Kinodrama "Waves" Hingerissen vom Leben

Kann sich ein weißer Regisseur in schwarze Lebenswirklichkeit hineinfühlen? Dem jungen US-Filmemacher Trey Edward Shults gelingt es: "Waves" ist eine packende, kulturell verbindende Geschichte über das Erwachsenwerden.
Kelvin Harrison Jr. als Tyler in "Waves"

Kelvin Harrison Jr. als Tyler in "Waves"

Foto: Universal Pictures

Ein junges Mädchen fährt auf seinem Fahrrad durch eine amerikanische Vorstadtstraße, ein junger Mann rast mit einem Wagen voller Freunde über eine Highway-Brücke in Florida, die Musik pumpt und hämmert, die Stimmung ist ausgelassen, der junge Mann streckt seine Hand aus dem Fenster in den Fahrtwind: Freiheit, Bewegung, Dynamik. Die ersten Szenen von “Waves” sind so stürmisch wie das Leben, wenn es gerade erst beginnt und sich in allen seinen wilden Möglichkeiten offenbart. 

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"Waves"

Foto: Universal Pictures

Das Mädchen auf dem Rad heißt Emily (Taylor Russell), doch auch wenn “Waves” mit ihr beginnt und endet, gehört die erste Hälfte des Films ihrem älteren Bruder Tyler (Kelvin Harrison Jr.), dem blondgefärbten schwarzen Draufgänger am Steuer des Autos. Der schroffe Hip-Hop-Track “I Am A God” von Kanye West ist ein Song, den Regisseur Trey Edward Shults immer wieder anklingen lässt. Denn wie ein junger Gott scheint Tyler durch seine Jugend zu gleiten: Im Wrestling-Team seiner Schule ist er einer der Stars, eine Profi-Karriere steht in Aussicht, seine Freundin Alexis (Alexa Demis) ist wunderschön, der Sommer in Florida ist heiß. Alle Zeichen stehen auf Erfolg. Doch wie in Wests Song lauert in den Szenen, die all dies mit flirrenden, kreiselnden Kamerafahrten und schnellen Cuts zeigen, in jedem Bild auch eine Bedrohung, eine Ahnung, dass nichts im Leben so glatt läuft. 

“Waves” ist der dritte Spielfilm des erst 31-jährigen Shults. Nach dem Psychodrama “Krisha” (2015) und dem Horrorfilm “It Comes At Night” empfiehlt er sich hier als talentierter und mutiger Regisseur, der Emotionalität im Kino auf eine hypermoderne, popkulturell expressive Weise erzählen will. Es ging ihm darum, den Performance-Druck junger Menschen abzubilden, den auch er in seiner Jugend erlebt habe, sagte er in einem Interview: das unfassbar anstrengende Streben nach Perfektion und maximaler Leistung in irrealer Instagram-Stylishness. 

DER SPIEGEL

Shults war einst Praktikant am Set von Terrence Malicks “Tree Of Life” und lernte von dem Meister der Kino-Metaphysik, wie man Leinwandbilder spirituell auflädt, wie man Geschichten über Beziehungen und Schicksale eher zeigt, als sie in Dialogen zu erklären. Vieles an der virtuosen Bildsprache, die er in “Waves” anwendet, erinnert an andere Neo-Expressionisten wie Gaspar Noé und Harmony Korine (der hier sogar einen Gastauftritt hat). Eine Szene, in der Tyler und Alexis sich im Ozean stehend ihre Liebe gestehen, zitiert ganz eindeutig und mutwillig erkennbar “Moonlight” von Barry Jenkins. 

Aber anders als Jenkins ist Shults kein Afroamerikaner. Dass sich ein weißer Texaner anmaße, eine Geschichte über schwarze Lebenswirklichkeit zu erzählen, wurde in US-Medien Ende des letzten Jahres kontrovers diskutiert. Der deutsche Filmstart fällt nun, inmitten der "Black Lives Matter"-Proteste gegen Rassismus und weiße Polizeigewalt, in eine identitätspolitisch noch weiter aufgeheizte Stimmung. Aber darf nur, wer selbst schwarz ist, eine Geschichte mit und über Schwarze erzählen? Macht sich, wer nicht aus der Betroffenenperspektive filmt oder schreibt, automatisch der kulturellen Aneignung und Stereotypisierung schuldig? Vehementer denn je werden solche Fragen auch im Kino diskutiert, einer Branche, in der schwarze Künstler und ihre Storys jahrzehntelang marginalisiert und benachteiligt wurden. Vor allem von weißen Künstlern wird mehr Sensibilität eingefordert.

Komplizierte "racial politics"

Doch die Kritik an Shults läuft ins Leere. Denn Charakter und Schicksalsweg seiner schwarzen Hauptfigur Tyler hat sich der Regisseur nicht alleine ausgedacht, sondern in monatelangen Drehbuch-Sessions gemeinsam mit seinem Darsteller Kelvin Harrison Jr. entwickelt. "Therapie-Sitzungen" nannte Shults in einem Interview diese Treffen, in denen sich die beiden über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede ihres Erfahrungen austauschten. Vielleicht macht das "Waves" sogar zu einem seltenen kulturellen Verständigungsprojekt.

