Kinokomödie "Young Adult" Schöne Schlampe!

Mit "Young Adult" legen die Macher des Kinohits "Juno" erneut eine Ausnahme-Komödie vor. Charlize Theron brilliert darin als ehemalige Highschool-Schönheit, die ihre Heimatstadt aufmischt. Ein Wunder, wie tieftraurig und zugleich hinreißend komisch das ist.
Kinokomödie "Young Adult": Schöne Schlampe!

Kinokomödie "Young Adult": Schöne Schlampe!

Foto: Paramount Pictures

Diese Kleinstadt ist eine Zumutung und diese Kneipe ganz besonders. Genervt strebt die hochgewachsene blonde Frau im schwarzen Minikleid auf einen Tisch zu und setzt sich. Mit knappen Worten bestellt sie Bier und wirft ein, zwei unzufriedene Blicke nach allen Seiten. Dann schnappt sie sich ihr Smartphone und tippt konzentriert eine dringende Nachricht. Ein Hilferuf an Freunde, die sie hier schnell rausholen sollen? Die Kamera fährt auf das Handydisplay und zeigt das Geschriebene: "asdfasdlfjzlkngalkzgdnasdasefsd".

Was tun, wenn man merkt, dass man einen fürchterlichen Fehler begangen hat? Wenn man den Menschen, mit dem man ein glückliches Leben hätte führen können, einfach hat ziehen lassen? Kann man das rückgängig machen? Aus diesen Fragen haben Regisseur Jason Reitman und Drehbuchautorin Diablo Cody, die bereits beim Oscar-Hit "Juno" zusammenarbeiteten, einen der bemerkenswertesten Filme des Jahres gemacht. Die Frau, die sie auf Wiedergutmachungsmission schicken, ist nämlich von Grund auf unsympathisch. Und wird es bis zum Schluss auch bleiben.

Die E-Mails mit dem Betreff "Ende der Serie" klickt Mavis (sensationell: Charlize Theron) ohne mit der Wimper zu zucken weg. Die Jugendbuchreihe, die sie als Ghostwriter schreibt, wird bald eingestellt. Dass Mavis dadurch ihren Hauptauftraggeber verliert, ist aber nur ein Rückschlag unter vielen. Die 37-Jährige ist geschieden und lässt die meisten Abende im Whiskynebel verschwinden. Am nächsten Morgen wacht sie dann entweder in den Kleidern der vergangenen Nacht auf oder liegt nackt neben irgendeinem Mann.

Dass es so nicht weitergehen kann, würde sich Mavis nie eingestehen. Trotzdem passiert etwas mit ihr, als sie eine E-Mail von ihrer Highschool-Liebe Buddy erhält. Freudig verkünden er und seine Frau die Geburt der gemeinsamen Tochter. Kurz sieht sich Mavis das runzelige Babygesicht an, dann weiß sie, was sie zu tun hat. Sie muss nicht ihr Leben ändern - sie muss sein Leben ändern!

Mission: Ehe zerstören

Aufgedunsen und mit abrasierten Augenbrauen hat Charlize Theron in "Monster" eine Serienkillerin gespielt und dafür einen Oscar gewonnen. In "Young Adult" ist sie nun gertenschlank und perfekt geschminkt. Dennoch wirkt sie ungleich hässlicher. Denn als sie sich aus Minneapolis auf den Weg in ihre alte Heimatstadt Mercury macht, hat sie nur eines im Sinn: Buddys Ehe zu zerstören und ihn zurückzuerobern. Dabei ist er vollkommen glücklich.

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Kinokomödie "Young Adult": Leider für immer jung

Foto: Paramount Pictures

Mit einem College-Rock-Mixtape in Endlosschleife fährt Mavis zurück in ihre Vergangenheit. Die Kassette hat ihr einst Buddy aufgenommen und so, wie sie die Musik ihrer Highschoolzeit wieder auflegt, will sie ihr damaliges Leben wiederauflegen. Gleich am ersten Abend in Mercury trifft sie in einer Bar auf ihren ehemaligen Mitschüler Matt (Patton Oswalt, "King of Queens"). Während der Schulzeit wurde er einst fast totgeprügelt, weil ihn seine Angreifer fälschlicherweise für schwul hielten. Seitdem humpelt er schwer.

Auf den ersten Blick scheinen Matt und Mavis nichts gemein zu haben: Für ihn war die Schulzeit die schlimmste Zeit seines Lebens, für sie die schönste. Je öfter sie sich gemeinsam betrinken, desto klarer wird aber, dass sie eine Schicksalsgemeinschaft bilden. Beide können nicht von ein paar Lebensjahren loslassen, die sie einst als Teenager verbracht haben.

So böse, dass man schon wieder lachen muss

Welches Leben wollte ich für mich einst haben, und welches habe ich gekriegt? Sich ehrliche Antworten auf diese Fragen zu geben, gehört zu den schmerzlichsten Herausforderungen des midlife. In Mercury sind Mavis und Matt aber die Einzigen, die mit ihrem Leben hadern. Alle anderen scheinen dem Lauf der Dinge nur freundliche Gleichgültigkeit entgegenzubringen. Genau in dieser Konstellation liegt denn auch der Schlüssel dafür, warum man Mavis trotz ihrer Arroganz und Härte doch ein wenig mag. Eigentlich ist sie nämlich eine Kämpferin, die nicht von ihren Träumen lassen will. Nur leider sieht man ihr das wegen ihrer unbewegten Mine und dem perfekten Make-up nicht an.

Eine Antiheldin, mit der man trotzdem mitfühlen kann: In der Komplexität von Mavis liegt die Stärke von Diablo Codys Drehbuch. Während bei ihren bisherigen Filmen "Juno" und "Jennifer's Body" vor allem die pointierten Dialoge auffielen, sind es hier die genaue Figurenzeichnung und die perfekte Mischung aus Tragik und Komik, die begeistern. Mavis ist zwar böse, aber manchmal so verzweifelt böse, dass man schon wieder über sie lachen muss.

Mit Regisseur Jason Reitman hat Cody zudem ein unaufgeregtes Kleinstadtpanorama entworfen. In Mercury werden keine großen, dafür aber zufriedene Leben gelebt, allen voran vom sanften Buddy (Patrick Wilson, "Little Children"), der aus Solidarität mit seiner stillenden Frau keinen Alkohol trinkt. Sein Eheglück mit der Sonderpädagogin Beth (Elizabeth Reaser) stellt "Young Adult" geradezu aus. Das kann man als konservativ empfinden - oder als erfrischend, weil nicht jedes Eigenheim gleich eine Familienhölle beherbergen muss.

In jedem Fall ist man als Zuschauerin über ein bisschen Glück sehr froh. Denn am Ende des Films weiß man nicht, ob sich Mavis ihrer Probleme wirklich bewusst ist - und ob man überhaupt eine Szene gesehen hat, in der es für sie gut gelaufen ist. Ganz beiläufig fordert "Young Adult" so seinem Publikum ab, anstelle von Mavis eine Bilanz ihres Lebens zu ziehen - und den Abgleich mit dem eigenen zu vollziehen. Keine schöne Aufgabe, aber ein großartiger Film, der so etwas von einem verlangt.