Kinodrama "Stilles Chaos" Abschied leicht gemacht

Was tun, wenn der Tod die Erfolgsroutine stört? Im erstaunlich heiteren Kinorührstück "Stilles Chaos" von Antonello Grimaldi sucht ein Manager nach dem richtigen Weg, um seine Frau zu betrauern - und bleibt einfach auf einer Bank sitzen.

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Er sitzt einfach nur da, jeden Tag. Auf einer Parkbank wartet der Fernsehmanager Pietro (Nanni Moretti) darauf, dass seine kleine Tochter (Blu Yoshimi) aus der Schule kommt, oder dass sie mal von oben aus dem Klassenzimmer zu ihm hinunterwinkt. Seine Frau und ihre Mutter ist gestorben, ganz plötzlich, und beide wissen nicht recht, wie sie damit umgehen sollen, außer dass sie in der Nähe des andern bleiben wollen. Beide weinen nicht. Das Leben geht einfach so weiter, der Tod ist nicht greifbar, irgendwo schmerzt es wohl, aber nicht so, wie es vielleicht sollte. Hilft nur eins: Warten.

Mit Trauern im Film kennt sich Hauptdarsteller, Produzent und Mitautor Nanni Moretti aus: Schon 2001 gelang ihm als Vater eines tödlich verunglückten Jungen in "Das Zimmer meines Sohnes" (bei dem er auch Regie führte) eine niederschmetternde Vorstellung über die Grenzen menschlichen Empfindens nach einem unfassbaren Unglück. Ein großartiger, aber düsterer Film, der seinen Zuschauern erst nach und nach zaghafte Hoffnungsschimmer gönnen mochte.

"Stilles Chaos" nach dem Roman von Sandro Veronesi spart unter der Regie von Antonello Grimaldi auch nicht mit dem Druck auf die Tränendrüse, wählt aber einen vergleichsweise versöhnlichen Zugang. Weder Vater noch Tochter verfallen in grenzenlose Trauer, sie sind vielmehr verwundert über die merkwürdige, unumkehrbare Irritation in ihrem routinierten Alltag. Erfolgsmensch Pietro, der es gewohnt ist, dass jedes Problem verhandel- und lösbar ist, muss sich plötzlich mit einem ihm unbekannten und höchst unangenehmen Gefühl von Hilflosigkeit auseinandersetzen. Lief vorher alles wie von selbst in festen Bahnen, ohne viel Aufmerksamkeit investieren zu müssen, gilt es nun, jeden Tag über den nächsten nachzudenken.

Und während der traurige Pietro Tag für Tag still auf seiner Bank sitzt, um über Leben und Sterben zu sinnieren, besuchen ihn ständig besorgte Verwandte und Bekannte, die praktischerweise auch gleich ihre eigenen Probleme bei ihm abladen. Seine unglücklich verliebte, schwangere Schwägerin (Valeria Golina), die manisch auf ihn einredet. Der Personalchef seiner Firma, der verzweifelt gegen die geplante Unternehmensfusion mit einem Großkonzern kämpft und sich dabei als katholischer Missionar neu erfindet. Der Kollege, der gefeuert wird. Der andere Kollege, der gefeuert hat. Und schließlich sein Chef, vor Eifersucht entbrannt.

Es ist einer der vielen leisen kleinen Scherze dieses Films, dass sich der Job eines Top-Managers problemlos von einer Parkbank aus erledigen lässt. "Stilles Chaos" erschöpft sich nicht in finsterer Trauerforschung und hat keine Angst vor lustigen Momenten. Viele kleine Geschichten des Lebens sind in der einen großen vom Tod verwoben, und Regisseur Grimaldi erzählt sie zwischen all den fraglos rührenden Momenten mit einem lebensbejahenden, nahezu heiteren Tonfall. Eine Lösung oder Lehre, wie man sich den Abschied leicht macht, bietet er nicht; nur eine Beschreibung dessen, was Verabschieden für einen Menschen bedeuten kann.

Manchmal fügen sich die kleinen Anekdoten ein bisschen zu glatt in das Gefüge der Handlung, und manchmal arten die Beratungsbesuche an der Parkbank fast in ein Schauspieler-Schaulaufen aus. Nicht weiter tragisch, bei einem so ehrlichen und liebenswerten Film, der eben alles sein will, nur nicht tragisch.



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