Auch die Kritik war zum großen Teil positiv. Trotzdem ging "Waves" bei den wichtigen Preisverleihungen im vergangenen Winter dann so gut wie leer aus - vermutlich auch ein Resultat der komplizierten "racial politics", die den Film womöglich zu einem allzu heißen Eisen für Juroren machte.

Regisseur Shults: Sensibilität für Bilder, Rhythmus und Gefühlswelten der Millennials.

Regisseur Shults: Sensibilität für Bilder, Rhythmus und Gefühlswelten der Millennials.

Foto: Dia Dipasupil/ Getty Images

Dabei spielen Hautfarbe und Politik eben nicht die tonangebenden Rollen in Shults Kino der Gefühlswogen, das einem eher musikalischen Flow folgt: Die Hip-Hop-Tracks von West und Kendrick Lamar werden ergänzt durch den zarten, berührenden R&B-Pop von Frank Ocean, dessen stilistisch zweigeteiltes Album “Blonde” laut Shults wie eine Blaupause für den Film diente - quasi die cineastische Entsprechung der gerade unter Jugendlichen populären Emo-Rap-Musik. Trent Reznor und Atticus Ross ("Watchmen”) komponierten einen sinisteren, elektronisch simmernden Score, der die wachsende Spannung bis ins Unerträgliche steigert. 

Denn Tyler, der junge Gott, steuert auf eine Krise zu. Eine Schulterverletzung heilt nicht aus. Verzweifelt stiehlt er Schmerzmittel von seinem unerbittlich Höchstleistung fordernden Vater (Sterling K. Brown), der bei seinem Sohn keine Anzeichen von Schwäche zulassen will. Als Tyler sein sonniges Gemüt dann doch verliert, nimmt ihn der stolze Selfmade-Mann in die gesellschaftspolitische Mangel: Sein Leben lang sei er als Schwarzer gepusht worden, ständig musste er mehr leisten als Weiße, um sich und seiner Familie eine wohlhabende Mittelklasse-Existenz zu ermöglichen. In diesem unmenschlichen Programm müsse auch Tyler bestehen. 

Als seine Freundin Alexis ihm gesteht, dass sie schwanger ist und das Kind behalten will, und dann noch seine Verletzung und die Schmerzen so lange ignoriert, dass er nicht mehr zum Wettkampf zugelassen wird, tickt Tyler aus. Es kommt zur Katastrophe, die nicht nur sein Leben nachhaltig entgleisen lässt, sondern auch Vater, Mutter und Schwester traumatisiert. Die blendende Oberflächenfunktionalität der Vorzeige-Familie zerplatzt und offenbart Abgründe. 

Emily wird zur Wundheilerin der Familie

Diese wieder mit Sinn zu füllen, fällt Emily in der zweiten Hälfte von “Waves” zu. Shults inszeniert sie in ruhigeren Bildern und weniger knalligen Tönen als Ballade. Zaghaft und tastend lässt sich das Mädchen auf eine Romanze mit dem ebenso schüchternen, aber warmherzigen Luke ein, den ihr Bruder Tyler in einer früheren Szene beim Wrestling besiegt hatte. 

Zusammen unternehmen diese beiden Versehrten einen Roadtrip zu Lukes entfremdetem Vater, der im Sterben liegt. Es ist eine Reise, auf der ausgerechnet die stille Emily, die sich stets dem strahlenden Tyler unterordnen musste, die Wunden ihrer Familie heilt. Mit ihr kehrt die Hoffnung zurück, dass aus Disruption und Dissonanz wieder Harmonie erwächst. 

Filminfo

USA, 2019
Regie und Drehbuch: Trey Edward Shults
Darsteller: Taylor Russell, Kelvin Harrison Jr., Alexa Demie
Verleih: Universal Pictures
Länge: 135 Minuten
FSK: ab 12 freigegben
Start: 16. Juli 2020

Shults zeigt in seinem unorthodoxen Coming-of-Age-Drama das Leben als vom Schicksal gesteuerte Wellenbewegung, ein unberechenbar dynamisches, sich idealerweise ausgleichendes Spiel positiver und negativer, heilender und zerstörerischer Kräfte. Die formale Wucht und Leidenschaft, die Sensibilität für Bilder, Rhythmus, Ästhetik und Gefühlswelten der Millennials-Generation ist dabei so unmittelbar mitreißend, dass man “Waves” einige allzu breite Pinselstriche, überschwappendes Pathos und manche Untiefe gerne verzeiht. 

Filme spalten die Kritik. Unser Autor Till Kadritzke fand den Film "Waves" weniger gelungen. Lesen Sie hier seine Rezension.

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