Kinodrama "Glaubensfrage" Das Kreuz mit der Scheinheiligkeit

So sehen Oscar-Filme aus: Meryl Streep als bigotte Betschwester, die einem vermeintlich pädophilen Pater das Leben zur Hölle macht. Problem nur: "Glaubensfrage" will moralischen Starrsinn anprangern, tappt aber in die Falle der Frauenfeindlichkeit.

Von Birgit Glombitza


Predigen kann er, der Pater Flynn. Das muss selbst Schwester Aloysius Beauvier (Meryl Streep) zugeben, auch wenn ihr die Freigeistigkeit des Ordensbruders gewaltig gegen die eigenen Vorstellungen von kirchlichen Dogmen und disziplinarischen Maßnahmen geht.
Wenn Flynn (Philip Seymour Hoffman) von den brüchigen Stellen im Glauben an eine übermenschliche Institution spricht, vom Hochmut der Moral oder dem Zweifel als unverzichtbarem und menschlichem Teil eines transzendentalen Prozesses, dann wird es muxmäuschenstill in seiner Kirche, der St. Nicholas Church, mitten in der Bronx.

Die Gemeinde hängt an den Lippen des eloquenten Mannes mit dem freundlichen, pausbäckigen Gesicht und der sanften Stimme. Nur Schwester Aloysius steht mit Sparkassenmund neben den Sitzbänken und reißt mit ihrem rasselnden Klingelbeutel ein Loch in die andächtige Stille.

Alle anderen, auch die Klosterschüler, scheinen unter der Leitung des modernen Paters ein bisschen durchzuatmen. Immerhin nimmt die Erziehungsanstalt ihren ersten schwarzen Schüler auf, Donald, was in einer Folge verquerer Verdächtigungen schon bald in einen Skandal gipfeln soll.

Pater Flynns Einsatz für seine Schützlinge, seine Sportstunden, seine Zuwendung nach dem Unterricht und seine auffällig langen Fingernägeln sind Schwester Aloysius nämlich höchst suspekt. Als eine andere Schwester berichtet, der kleine Donald sei verstört aus dem Zimmer des Paters gekommen, sieht Aloysius ihre Stunde gekommen, Flynn den Prozess als potentiellem Kinderschänder zu machen.

Diese Inquisition fällt in eine markante Phase amerikanischer Geschichte. Denn während im Biotop des Klosters, dessen Bewohnerinnen in der Kluft der ersten Pilger Nordamerikas gekleidet sind, die gescheitelten Schülerköpfe über den Glaubenssätzen der Gründer dampfen, finden draußen historische Umwälzungen statt.

Rassenunruhen, Anti-Babypille, Flower-Power, Woodstock und Vietnamkrieg sind dabei, das Land von innen nach außen zu krempeln.

John F. Kennedy und Martin Luther King werden ermordet. Und mit ihnen sterben eine Reihe rassen- und klassenübergreifender Utopien. Unter Präsident Lyndon B. Johnson träumt man trotzig von einer "Great Society", von Gerechtigkeit, Freiheit und vom Zusammenschluss aller Menschen, wie das nationale Credo damals hieß. Und man erhöht gleichzeitig die militärische Hilfe für Vietnam.

Doch davon will nicht nur die gestrenge Schwester Aloysius nichts wissen. Mit ihr verschließt sich der ganze Film unter der Regie von John Patrick Shanley vor jeder Konfrontation mit einer äußeren, längst von Befreiungssehnsüchten und Aufruhr säkularisierten Realität.

"Glaubensfrage" hängt allein der eigenen Didaktik nach, nach der so zugeknöpfte Zicken wie Äbtin Aloysius zu lernen haben, dass die Welt und ihre Wahrheiten nicht so sortiert sind, wie es ihnen hinter ihrer schmucklosen Brille erscheinen mag.

Zweifelhaftes Konzept

In "Glaubensfrage" soll es um die Tugend des Zweifels gehen - ganz egal, was draußen noch so los ist. Im gewissen Sinne also um eine Gegenthese zum ungläubigen Thomas, der ja erst glauben wollte, als er seine Finger in die Wunden des leibhaftigen, wiederauferstanden Christus legen konnte. Aloysius sieht und hört hingegen genug Indizien, um den Pater im Geist zu kreuzigen. Sie muss erst bitter lernen, dass man seinen Sinnen nicht zu schnell trauen darf.

Ein Kurs in Warmherzigkeit und Solidarität also, ein "Club der toten Dichter" für die älteren und womöglich Gläubigen im Publikum.

Und für die, die es der streng dreinschauenden Streep als Äbtissin gleich an der gerümpften Nasenspitze angesehen haben, dass sie sich bloß rächen will, für einen Liberalismus, in dessen Kategorien sie auch in hundert Jahren nicht denken können wird. Dass sie als frustrierte alte Jungfrau sowieso keinen Sonnenstrahl mehr in ihr Leben lassen wird. Und dass diese Kirchenhexe stellvertretend für alle machtbewussten Frauen ins Fegefeuer gehört.

Die kulleräugige Petze Schwester Jones (Amy Adams), die den Skandal mit ihrer Naivität zumindest nicht verhindert, taugt auch nicht gerade zur Erneuerungder Jeanne d'Arc.

Getarnte Hexenjagd

Wer also rosiger aussieht als ein Glückschweinchen, und so milde lächelt, der kann, der darf einfach kein Päderast und Unhold sein. So lautet der plumpe Umkehrschluss dieses filmischen Gutmenschenunterrichts. Das ist nicht nur vorhersehbar, sondern zutiefst frauenfeindlich. Schließlich ist die Tratschsucht, Niedertracht, Neid, Herzenskälte und Diffamierung hier ausschließlich weiblich besetzt.

Das ist von einer gewagten Plumpheit gerade in einer Zeit, in der sich die Kirche zögerlich die Augen reibt, um endlich die eigenen Vergehen zu erkennen und zuzugeben. Eine Kirche wohlgemerkt, die sich immer wieder beschwichtigend vor manche ihrer Würdenträger gestellt hat, die ihre eigenen kriminellen Umgehungen des Zölibats gefunden haben, indem sie Ministranten sexuell traumatisieren.

Wenn die Gemeinde im Kinodunkel also das Zweifeln lernen soll, dann bitte zuallererst am ideologischen Hirtenbrief dieser "Glaubensfrage".



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