Kinodrama "Atmen" Von den Toten zum Leben erweckt

Die richtige Leiche am richtigen Ort: In vielschichtigen Bildern und mit echter Anteilnahme erzählt "Atmen" von einem 19-jährigen Strafgefangenen, der in einem Bestattungsunternehmen neuen Lebensmut findet. Zu Recht ist das Regiedebüt von Schauspieler Karl Markovics österreichischer Oscar-Kandidat.

Thimfilm

Von Jörg Schöning


Zum Bestattungswesen hat der Wiener ein besonders inniges Verhältnis. Der Wiener Zentralfriedhof ist eine der größten Friedhofsanlagen Europas, die Stadt zählt ihn - mit Recht - zu ihren Sehenswürdigkeiten. Das Wiener Bestattungsmuseum darf sich in den Museumsnächten über mehr als 4000 Besucher freuen. Besonders beliebt ist dann das Sarg-Probeliegen. Den Hintergrund, vor dem der Film "Atmen" spielt, muss man darum keineswegs als morbide empfinden. Für sein Drehbuch- und Regiedebüt hat der österreichische Schauspieler Karl Markovics ("Die Fälscher") vielmehr ein zentrales Wiener Milieu gewählt. Die Hauptfigur darin ist dann allerdings ein eher "Randständiger".

"Die richtige Leiche im richtigen Sarg zur richtigen Zeit am richtigen Ort." So lakonisch wie wohl nur ein Wiener vom Tod sprechen kann, erklärt der Filialleiter des kommunalen Bestattungsbetriebs der neuen Hilfskraft das ganze Geheimnis eines reibungslos funktionierenden Beisetzungswesens. In das aber fügt sich Roman (Thomas Schubert) nur sehr zögerlich ein - der Junge ist ja selber das, was Tolstoi einen "lebenden Leichnam" nannte: zur falschen Zeit am falschen Ort und fremd noch in der eigenen Körperlichkeit.

Knapp 19 Jahre alt ist der ungelenke Heranwachsende, und seinen letzten Wachstumsschub scheint man dem Jungen noch anzusehen. Mit 14 hat Roman den Tod eines Gleichaltrigen verursacht, seither sitzt er in Jugendhaft. Doch die Freiheit hat er auch vor seiner Verurteilung niemals gekannt: Aufgewachsen ist er, elternlos, im Kinder- und im Jugendheim. "Spannend" nennt ein Vollzugsbeamter das.

Roman hat demnächst einen Haftprüfungstermin, bei dem die Strafe des Freigängers zur Bewährung ausgesetzt werden könnte. Doch Romans Chancen stehen nicht gut: zu verschlossen, zu verstockt, dann wieder aggressiv ist das provozierend unbeteiligt wirkende Riesenkind. Das ändert sich erst, als Roman vor einer Leiche steht, die er für seine Mutter hält. Über seinen Irrtum aufgeklärt, sucht er den Kontakt zu ihr - und findet darüber sich selbst.

Die Leichen zwinkern einem zu

Das richtige Bild zur richtigen Zeit am richtigen Platz - zusammen mit seinem Kameramann Martin Gschlacht ("Schläfer", "Immer nie am Meer") hat der 48-jährige Regiedebütant Markovics einen sehr markanten Film geschaffen. Nach seiner Uraufführung in Cannes wurde er dort, im Rahmen der "Quinzaine", als bester europäischer Film ausgezeichnet.

Gschlacht hat als Mitbegründer des Wiener Produktionskollektivs coop99 die Bildsprache des jungen österreichischen Films stark geprägt. Die Präzision und Kargheit, die schon den Filmen von Barbara Albert ("Fallen") oder Jessica Hausner ("Lourdes") internationales Renommee eingebracht hat, findet sich auch hier. Doch verleiht der Regisseur Karl Markovics der kühlen Optik darüber hinaus noch etwas Entscheidendes mehr: eine mitfühlende Dimension. Markovics scheut die Metaphern nicht.

Ein gefangener Vogel, der in Panik gerät; ein Großplakat, das mit dem Werbespruch "Tauchen Sie ein ins Abenteuer" dem Helden eine trügerische Freiheit verspricht, die Unterwasserszenen aus dem Schwimmbecken der Strafanstalt, das der Gefangene als einzigen Freiraum empfindet - immer wieder spiegeln sprechende Bilder das Seelenleben des sprachlosen Helden wider. Diese Anteilnahme des Regisseurs an seiner Figur spürt man bis zur letzten Einstellung, wenn die Kamera in einer nun wirklich atemberaubenden Vertikalfahrt in immer höhere Luftschichten aufwärts schwebt und den Blick bis zum Horizont und darüber noch hinweg freigibt - und mit der Karl Markovics (der selbst Vater eines ähnlich alten Sohnes ist) seinen Delinquenten in die Freiheit entlässt.

"Atmen" ist ein Film in Cinemascope. Das Breitwandformat verstärkt noch das Gefühl der Leere, das den Jungen bis dahin umgeben hat. Es schafft Distanzen, die Roman nur schwer überwindet. An Ablehnung gewöhnt - im Strafvollzug sogar gepaart mit sadistischen Zügen -, sieht er ja auch keinen Grund dazu. Erst die Begegnung mit einer ahnungslos-naiven Amerikanerin und die klammheimlich wachsende Akzeptanz durch einen grantelnden Kollegen (Georg Friedrich) verändern die freudlose Szenerie. Ruhig und konzentriert erzählt "Atmen" von einer Rückkehr ins Leben.

Spannend anzusehen ist dies bis zum Schluss, weil Markovics das nicht Geheure dieser Existenz nur ganz allmählich enthüllt. So wie er auch den Zuschauer mit der "Ungeheuerlichkeit", die das Leben dieses Jungen so früh aus der Bahn geworfen hat, erst spät konfrontiert. Nicht weniger sensibel geht der Regisseur mit den Toten um, die seinen Film bevölkern: Natürlich sind es ganzkörpergeschminkte Statisten, wie man einmal an einem spontanen Augenzwinkern erkennt. Es lebe der Zentralfriedhof!

Mehr zum Thema


zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.