Kinofilm "Die 1000 Euro-Generation" Sind alle so nett prekär hier

Kein Job? Papa auf der Tasche liegen? Ist doch halb so wild, wenn man nur gute Freunde hat! Der italienische Kinofilm "Die 1000 Euro-Generation" nach dem gleichnamigen Bestseller will vom miesen Leben des Akademiker-Prekariats erzählen - und kommt als Herz-Schmerz-Komödchen daher. Eine Warnung.

Kairos Filmverleih

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Die Freundin will plötzlich eine Denkpause, der Vermieter will Kohle, das Konto ist überzogen, der ohnehin miese Job wird demnächst wohl gekündigt, aber mit dem Studienabschluss hatte der ja sowieso nichts zu tun. Macht also nichts. Eine neue Möglichkeit wird sich auftun, ein neuer Gedanke, oder vielleicht kommt einfach ein Zufall oder per Zufall eine neue Frau, und dann wird das Leben wieder neu, aufregend, voller Zukunft.

Mensch, so schön kann das sein, wenn man nicht weiß, wie es weiter gehen soll im Leben. Studieren, Arbeit suchen, keine finden, für lächerliches Gehalt temporär schwachsinnige Jobs verrichten. Andere würden da in Depressionen verfallen, aber nicht Matteo aus Mailand. Der lässt sich nicht unterkriegen. Und wenn der Fußboden in der WG-Wohnung durchbricht, kein Problem, schieben wir einfach einen Sessel darüber.

"1000 Euro Generation" nennt man in Italien die Kohorte an jungen Erwachsenen, die trotz guter bis bester Ausbildung kaum mehr als 1000 Euro im Monat verdienen und deshalb oft noch bei den Eltern wohnen. Den gleichnamigen Film scheint diese Entwicklung aber kaum zu interessieren - oder besser gesagt: zu beunruhigen. Während der sehr frei als Vorlage verwendete gleichnamige Roman von Alessandro Rimassa und Antonio Incorvaia die traurige Lage seiner Protagonisten in einen landesweiten Streik der Praktikanten münden lässt, mithin also eine Möglichkeit zum Ausbruch oder immerhin zum Widerstand beschreibt, verharren die Figuren in Massimo Veniers Version in einer scheinbar alternativlosen Fremdbestimmtheit.

Die tragende Figur ist ein junger Mann namens Matteo (Alessandro Tiberi), studierter Mathematiker, aber versandet in der Marketingabteilung eines Telekommunikationsunternehmens. Mathematiker ist er, ahnen wir schnell, aus nur dem einen Grund, um mit seinen Co-Darstellern mehr oder weniger inhaltsreiche Dialoge über die Wahrscheinlichkeit und Möglichkeit von Glück und Erfüllung führen zu können, was dem Film die Tiefe nächtlicher studentischer Gespräche nach zwei Flaschen Rotwein verleiht. Das ist die halbe Miete.

Keine Träume, keine Alternativen

Die andere Hälfte wird bestritten mit Matteos Liebeswirren. Hin- und hergerissen ist der junge Mann zwischen einer aufregenden Blondine namens Angelica (Carolina Crescentini), einer Zufallsbekanntschaft aus einer Rauchpause, die sich bald überraschenderweise als seine Chefin entpuppt und, für den Zuschauer etwas weniger überraschend, als die scharfe Inkarnation des Kapitalismus - und der dunkelhaarigen Schönheit Beatrice (Valentina Lodovini), einer zunächst unerwünschten Untermieterin, die Lehrerin sein will und nichts anderes als Lehrerin, voller Idealismus und Herzenswärme.

Matteo muss sich nun entscheiden, aber vorher viel mit Herzklopfen auf seinem Mofa durch Mailand brausen, hin und her, und stets zu spät, aber sympathisch-chaotisch und nett anzuschauen. "Die 1000 Euro-Generation" ist dasselbe: ein netter Sommerfilm, leichte Unterhaltung mit hübschen Schauspielern; für Leute gemacht, die so etwas gerne sehen und nicht zu viel darüber nachdenken wollen, ob das, was sie da sehen, etwas mit der Realität zu tun haben könnte.

Wie offenbar auch Regisseur Massimo Venier selbst, der sich im Interview daran erinnert, wie das zu seiner Zeit gewesen ist: "Als ich so um die dreißig war, in den neunziger Jahren, gab es noch die Möglichkeit, eine Festanstellung zu finden - in einer Bank beispielsweise -, und es stellte sich eigentlich nur das Problem: 'Will ich das überhaupt?' In diese Situation kommen die jungen Leute heutzutage schon gar nicht mehr. Der Film beschreibt, wie dieses ganze Drama um den ungesicherten Arbeitsplatz eine Lebensphase überschattet, in der man eigentlich seine Träume leben sollte."

