Kinodrama von Andreas Dresen Mama, Papa, Tumor

Wenn das Krebsgeschwür zum Familienmitglied wird: Andreas Dresens Drama "Halt auf freier Strecke" erzählt vom Sterben eines Vaters. Ein so grausamer wie konkreter Kinofilm - der doch Momente radikaler Romantik bereithält.
Kinodrama von Andreas Dresen: Mama, Papa, Tumor

Kinodrama von Andreas Dresen: Mama, Papa, Tumor

Foto: Pandora Film

Das ist mal eine Ansage: Frank (Milan Peschel) bespricht mit dem Bestatter seine eigene Beerdigung und hat dezidierte Vorstellungen vom musikalischen Beiprogramm; er wünscht sich das Album "Dead Man" von Neil Young. Selbstverständlich könnte man daraus drei Stücke auswählen, erklärt der Beerdigungsunternehmer. Neinnein, erwidert Lange, es solle das ganze Album gespielt werden. Nun gilt das Werk mit seinen aufdringlichen Todesreferenzen und zähen Endlos-Gitarrensoli selbst unter Neil-Young-Fans als schwer hörbar, eine stilvolle Beerdigung klingt anders.

Andererseits: Was schert's Frank, was er der Nachwelt zumutet? In seinem Kopf wuchert ein bösartiger Tumor, in ein paar Monaten wird er unter der Erde liegen. Wenn er jetzt nicht mal ein bisschen egoistisch ist, dann wird er es nie mehr werden.

Das ist die todkomische Pointe an Andreas Dresens Sterbedrama "Halt auf freier Strecke": Die Hoffnung, vor dem Tod noch einmal alles zurechtzurücken oder ein nützliches Vermächtnis für die Nachwelt organisieren zu können, wird als Illusion entlarvt. Und diese Erkenntnis unterscheidet Dresens grausamen, wahren, über Strecken aber auch genuin romantischen Film von den meisten anderen Sterbedramen. Denn da geht es immer auch darum, dem Sterben eine Art Mehrwert für die Überlebenden abzuringen.

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Krebsdrama "Halt auf freier Strecke": Mama, Papa, Tumor

Foto: Pandora Film

Man nehme nur einige jüngeren Beispiele des Genres: In François Ozons "Die Zeit, die bleibt" (2005) will der an Aids erkrankte schwule Held - ein Mann ist eben ein Mann - doch tatsächlich noch ein Kind zeugen. In Nick Cassavetes "Beim Leben meiner Schwester" (2008) schweißt der Leukämie-Tod eines Mädchens eine auseinanderbrechende Familie wieder zusammen. Und in Isabelle Croixets "Mein Leben ohne mich" (2003) bereitet eine unheilbar an Krebs erkrankte Mutter ihre Lieben auf ein Dasein nach ihrem Tod vor - neue Frau für Papa inklusive.

Das Fremde im eigenen Körper

Die Pläne von Frank für seine Familie sind da überschaubarer. Und scheitern auf halber Strecke, weil der schnell wachsende Tumor immer wieder seinen Tribut fordert. Die Übernachtung im paradiesischen Erlebnisbad "Tropical Island" muss außerplanmäßig beendet werden, weil Frank einen Kollaps hat. Das neue Hochbett für den Sohn kriegt er nicht mehr zusammengesteckt, da er sich nicht mehr konzentrieren kann. Bald verliert Frank gänzlich die Kontrolle über sich, frisst die Schokolade im Adventskalender seiner Kinder weg und pinkelt ins Zimmer der Tochter, pöbelt in Schmerz und Ohnmacht jene an, die ihn pflegen. Ehefrau Simone (Steffi Kühnert) beichtet irgendwann ihrer Mutter, es wäre doch sehr angebracht, wenn ihr Mann nun endlich gehen würde.

Da liegt Frank schon im Bett und muss vom ambulanten Pflegedienst gewickelt werden; die Sprache funktioniert nur noch schleppend, die Gedanken scheinen sich zu verlaufen. An Heiligabend ruft er die Familie noch mal hoch zu sich ins Zimmer, er setzt zu einer Rede an, die sowas wie eine Botschaft für die Hinterbleibenden sein könnte. Doch außer etwas unverständlich Gestammeltem kommt ihm nichts über die Lippen. Kein Vermächtnis, nirgendwo.

Denn längst hat der Tumor das Regiment in Franks Oberstübchen übernommen. Das sind die einzigen (grotesk) überhöhten Szenen, die Dresen sich und dem Publikum gönnt: Das Geschwulst im Gehirn wird zum eigenen Protagonisten, hat in Franks Wahrnehmung eigene Auftritte in der "Harald Schmidt Show" und kommuniziert mit dem Kranken. Ein gewagter Kniff - der aber aufgeht. Das Fremde im eigenen Körper, Frank muss mit ihm umgehen. Der Vater und der Tumor, sie sind teilweise ein und derselbe. Wie aber soll man so einen lieben?

Papa, vererbst du mir dein iPhone?

Dresen, der für "Halt auf freier Strecke" in Cannes mit dem Preis in der wichtigen Reihe "Un certain regard" ausgezeichnet wurde, erzählt mit unglaublicher Genauigkeit von den Verschiebungen in der Familie. Von den Bemühungen durch die häusliche Sterbebegleitung den Vater, oder was von ihm noch übrig ist, möglichst lange bei sich zu haben. Von all den letzten Malen, die es in solch einer Situation gibt. Und wie schon in seinem Film "Wolke 9", wo er vom Sex im hohen Alter erzählte, gelingt es Dresen, für dieses gern verdrängte oder zumindest ungern bebilderte Thema eine präzise Filmsprache zu finden. Alles ist konkret, nichts wird weichgespült.

Das Schreckliche hat hier seinen Platz, aber auch das verbleibende Schöne: Das finale Vater-Sohn-Gespräch, in dem der Junge fragt, ob er das iPhone erben könne, kommt hier genauso vor wie der letzte Liebesakt. Nach dem Sex gibt es eine Zigarette, Rauch steigt über dem aus der Rückansicht gefilmten Bett auf. Dabei ist Frank doch militanter Nichtraucher, und Simone hat immer heimlich geraucht. Wie wunderbar: So wird durch die Kippe danach das letzte auch zu einem ersten Mal.

Und so entwickelt dieser Final-Film bei aller brutalen Unausweichlichkeit doch sonderbare Momente des Glücks. Und wenn auch - im Gegensatz zu den oben beschriebenen Sterbedramen - in Andreas Dresens Film nichts Greifbares Bestand hat, diese Momente des Glücks bleiben. Am Ende schneit es, der Vater schläft für immer ein. Die Kinder stehen im Zimmer rum, die Mutter öffnet die Balkontür. Ist da etwa gerade sowas wie Seele in den Schnee entfleucht? Vereinigt sich der unkörperliche Rest des Toten mit der Welt da draußen? Wer will, kann es glauben.

Sicher aber ist: Die Liebe, die bleibt. Größer als zuvor.

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