Kinorückblick 2010 Knilche, Henker, Sexarbeiter

4. Teil: "Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt": Zwischen allen Genrestühlen


Szene aus "Scott Pilgrim" (mit Michael Cera, Mary Elizabeth Winstead): Große Gefühlsoper
Universal Pictures

Szene aus "Scott Pilgrim" (mit Michael Cera, Mary Elizabeth Winstead): Große Gefühlsoper

Bevor einige ungläubig den Kopf schütteln: Ja, "Scott Pilgrim vs. the World" lief tatsächlich in unseren Kinos. Indes fand das hiesige Verleihmarketing wohl keine rechte Zielgruppe für die Verfilmung von Bryan Lee O'Malleys unkonventioneller Comic-Reihe: Zu wenig entspricht die Geschichte vom kanadischen Slacker Scott Pilgrim, der in Toronto um die Liebe des rätselhaften "Ninja Delivery Girl" Ramona V. Flowers kämpfen muss, den üblichen Regeln der Teenie-Romanze. Ebenso laut und bunt wie hintersinnig und versponnen, setzt sich der Film von Regisseur Edgar Wright ("Shaun of the Dead", "Hot Fuzz") stattdessen mit voller Wucht zwischen alle Genrestühle. Und was nicht ins Raster passt, wird halt gerne unbemerkt von der Öffentlichkeit abgewickelt.

Wer sich aber Ende Oktober in den letzten Saal des Vorstadtmultiplexes wagte, erlebte eine der schönsten Überraschungen des Filmjahres. Wenn Scott etwa in der Manier eines Old-School-Computerspiels nacheinander gegen die sieben Ex-Beziehungen Ramonas antritt, dann stehen diese irrwitzigen Sequenzen für eine der besten, weil ungehemmtesten Umsetzungen von Comic-Ästhetik im Kino. Edgar Wright und Co-Autor Michael Bacall haben genau begriffen, dass sie nicht nur eine Handlung, sondern auch O'Malleys ureigenen Erzählgestus vermitteln müssen.

So ist der Film nicht nur die Anhäufung fulminanter, visueller Ideen, eine verspielte Ode an die Stadt Toronto und ihre Musik- und Künstlerszene oder die clevere Reminiszenz an die Hochzeit von Manga und Nintendo: "Scott Pilgrim" ist eine große Gefühlsoper im scheppernden Garagensound, die mehr über Liebe, Freundschaft und die Widrigkeiten des Lebens zu sagen hat als viele vermeintlich erwachsene Melodramen. Und für seine beschwingten Lektionen in Sachen Herzensbildung hat Scott ein Extraleben verdient - weit über seinen kurzen Aufenthalt im Kino hinaus. David Kleingers

insgesamt 3 Beiträge
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Jemand03 28.12.2010
1. Meine Kinofavoriten 2010
Lourdes Mr. Nobody Toy Story 3 The Social Network Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt Carlos - Der Schakal (Langfassung) Liefen fast alle unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Selbst "Toy Story 3" war hierzulande meines Wissens nicht unbedingt der Überhammer, kommerziell gesehen. Dafür rennen alle in "Twilight" oder Sondermüll wie "The Blind Side" bekommt nen Oscar!
Foul Breitner 28.12.2010
2. Traurig
Carlos hätte mich interessiert und nun scheint er spurlos verschwunden zu sein. Ich habe A serious man und Whatever works gesehen. Die haben mir auch gut gefallen.
kim_t 30.12.2010
3. Bedways
Yep. Toller Film. Habe ich letztes Jahr auf der Berlinale in der Perspektive deutsches Kino gesehen. Berlin. Sex. Musik. Alles dabei, was ein guter intelligenter Film haben kann, muss, soll. Der wird weiterhin für Diskussion sorgen. Mein Tipp für 2011 ist "Unter dir die Stadt" mit meiner Lieblingsschauspielerin Nicolette Krebitz!
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