Kinodrama "L. A. Crash" Gottes Crashtest-Dummys

Mit dem Boxerdrama "Million Dollar Baby" sicherte sich Paul Haggis einen Ruf als Drehbuchvirtuose. Jetzt hat er selbst Regie geführt: Sein Episodenfilm "L. A. Crash" will einer rassistischen Gesellschaft den Spiegel vorhalten, ist aber letztlich nur starbesetztes Erbauungs- und Durchhaltekino.
Von Daniel Haas

Im Fachjargon heißen sie Talking Heads, sprechende Köpfe. Sie kommen immer dann zum Einsatz, wenn ein Film seine Geschichte nicht in Bilder und Handlung übersetzen kann. Dann müssen sie die Story erklären, Referenten des Regisseurs.

Es gibt exzellente Filme, die fast ausschließlich aus Talking Heads bestehen. Woody Allens Komödien sind voll von solchen Quasselköpfen, die ihre kleinen und großen Krisen wortreich zum Besten geben. Viel reden, wenig handeln heißt die Devise, und die Ersetzung der vita activa durch rhetorische Betriebsamkeit wird dann zum buchstäblich vielsagenden Stilprinzip, mit dem sich Figuren und Konflikte entwickeln lassen.

"L. A. Crash", das Regiedebüt des Drehbuchautors Paul Haggis, will jedoch ein Film der urbanen Kollisionen sein, ein Szenario der Zusammenstöße. Schon das Filmplakat garantiert ein Höchstmaß an Schmerz und Dramatik: Es zeigt einen Mann, der schreiend ein Kind in den Armen hält. Es muss der Moment einer Katastrophe sein, der hier ins Bild gefasst ist, ein Augenblick, in dem Mensch und Schicksal aufeinanderprallen.

Es gibt viele solcher Szenen in Haggis' Film, in denen die Gewalt in das Leben von Menschen einbricht und sie zeichnet: den auf dem Plakat gezeigten mexikanischen Schlosser, auf dessen Tochter geschossen wurde; den afroamerikanischen TV-Produzenten, dessen Freundin vergewaltigt wird; den weißen Staatsanwalt und seine Frau, die von schwarzen Gangstern ausgeraubt werden; den aus Iran stammenden Ladenbesitzer, der mit der Waffe loszieht, um Vergeltung zu üben.

Dennoch ist das Drama des "Million Dollar Baby"-Autors ein Film der Talking Heads, von Figuren, die wortreich über das Leben räsonieren. Gleich zu Beginn erklärt der schwarze Polizist (Don Cheadle) seiner Kollegin, einer Latina (Jennifer Esposito), dass die Menschen, eingesperrt in ihren Autos, am Leben und an sich selbst vorbeidriften. Nur ein Zusammenstoß könne sie aus diesem Dilemma befreien. Die Kollision als Katastrophe und Katharsis, das ist nicht besonders subtil, und tatsächlich ist "L. A. Crash" in seiner Dramaturgie so plakativ wie ein Thesenpapier.

Zur Debatte stehen die multiethnische Gesellschaft und die sie beherrschenden Spannungen von Rasse, Klasse und Geschlecht. Dafür werden die Einzelschicksale episodisch so choreographiert, dass jeder ausgiebig zu Wort kommt: der Staatsanwalt (Brendan Fraser), der einen Mord in den eigenen Reihen vertuscht; der Ermittler (Cheadle), dessen Mutter der Drogensucht verfällt; der junge Polizist (Ryan Phillippe), der seinen von Rassenhass zerfressenen Partner (Matt Dillon) verabscheut und am Ende selbst rassistisch handelt.

Auf den ersten Blick scheint der Film ein komplexes Bild gesellschaftlicher Schuldzusammenhänge zu vermitteln, die der einzelne nicht überschauen kann; ein Panorama, in das der Zufall Menschen mal hierhin, mal dorthin dirigiert und sie wahlweise zu Rettern oder Mördern, Verfolgern oder Erlösern macht. Doch der extreme Realismus der Darstellung, die inszenatorische Härte sind nur ein Bluff: "L. A. Crash" will nicht die neue Unübersichtlichkeit der Schmelztiegelgesellschaft und deren Gefährdungen aufzeigen, sondern eine Utopie bebildern. Die zeigt sich weniger auf der Inhaltsebene der einzelnen Episoden, die exzellent gespielt und in ihrem Naturalismus teilweise erschütternd sind, als in der Struktur des Films.

In Haggis' Welt waltet eine Schicksalssymmetrie, die schließlich allen den richtigen Platz zuweist. Der Geist, der stets das Böse will, schafft auch hier das Gute: Der Gangster hat zwar ein Auto geklaut, darin befinden sich aber die Opfer einer Schlepperbande, die am Ende frei kommen; der rassistische Cop bedrängt eine Unschuldige, rettet sie aber später aus einem brennenden Auto. Überwölbt von einem sakral wabernden Soundtrack, macht diese Erzählung deutlich: Mögen Menschen auch in sinnloser Gewalt kollidieren, mögen ihre Handlungen von Gier und Rachsucht bestimmt sein - ein übergeordnete Instanz lenkt alles in einen sinnvollen Zusammenhang.

Deshalb ist "L. A. Crash" letztlich kein naturalistisches, sondern ein metaphorisches Projekt. Es setzt Figuren als Statthalter für die große amerikanische Hoffnung ein, am Ende doch das große soziale Experiment der Neuzeit zu sein, in der ein gerechtes Leben über die Grenzen von Hautfarbe und Herkunft möglich ist. Rassismus und seine gewalttätigen Eruptionen werden dabei nur vordergründig als Ursachen korrupter Strukturen inszeniert, eigentlich sind sie Fügung. Es ist eine starke, aber auch naive Ethik, zu der sich Haggis hier aufschwingt. Natürlich braucht er Hilfe für ihre Umsetzung. Fürsprecher - Talking Heads.


"L.A. Crash" ("Crash")

USA 2004. Regie: Paul Haggis. Buch: Paul Haggis, Robert Monesco. Darsteller: Sandra Bullock, Don Cheadle, Matt Dillon, Jennifer Esposito, William Fichtner, Brendan Fraser, Ludacris. Produktion: Bull's Eye Entertainment, DEJ Productions, Harris Films. Verleih: Universum Länge: 100 Minuten. Start: 4. August 2005.

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