Man muss davon ausgehen, dass Venier seinen eigenen Film nicht gesehen hat, denn genau diese Funktion erfüllt "Die 1000 Euro-Generation" nicht. Hier ist nichts "überschattet". Was Matteo und seine Freunde erleben, ist kein Drama, sondern ein ewiges Durchwursteln, bei dem sie nie den Mut und den Witz und die Leichtigkeit verlieren. Es hat nichts mit dem zu tun, was tatsächliche Uni-Absolventen erleben, die sich nach dem Abschluss nicht im Traumberuf, sondern auf dem Arbeitsamt wiederfinden. Der Film "Die 1000 Euro-Generation" ist dabei doppelt ärgerlich, weil er dazu die Möglichkeit, sich gegen die eigene Situation aufzulehnen, ausspart. Hier gibt es keinerlei politisches Engagement. Es gibt nur die Entscheidung, mitzumachen als kleines Rädchen in einer als zynisch dargestellten, geistlosen Kapitalismusmaschine - oder sich seinen Idealen zu verschreiben, dabei aber arm zu bleiben.

Warum dieser vermeintliche Zeitgeist-Film, der übrigens schon von 2009 ist, jetzt in Deutschland anläuft, ist schwer verständlich - zumal 2010 bereits die weitaus gelungenere italienische Prekariatskomödie "Das ganze Leben liegt vor dir" zu sehen war. Dass "Die 1000 Euro-Generation" schon ein wenig aus der Zeit gefallen ist, ändert aber auch nichts daran, dass, wer sich im wirklichen Leben in einer Situation wie Matteo und Kollegen befindet, den Film wohl als Verhöhnung empfinden wird. Wenn er sich die Kinokarte leisten kann.



insgesamt 37 Beiträge
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champagnero 18.07.2012
1. ...
"Das ganze Leben liegt vor dir" war wirklich gut...
Dumme Fragen 18.07.2012
2. Ich finde, der Film passt sogar hervorragend in die Zeit!
Der Film passt hervorragend in die Zeit, weil die Mehrheit halt langsam kapiert hat, dass man sich nicht wehren kann und der Kapitalismus gewinnt, und darum werfen sich alle SSRI ein und freuen sich des Lebens...
achim68 18.07.2012
3. ...
Zitat von sysopKairos FilmverleihKein Job? Papa auf der Tasche liegen? Ist doch halb so wild, wenn man nur gute Freunde hat! Der italienische Kinofilm "Die 1000 Euro-Generation" nach dem gleichnamigen Bestseller will vom miesen Leben des Akademiker-Prekariats erzählen - und kommt als Herz-Schmerz-Komödchen daher. Eine Warnung. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,843618,00.html
Wie, ausser mit Galgenhumor, sollen die jungen Menschen (und keineswegs nur in Italien) es denn sonst nehmen? Meine Generation musste schon erleben wie Ihre Studienabschlüsse fast täglich überholt wurden. Vom PC-Regime über das Internet bis hin zum Schwachkopf-Schnorrer-mit Kohle-Kapitsalismus Amerikanisch-Britischer Prägung. Die jungen Menschen heute machen vllt. ein gutes Abi, legen einen sauberen Abschluß in Wirtschaftswissenschaften oder BWL oder gar Jura hin... und dann? Gesellschaftlich relevante Kommunikation mit Leuten ohne jeden Schulabschluß vor dem Büro des Arbeitsamtes als Lebensinhalt? Verschont wird davon wer Eltern mit dem nötigen Vitamin B hat, sonst kann es jedem passieren. Die Alternative sind günstige Praktikantenjobs in Folge, bei denen sie die Arbeit eines qualifizierten Studienabsolventen für lau machen, damit die Vitamin B Kerlchen und Babes weniger arbeiten müssen. Ich glaube ich gehöre zu ersten Generation seit Menschen gedenken die froh ist nicht heute 25 zu sein... Die Darstellung ist natürlich überspitzt, dies sollte auch für jeden ersichtlich sein. Ich erwähne es aber nochmal... die Anzahl der Neo-Cons im SpOn wächst ja täglich ;-)
WittyUsername 18.07.2012
4. @Dumme Fragen
Schade, daß ich Deinen Kommentar nicht upvoten kann.
Wofgang 18.07.2012
5.
Ist Euch eigentlich klar, dass Jammern wahnsinnig unsexy ist? deswegen klapt es nicht nur mit dem Job nicht, sondern auch nicht mit dem Sex. ;-) Aufgrund 2 eigener Söhne habe ich ein wenig Einblick in das Leben der "jungen Generation" und so aussichtslos wie das immer dar gestellt wird, ist es bei weitem nicht. Hnadwerk hat goldenen Boden. in Bayern gibt es dieses Jahr mehr Ausbildungsplätze als Auszubildende. Aussichten sehr gut. Vielleicht nicht unbedingt für die Leute, die irgendeine brotlose Kunst studiert haben, aber Leute, die Arbeiten können haben durchaus in jedem Land ihre Möglichkeiten. Tschaka :-)
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