Kinoporträt "Che - Guerilla" Der Kampf geht weiter, Steven!

Revolution ist schwierig. Auf Kuba klappt sie, in Bolivien nicht. Diese bittere Erfahrung macht Ernesto Guevara im zweiten Teil von Steven Soderberghs Politdrama. Dank formaler Strenge lernt auch der Zuschauer in "Che - Guerilla" die Mühen der politischen Revolte kennen.

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"Den größten Fehler", sagt "Che" Guevara keuchend zu seinen nach monatelangen Scharmützeln im bolivianischen Hochland aufgeriebenen Männern, "habe ich selbst gemacht, als ich meine Medikamente liegen ließ". Der nach Kuba nächsten Revolution Lateinamerikas stockte im Sommer 1967 buchstäblich der Atem.

Commandante Guevara, der den glorreichen Sieg auf der Karibik-Insel auf dem südamerikanischen Kontinent im Alleingang wiederholen wollte, litt unter immer schlimmeren Asthma-Anfällen - und konnte seine Truppen weder körperlich noch rhetorisch zu revolutionären Großtaten motivieren. Schlimmer noch: Das Volk, das knapp zehn Jahre zuvor zur größten Stütze für Fidel Castros Eroberung Kubas war, zeigte den Umstürzlern um Guevara in Bolivien die kalte Schulter. Und ohne Zuspruch und tatkräftige Hilfe aus der Bevölkerung wird die schönste Utopie zur Strapaze.

"The Passion of the Che" nannte der Kritiker der "New York Times" etwas mokant den zweiten Teil des fast viereinhalbstündigen Guevara-Epos von Regisseur Steven Soderbergh, der diese Woche in den deutschen Kinos anläuft. Und tatsächlich zeigt Soderbergh, der wohl verbissenste Formalist unter den amerikanischen Filmemachern, die knapp einjährige Kampagne des vielfach verklärten Revolutionärs bei seinen Bemühungen, das bolivianische Volk vom Joch der Großgrundbesitzer zu befreien, als Leidensweg. Allein, dem Volk war's herzlich egal, dass der Messias der lateinamerikanischen Revolution höchstpersönlich anreiste - und begegnete den ungewaschenen, bärtigen Guerilleros, die aus dem Unterholz krochen und Parolen schwangen, mit gehörigem Misstrauen.

Vielleicht hatte der zum Revoluzzer gereifte Arzt schon zu Beginn seiner Bolivien-Befreiung geahnt, dass sie nicht mit einem Triumphzug durch die Hauptstadt La Paz enden würde: "Ich werde nur tot hier rausgetragen werden" schwor er sich selbst und seine Kampfgefährten ein. Es sollte sich bewahrheiten: Am 8. Oktober 1967 gerät Guevaras Trupp bei La Higuera in einen Hinterhalt der bolivianischen Armee. Der Revolutionsführer wird angeschossen, interniert und am nächsten Tag exekutiert.

Zuletzt sieht man, wie die in eine Plane verpackte Leiche Guevaras auf den Kufen eines Hubschraubers liegend abtransportiert wird. Erst im Tod, suggeriert dieses Bild, hat er es geschafft, sich über das großflächige Land zu erheben und zu verbreiten - mitsamt der Idee von der Revolution, die er mit sich trug.

Wie schon in "Revolucion", dem ersten Teil der filmischen Hagiografie, kommt man auch in "Guerilla" dem Menschen Guevara und seinen inneren Beweggründen nicht näher. Was spannend gewesen wäre, die Ausdeutung innerer Konflikte oder das Aufzeigen von Schwäche und Selbstreflexion, spart Soderbergh aus, um stattdessen reine Aktion zu zeigen: Der Zuschauer muss so lange hinter der wackeligen Handkamera und den haarigen Revolutionären durch das von greller Sonne gebleichte Gelände huschen, dass ihm der Film am Ende schon fast so lang vorkommt wie der immer wieder tageweise abgezählte Verlauf der Revolution.

