielleicht einmal etwas hätte passieren können. Sie gehen gemeinsam ins "Museum of Broken Relationships", von denen die Bekannte ein Lied singen kann, aber es passiert auch diesmal: nichts.

Zottelbär lädt zum Puzzeln ein

Er verbringt den Jahreswechsel bei einer anderen Freundin in Magdeburg, die sich ebenfalls mit einem Leben als Dauersingle arrangiert hat, und von vornherein ist klar, auch hier wird nichts passieren. Huke versucht sich digital bei einem Dating-Portal und analog auf dem Jakobsweg. Immer präsent, als Erzähler, im Bild, als Adressat im Gespräch: er selbst.

So treibt er ein doppeltes Spiel. Einerseits ist die völlige Selbstentblößung eine Überrumpelungstaktik - wer sich im Wortsinne vor der Kamera auszieht, der kann doch tatsächlich nichts zu verbergen haben. Das stimmt natürlich so nicht, aber Huke spekuliert darauf, dass ihm diese Art der Freizügigkeit einen Vertrauensvorschuss einbringt.

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Kinodoku "Love Alien": Im Bett mit einem Außerirdischen

Foto: Wolfram Huke

Andererseits erzählt er seine Geschichte so elliptisch, so bewusst lückenhaft und aus so eindeutig subjektiver Perspektive, dass er nie einen Hehl daraus macht, dass "Love Alien" auch ein Puzzle ist, das der Zuschauer aktiv zusammensetzen muss. Sein Film ist eine Einladung zum Nachdenken über Erzählhaltungen.

Und das macht den sensiblen, nur schwach erscheinenden Zottelbär Huke stark. Ein Michael Moore etwa, der das Prinzip des anwesenden Regisseurs weltberühmt gemacht hat, poltert stets mit Fragen auf seine Gesprächspartner zu, deren Antwort er längst zu wissen glaubt. Kein Wunder, dass Moores Filme nach dem vergleichsweise ergebnisoffenen "Bowling for Columbine" immer dogmatischer gerieten. So galten Witz und Polemik plötzlich als herausragende Qualitäten des Dokumentaristen - und das war ein Schlag, von dem das Genre sich bis heute nicht richtig erholt hat.

Atmosphäre statt Argumente

Dabei kann die Präsenz des Filmemachers durchaus zu einem aufrichtigen, unterhaltsamen und erhellenden Ergebnis führen - wenn der Regisseur sich selbst als Suchender versteht, der die Zuschauer mit auf seine Suche nimmt. Die Filme von Niko von Glasow ("Alles wird gut", "Mein Weg nach Olympia") etwa zeigen, wie ein meinungsstarker Protagonist die Welt um sich herum erfährt, ohne sie gleich seinem Bild zu unterwerfen.

Wolfram Huke ist am Ende jedenfalls seinem Wunsch, eine liebende Partnerin zu finden, nicht näher gekommen. Er hat sich durch soziale Umfelder treiben lassen, die vielleicht Erfahrung und Erlösung versprochen hätten, vielleicht auch nicht. Seine Therapeutin ermahnt ihn im Film immer wieder, er solle endlich konkretere Schritte unternehmen.

"Love Alien" ist mehr Atmosphäre als Argumentation, mehr Zustandsbeschreibung als dramaturgische Struktur. Huke erzählt davon, wie es ihm geht - einem Menschen, mit dem man lachen, ausgehen und Spaß haben kann und in dem es doch ganz anders auszusehen scheint, als er nach außen zeigt. Das bewahrt seinen Film davor, zum Pamphlet zu werden. Aber es bewahrt ihn gerade nicht davor, bisweilen auch in Beliebigkeit zu verfallen.

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