Fotostrecke

Kinodrama "Und dann der Regen": Regenwald und Revolution

Foto: Piffl Medien

Kinodrama "Und dann der Regen" Liebe Indios, jetzt bitte Babys töten

Was hat Kolumbus mit Konzern-Gier zu tun? Allerhand, zumindest in Südamerika. Das brisante Kinodrama "Und dann der Regen" erzählt von einem fiktiven Filmdreh über den historischen Entdecker, der von einem realen Aufstand der einheimischen Laiendarsteller begleitet wird.
Von Jörg Schöning

Es ist doch nur Kino! Warum also zieren die Frauen sich? Sie sollen doch bloß ihre Kinder an die nackten Brüste drücken und in die Flussmitte waten. Dann ruft der Regisseur "Cut!" und die Babys werden gegen Puppen getauscht. Die sollen sie dann unters Wasser drücken. Doch die Frauen weigern sich. Kopfschüttelnd verlassen sie den Set und lassen den Regisseur aus Europa ratlos zurück.

Vom Zusammenprall der Kulturen erzählt das Kino zurzeit am liebsten in der Komödienform. Ein bisschen guter Wille und ein Quantum Menschlichkeit reichen da zumeist, um den culture clash gesund und munter hinter sich zu bringen. "Und dann der Regen" macht es sich nicht so leicht.

Mit großem Ernst und beträchtlichem Aufwand verhandelt der Film kulturelle Differenzen in der Vergangenheit und Gegenwart. Dabei folgt er einem Drehbuch, das fast schon geniale Züge trägt, indem es die Landnahme Südamerikas durch Christoph Kolumbus (1451-1506) mit dem "Wasserkrieg" von Cochabamba (im Jahr 2000) auf sehr sinnfällige Weise vermixt.

Das Skript stammt von dem Briten Paul Laverty, der ansonsten Drehbücher für Ken Loach verfasst. Laverty kennt sich aus in Lateinamerika. Der sandinistischen Revolution in Nicaragua hat er in "Carla's Song" (1996) ein Denkmal gesetzt. Sein jüngstes Drehbuch für die spanische Regisseurin Icíar Bollaín - sie hat als Schauspielerin 1995 in Loachs "Land and Freedom" mitgewirkt - verbindet nun das Beste zweier Filmwelten: angelsächsische Sozialanalyse und iberische Emotionalität. Dazu wählt er eine Perspektive, die er selbst am besten kennt - die eines Filmteams.

Kostengründe und Konquistadoren

Der spanische Produzent Costa (gespielt von Luis Tosar aus "Montags in der Sonne") und sein idealistisch gestimmter Regisseur Sebastián (gespielt von Gael García Bernal, "Die Reise des jungen Ché") wollen einen Film über die Kolonisierung Lateinamerikas drehen und den Widerstand dagegen, über die brutale Ausbeutung der Indios durch die Eroberer, über das humanitäre Engagement zweier christlicher Priester wie auch über die Kreuzigung und Verbrennung des legendären kubanischen Rebellenführers Hatuey. Um die Kosten niedrig zu halten, drehen sie ihren Film im bolivianischen Hochland, in der Andenstadt Cochabamba. Hier aber sehen sie sich mit sehr realen Konquistadoren konfrontiert.

Ein multinationales Konsortium hat die örtliche Wasserversorgung erworben und bringt damit die Bevölkerung gegen sich auf. Nicht nur erhöht das Unternehmen den Wasserpreis enorm, es lässt auch Brunnen versiegeln, und Regenwasser aufzufangen, ist untersagt. Als die lokalen Campesinos - Bauern und Landarbeiter zumeist indianischer Abstammung - dagegen den Widerstand organisieren, gefährdet dies den Drehplan. Nicht nur, weil Straßenschlachten das öffentliche Leben lahmlegen. Sondern vor allem, weil der Kleindarsteller, den sie in einem öffentlichen Casting zum Impersonator des rebellischen Hatuey gekürt haben, plötzlich zum Protagonisten der Bewegung wird. Der Campesino Daniel (Juan Carlos Aduviri) ist auch im wahren Leben ein charismatischer Bauernführer, den die Obrigkeit so schnell und dauerhaft wie möglich aus dem Verkehr ziehen will.

Für jeden seiner Themenstränge findet der Film die passenden Bilder. Da gibt es große Panoramen aus dem Regenwald, quasi-dokumentarische Handkamerapassagen aus dem Straßenkampf und grobkörniges Schwarzweiß-Material aus einem fiktiven "Making of", in dem Mitglieder des Filmteams private Seiten offenbaren, die auch medial verwertbar sein sollen.

Das nachkoloniale Gewissen

So können sich die Darsteller der christlichen Padres als aufgeklärte Menschenrechtler profilieren, der Regisseur kann seinen antikolonialen Standpunkt betonen und der Produzent sein selbstloses Engagement. Doch auch hinter Costa stehen englischsprachige Finanziers: Letztlich ist das Filmkunstwerk zwar eine Weltverbesserungsmaßnahme, aber eine, die sich rentieren soll.

500 Jahre und 2500 Meter Höhenunterschied trennen die unterjochten Taino auf Kuba von den Aymara im heutigen Bolivien. Die einen ertränkten im Widerstand gegen die Eroberer ihre Kinder, die anderen ziehen sogar die nur spielerische Nachahmung einer solchen Verzweiflungstat nicht einmal in Betracht. Hier stoßen die europäischen Filmemacher an eine kulturelle Grenze, die ihr vermeintliches Verständnis als Wunschbild entlarvt. Hier zeigt sich "Und dann der Regen" aber auch als ein Film über das Filmemachen auf der Höhe der Zeit.

Als Folge und Antrieb der medialen Globalisierung sucht sich das Weltkino seine Schauplätze inzwischen allüberall. Nur allzu oft zieht es zur Illustrierung eigener Vorstellungen und Konflikte ferne Weltgegenden heran. Gute Geschichten sind da Gold wert. Im Wasserkrieg ist es ja leicht, auf der richtigen Seite zu sein. Aber hier? Angesichts einer Gier nach Bildern, die sowohl faszinieren wie auch nachkoloniale Gewissensbisse beruhigen sollen - und das zu erschwinglichen Kinopreisen?

"Und dann der Regen" überzeugt, solange in diesem Konflikt alle Protagonisten ihren Funktionen entsprechend handeln. Dann aber wird in den Straßenkämpfen die Tochter des Rebellenführers schwer verletzt, und von da an setzen sich menschliche Stärken und Schwächen durch, die alle Einstellungen komplett verändern. Diese Wendung in den Charakteren kommt überraschend. Sie ist eine Volte des Drehbuchs, und sie setzt ein dramatisches, hochemotionales Finale in Gang. Ihm vor allem wohl verdankt der Film seine Publikumspreise auf mehreren Festivals, unter anderem im Berlinale-Panorama. Am Ende ist er doch "nur" Kino. Aber kann man das einem Film zum Vorwurf machen?