Kinoproduzenten Claussen und Wöbke "Wir brauchen erfolgreiche Filme"

"Jenseits der Stille", "Crazy", "Anatomie", "Was tun, wenn's brennt": Jakob Claussen und Thomas Wöbke sind die derzeit erfolgreichsten Filmproduzenten Deutschlands. Mit SPIEGEL ONLINE sprachen sie über Bauchentscheidungen, Oscar-Träume und die umstrittene Qualität des deutschen Films.

SPIEGEL ONLINE:

Herr Claussen, Herr Wöbke, Sie sind die erfolgreichsten Kinoproduzenten in Deutschland nach Bernd Eichinger. Wollen Sie irgendwann auch einmal so prominent werden wie er?

Thomas Wöbke: Dafür müsste ich wohl erst die richtige Freundin haben! Aber im Ernst: Wir mögen und respektieren Eichinger. Er hat viel für den deutschen Film geleistet. Aber tauschen möchte ich nicht mit ihm. Der Mann hat ja auch schon so manchen Schicksalsschlag hinter sich.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Filme immerhin sind so bekannt, dass für Ihre neuen Produktionen mit Sätzen wie "Von den Produzenten von 'Jenseits der Stille', 'Anatomie' und 'Crazy'" geworben wird. Das ist doch sicher gut fürs Ego?

Wöbke: Ach, Bekannte sagen mir immer wieder, ich würde gar nicht realisieren, was Claussen+Wöbke darstellen, welchen Klang unsere Namen haben. Aber es kann auch nerven, ständig als die jungen Vorzeigeproduzenten gehandelt zu werden. Wir kochen auch nur mit Wasser.

Jakob Claussen: Wir spüren schon, wofür unsere Filme stehen, und versuchen auch, diesem Ruf gerecht zu werden. Aber es wird immer vergessen, dass wir auch unsere Flops hatten. "High Crusade", unsere erste Kinoproduktion, war ein Desaster. Zuletzt sind wir mit "Ein todsicheres Geschäft" gescheitert. Es gibt keine Gerechtigkeit, der Markt ist gnadenlos. Und wir haben oft mehr Glück gehabt, als wir uns erhoffen durften.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Regietalente wie Hans-Christian Schmid und Caroline Link gefördert. Alle Ihre Filme verbindet ein junger, moderner Stil und viel Authentizität. Drücken Sie den Filmemachern Ihren Stempel auf?

Claussen: Wir drehen in erster Linie für das Publikum. Aber die Geschichte muss trotzdem irgendwie noch meine Erlebniswelt streifen. Ich kann nur beurteilen, ob etwas gut ist, wenn ich davon etwas verstehe. Deshalb würde ich es mir nicht zutrauen, ein Zweiter-Weltkrieg-Drama zu produzieren. Letztlich ist aber alles eine reine Bauchentscheidung.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß ist Ihr Einfluss auf die Entstehung eines Films?

Wöbke: Wir überlassen nichts den Zufall. Da wir das Geld, viel Geld, beschaffen, tragen wir auch die Verantwortung dafür, was daraus entsteht.

Claussen: Wir sind beim Casting und bei jeder Drehbuchbesprechung dabei. Das Drehbuch ist dann das Gesetz, nach dem sich alle zu richten haben. Und wir suchen uns sorgfältig einen Regisseur aus. Denn wenn der einem bei den intensiven, mindestens zweijährigen gemeinsamen Arbeit auf den Geist geht, ist das verschenkte Lebenszeit. Thomas kümmert sich außerdem um grafische Dinge wie Vor- und Abspann und ich mich um die Soundtracks. Am Ende arbeiten wir mit unserem langjährigen Cutter am Schnitt und machen Testvorführungen.

SPIEGEL ONLINE: Stehen Sie heute unter stärkerem Erfolgsdruck als vor zehn Jahren?

Wöbke: Absolut. Die Erwartungen an uns sind ja auch gestiegen. Kürzlich habe ich mich in eine Pressevorführung von "Was tun, wenn's brennt?" geschlichen. Ich war erleichtert, dass sich die Anspannung nach 20 Minuten gelockert hatte. Es ist ja keine Filmkunst, sondern eine kommerzielle, humorvolle und emotionale Geschichte. Erfolg macht süchtig. Ständig kreisen die Gedanken darum, ob der Film nach der ersten Woche in den Kinocharts abstürzt oder man noch eine Werbekampagne machen soll.

SPIEGEL ONLINE: Die deutsche Filmbranche feiert momentan seinen hohen Marktanteil im vergangenen Jahr. Aber wenn man die zehn Millionen Zuschauer von "Der Schuh des Manitu" abzieht, bleibt nicht viel übrig.

Claussen: Nimmt man alle amerikanischen Filme zusammen, die in Deutschland anlaufen, haben sie im Schnitt etwa 400.000 Zuschauer. So viel ist das auch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Ist die allgegenwärtige Kritik am deutschen Film also unberechtigt?

Wöbke: Die Deutschen sind ein Volk von Kritisierern. Mir gehen auch viele deutsche Filme am Arsch vorbei. Aber selbst "Ballermann 6" hat seine Berechtigung. Außerdem sollte Kritik nicht beleidigend sein, wie es öfter vorkommt.

SPIEGEL ONLINE: Manchmal kann man sich aber auch gut hinter den bösen Kritiken verstecken. Der Flop von "Marlene" wurde ja auch damit begründet, dass die Presse ihn hingerichtet hätte.

Claussen: "Marlene" hat nicht funktioniert, weil der Film nicht funktioniert. Man kann ja nicht erwarten, dass das Publikum aus Loyalität deutsche Filme guckt. Aber wir brauchen erfolgreiche Filme. Und vor allem brauchen wir weniger Fernsehen und besseres Kino. TV-Produktionen sind auf einem so hohen Niveau, dass sich durchschnittlich budgetierte Kinofilme davon kaum noch unterscheiden.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie Ihre Filme künftig auch im Ausland vermarkten?

Claussen: Bei "Ein todsicheres Geschäft" hatten wir das mit einkalkuliert und auf Englisch gedreht. Aber das ist immer ein Spagat. Zudem hat der Film dabei seine Identität verloren.

Wöbke: Aber wir haben international zurzeit zwei dicke Dinger in petto, so in der Größenordnung von "Der Name der Rose".

SPIEGEL ONLINE: "Jenseits der Stille" war damals für den Oscar nominiert. Was war das für eine Erfahrung?

Wöbke: Der Hammer. Man muss Vorführungen organisieren und wichtige Leute pudern und hat plötzlich 20 Berater an seiner Seite, die einem alle verschiedene Tipps geben, wie man ganz sicher den Oscar gewinnt. Und wenn du Al Pacino auf dem WC triffst oder auf einer Party Winona Ryder und Matt Damon beim Knutschen siehst, erscheint das völlig unwirklich.

SPIEGEL ONLINE: Können die Deutschen mal wieder einen Oscar gewinnen?

Wöbke: Eichinger hat ja die Rechte an "Das Parfüm" gekauft. Das ist sein Traum vom Oscar.

Das Interview führte Oliver Hüttmann