Während diese inszenatorische Strenge im ersten Teil hin und wieder durch die in Schwarzweiß abgehobenen Passagen des Uno-Besuchs Guevaras von 1964 unterbrochen wurde, beherrscht das bleiche Grüngelb des bolivianischen Gestrüpps und das durchgeschwitzte Oliv der paramilitärischen Uniformen diesmal die Ästhetik des gesamten Films. Man kann förmlich riechen, welch schweißtreibende Arbeit die Mühen der revolutionären Ebene bereitet - und freut sich über eine Ablenkung, wenn sich Guevara oder einer seiner Gehilfen eine fette Zigarre anzündet - als Zeichen der wenigen kleinen Genüsse, den man sich als Guerillero gönnen darf.

Oft sieht man Guevara, der erneut in beeindruckend absorbierender Weise von Benicio Del Toro verkörpert wird, einfach nur ins Unterholz blinzeln. Oder nach Luft ringen, wenn das Asthma ihn plagt. Einmal versucht der große "Che" vergeblich, sich auf seinem Maultier zu halten. Keiner seiner Mitstreiter lacht darüber, denn das Bild ist auch hier ganz klar: Der störrische Esel, das sind die Bolivianer, die einfach keinen Bock auf Revolution haben.

Man kann über Soderberghs Herangehensweise herrlich streiten und sich dauerhaft den Kopf darüber zerbrechen, was den Regisseur daran fasziniert haben mag, beinahe minutiös jeden strategischen Schritt Guevaras mit größtmöglicher Objektivität nachzuzeichnen: Erst den erfolgreichen Feldzug gegen Batista auf Kuba als rechte Hand Castros - dann die auf eigene Faust geplanten Aktion in Bolivien, die kläglich scheiterte.

Natürlich ist reine Objektivität beim Filmemachen nicht möglich, noch nicht einmal im Genre der Dokumentation, von dem Soderberghs "Che" weit entfernt ist, wiewohl er in seinem ruppigen, kontrastreichen Digitalkamera-Look zuweilen arg dokumentarisch wirken will. Die Wertung, die Soderbergh bei all seiner sorgfältigen Pflege der Ikone Guevara vornimmt, liegt letztlich darin, dem Commandante das Talent zur Revolutionsführerschaft abzusprechen. Mit Castro und Camillo ging es, alleine haute es nicht hin.

Man hat im Verlauf der mehr als zwei Stunden, die der authentisch in spanischer Sprache gedrehte, folglich komplett untertitelte "Guerilla" dauert, allemal genug Zeit, sich über so etwas Gedanken zu machen. Und das ist durchaus eine Qualität, die im engen, stets auf Erlösung zulaufenden dramaturgischen Geflecht konventioneller Filme oftmals auf der Strecke bleibt. Gerade die Strenge, mit der Soderbergh sein Biopic den psychologisierenden Erzählmustern amerikanischer Prägung entzieht, ermöglicht dem Zuschauer überhaupt erst den Raum, sich ein eigenes Bild zu machen.

Revolutionär ist das gerade im Hinblick auf die europäische Kinotradition natürlich nicht, aber dennoch kostete Soderbergh selbst dieser Aufschwung aus dem bequemen Polster kommerzieller Erfolge wie "Ocean's Eleven" viel Mut und langen Atem. Er könne allmählich das Ende seiner Karriere sehen, sagte der 46-Jährige unlängst resigniert dem britischen "Guardian" anlässlich der mangelnden Publikumsresonanz auf seine "Che"-Unternehmung. "Noch ein paar Jahre, dann wird sich außer mir wohl niemand mehr für den Kram interessieren, der mich interessiert. Also habe ich eine Liste mit Dingen, die ich hoffe, noch machen zu können... und wenn das erledigt ist, könnte es sein, dass ich einfach verschwinde."

Sie sind halt manchmal wie die Bolivianer, die Kinogänger: Störrisch und misstrauisch. Doch "Der Kampf geht weiter!", möchte man dem Regie-Guerillero Soderbergh aufrührerisch zurufen: Mehr als 40 Jahre nach seinem Tod verströmt Ernesto "Che" Guevara immer noch den verschwitzten Charme der Revolution, geht dem Mythos einfach nicht die Puste aus. Und so wird man Soderberghs Meditation über Mut, Wahnsinn, Heldentum und den schwierigen Prozess des Geschichtemachens spätestens in der verklärenden Retrospektive zu würdigen wissen.



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