"Prometheus"-Regisseur Scott "Natürlich gibt es intelligentes Leben im All"

Gute Aliens, böse Konzerne: Mit dem Weltraum-Thriller "Prometheus" kehrt "Alien"-Schöpfer Ridley Scott nach mehr als 30 Jahren ins Science-Fiction-Genre zurück. Im Interview spricht der britische Regie-Altmeister über außerirdische Intelligenz und intergalaktischen Kapitalismus.
"Prometheus"-Regisseur Scott: "Natürlich gibt es intelligentes Leben im All"

"Prometheus"-Regisseur Scott: "Natürlich gibt es intelligentes Leben im All"

Foto: Twentieth Century Fox

SPIEGEL ONLINE: Sir Ridley, in Ihrem Science-Fiction-Film "Prometheus" machen sich Wissenschaftler auf die Suche nach außerirdischen Intelligenzen, die möglicherweise die Menschheit erschaffen haben. Ein realistisches Szenario?

Scott: Ich betrachte das von einem agnostischen Standpunkt: Wie hoch ist die mathematische Wahrscheinlichkeit einer Kette biologischer Unfälle in einem Häufchen Kohlenstoff, die dazu geführt hat, dass wir beide uns nun über Hunderte Kilometer hinweg an einem Hightech-Telefon über diese Dinge unterhalten können? Man fragt sich: Zufall? Oder gab es doch eine Art Anleitung von außen?

SPIEGEL ONLINE: Der Schweizer Autor Erich von Däniken war mit solchen Thesen in den siebziger Jahren sehr erfolgreich. Er wurde aber auch ausgelacht für seinen Glauben an außerirdische Besucher.

Scott: In meinen Augen folgen solche Überlegungen schlicht der Logik: Wenn sie in einer klaren Nacht in den Himmel schauen und die Milliarden Sterne unserer Galaxie betrachten, dann wird der Gedanke, dass wir die einzigen intelligenten Lebewesen sein sollen, absolut lächerlich. Also: Natürlich gibt es intelligentes Leben im All.

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SPIEGEL ONLINE: Aber ist die Vorstellung, dass es einen Evolutionsschub durch Aliens gab, nur eine Hilfskonstruktion, um Unerklärliches erklärbar zu machen?

Scott: Ja, möglich. Aber überlegen Sie doch mal, wie lange es die Erde gibt: Vier Milliarden Jahre? Und wie lange gibt es den Homo Sapiens? 200.000 oder 300.000 Jahre vielleicht. Das ist eine verdammt lange Zeit, in der nichts passiert ist. Irgendwo auf diesem Weg hat jemand der Menschheit auf die Sprünge geholfen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielen dabei die in der "Alien"-Saga "Space Jockeys" genannten Piloten, auf deren verlassene Basis nun die "Prometheus" stößt?

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Scott: Man muss sie sich als eine Rasse intergalaktischer Schöpfer vorstellen, die von Planet zu Planet reisen und organische Experimente mit den jeweiligen Umweltbedingungen durchführen, um Lebensformen zu erschaffen. Einige dieser Experimente gehen gut, einige schlagen auf katastrophale Weise fehl.

SPIEGEL ONLINE: Auch für die Crew der "Prometheus" hält die Suche nach Antworten auf die letzten Fragen der Menschheit einige sehr unangenehme Überraschungen bereit. Eine Bestrafung für die Hybris, auf Augenhöhe mit seinen Schöpfern gehen zu wollen?

Scott: Man wird die Menschheit nicht davon abhalten können, immer weiter zu forschen und Fragen zu stellen. Das kann zu schlimmen, aber auch zu wundervollen Ergebnissen führen. Es bleibt einem nichts anderes übrig, als dies möglichst positiv zu sehen. Viele Leute sagen, früher sei alles besser gewesen. Aber als Kind der Kriegsgeneration muss ich sagen, dass es uns heute trotz Finanzkrise viel, viel besser geht als in den Fünfzigern, der vermeintlich guten alten Zeit. Das ist natürlich auch dem Forschungsdrang der Menschen geschuldet.

SPIEGEL ONLINE: Die von Noomi Rapace gespielte Wissenschaftlerin Elizabeth Shaw ist in "Prometheus" einerseits kühle Forscherin, andererseits wird sie als tiefgläubige Frau gezeigt, deren Kette mit einem Kruzifix eine signifikante Rolle im Film spielt. Wie geht das zusammen?

Scott: Ich habe mich zur Vorbereitung auf "Prometheus" einige Male mit Top-Wissenschaftlern getroffen, Mathematikern und Astrophysikern. Das Schöne ist ja, dass diese Superhirne sich genauso kindlich für Science-Fiction begeistern wie wir Filmemacher. Teilweise benehmen sich diese brillanten Köpfe so albern wie Schuljungs, dass man sich fragt, wo eigentlich deren Grips herkommt. Na ja, jedenfalls antworteten vier von sechs dieser Wissenschaftler auf meine Frage, ob sie religiös seien, spontan mit Ja - zu meiner großen Verblüffung.

SPIEGEL ONLINE: Und was war die Erklärung?

Scott: Nun, immer wenn sie bei einem Forschungsprojekt an die Grenzen des Vorstellbaren stoßen, aber gleichzeitig sicher sind, dass es eine Antwort gibt, dann bleibt ihnen gar nichts anderes übrig, als über ein göttliches Element nachzudenken. Der Glaube, woran auch immer, spielt bei der Lösung physikalischer und mathematischer Fragen anscheinend eine recht große Rolle.

SPIEGEL ONLINE: In Ihren frühen Science-Fiction-Filmen "Alien" und "Blade Runner" wird die Gesellschaft von großen Industrieunternehmen dominiert. Auch in "Prometheus" spielt die mächtige Weyland Corporation eine tragende, sehr ambivalente Rolle. Für wie realistisch halten Sie ein zukünftiges Regime der Konzerne?

Scott: Wir sind auf dem besten Wege dorthin. Wenn Unternehmen sich eigene Armeen wie die Söldnertruppe Blackwater schaffen, weil sie in Krisenregionen für ihre Sicherheit sorgen wollen, wenn Firmen also so groß werden, wer will sie dann noch stoppen? Sicher keine Regierungen. Und das Gleiche gilt auch für die Banken, wie wir in der aktuellen Krise gesehen haben.

SPIEGEL ONLINE: In "Blade Runner" ist es die Tyrell Corporation, die alle Fäden in der Hand hält. Sie arbeiten gerade an einer Fortsetzung ihres Klassikers von 1982, wie steht's denn?

Scott: Ich kämpfe gerade mit dem dritten Akt und führe viele Diskussionen darüber, ob wir einfach nur eine Geschichte im Rahmen der "Blade Runner"-Ästhetik und -Umwelt drehen oder tatsächlich an die Handlung des ersten Films anknüpfen wollen. Es ist sehr interessant, zu überlegen, wie die Geschichte um Deckard weitergehen könnte.

SPIEGEL ONLINE: Noch einmal zurück zum Thema Gott: "Lost"-Schöpfer Damon Lindelof schrieb das Drehbuch zu "Prometheus" und zeigte sich in gemeinsamen TV-Interviews als ehrfürchtiger Ridley-Scott-Fan. Wie fühlt man sich denn so als Kino-Gottheit?

Scott: Oh, das war natürlich sehr nett, und ich glaube, Damon hatte eine gute Zeit. Aber wissen Sie, ich habe Schwierigkeiten damit, bewundert zu werden. Ich komme aus dem Norden Englands, Bescheidenheit ist mir angeboren.

Das Interview führte Andreas Borcholte

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