Kinorückblick 2010 Knilche, Henker, Sexarbeiter

Der eine schmeißt beruflich Leute raus, der andere gründet Facebook - Soziopathen sind sie beide; mal werkeln die Helden hart an der eigenen Sexualität, mal träumen sie von der Liebe. Die Filmkritiker von SPIEGEL ONLINE präsentieren ihre Kinofavoriten 2010.

"Fish Tank": Sozialdrama mit Sog

Katie Jarvis als Mia in "Fish Tank": Schicksalsträchtige Entscheidungen

Katie Jarvis als Mia in "Fish Tank": Schicksalsträchtige Entscheidungen

Foto: Kool

Normalerweise gewinnen Sozialdramen ihre Dichte aus der Unausweichlichkeit der Verhältnisse. Bei Andrea Arnolds "Fish Tank" sind es hingegen die Wendungen und Ambivalenzen, die dem Film seine Wucht verleihen. Hauptfigur Mia (Katie Jarvis) ist eine 15-Jährige, die in einem Sozialbau wohnt, von der Schule geflogen ist und Probleme hat, ihre Aggressivität zu beherrschen. Nichts davon legt aber ihr Verhalten fest. Im Verlauf der 123 Filmminuten steht Mia immer wieder vor schicksalsträchtigen Entscheidungen, die ihr selbst oder anderen schweren Schaden zufügen könnten. Soll sie sich als Tänzerin versuchen? Soll sie dem neuen Freund ihrer Mutter trauen? Soll sie sich um die Aufnahme in einer neuen Schule bemühen?

Manchmal entscheidet sie sich richtig, manchmal falsch. Mit jeder Entscheidung werden auch die Sympathien der Zuschauer neu gelenkt - mal nah an Mia heran, mal weit weg von ihr. Arnold schafft damit einen unvergleichlichen Sog: Immer wieder muss man sich mit Mia auseinandersetzen und für sich selbst entscheiden, wie viel Schuld sie an den gefährlichen Situationen hat, in denen sie sich wiederfindet. Selten hat einen eine Filmfigur so gefordert.

Uneindeutigkeit filmisch produktiv werden zu lassen, gelingt Arnold paradoxerweise durch ihre komplette Kontrolle über Plot und Figuren. Katie Jarvis hatte zuvor noch nie geschauspielert, alle Darsteller bekamen das von Arnold verfasste Drehbuch nur gestückelt und kurz vor den jeweiligen Szenen zu lesen. So hatten die Schauspieler keine Gelegenheit, ihre Rollen komplett zu durchdringen und auszuformulieren. Sie bleiben roh und lassen dadurch die Brüche so glaubhaft erscheinen.

Neben Jarvis brilliert dabei vor allem Michael Fassbender ("Hunger", "Inglourious Basterds"). Er spielt den neuen Freund der Mutter, an dem nichts so sexy ist, wie seine Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Für die emotional vernachlässigte Mia macht ihn das so attraktiv, dass es für sie wieder gefährlich wird. Und schon steht die nächste Entscheidung an. Hannah Pilarczyk

"The Social Network": Im Netz ein König, im Leben ein Knilch

Szene aus "The Social Network" (mit Rooney Mara, Jesse Eisenberg): Sieg der Nerd-Kultur

Szene aus "The Social Network" (mit Rooney Mara, Jesse Eisenberg): Sieg der Nerd-Kultur

Foto: Sony Pictures

Man kann über das vergangene Jahr im Mainstream-Kino eines mit Gewissheit sagen: Wenn die Action nicht aus dem Computer kam oder dem Zuschauer in 3D um die Ohren flog und die Handlung nicht mindestens in einem Cartoon- oder Fantasyreich spielte, dann rückte der ganz große Erfolg an der Kasse in sehr weite Ferne. Ein Film schaffte es dennoch, diesen Bann zu durchbrechen und sowohl für volle Kinosäle zu sorgen, als auch für jede Menge Gesprächsstoff außerhalb: David Finchers Mark-Zuckerberg-Biopic "The Social Network". Wohl so ziemlich jeder hatte vor dem Filmstart skeptisch die Nase gerümpft und die Frage gestellt, wie man denn um Himmels Willen über etwas so Virtuelles wie die Online-Quasselbude Facebook einen unterhaltsames Kinodrama drehen könne.

Fincher ("Zodiac", "Sieben") gelang dieses Kunststück mit einer cleveren Dramaturgie, die sich ihre Plot-Points aus den Dialogen, Konflikten und aufgeworfenen Fragen der im Film immer wieder abgebildeten Gerichtstermine holt, statt langweilig linear die schattenreiche Erfolgsstory Zuckerbergs abzuspulen. Die wie immer bestechende und gleichzeitig entlarvende Cinematografie von Finchers Stamm-Kameramann Jeff Cronenweth sorgte für spektakuläre Bilder, die fast komplett ohne visuelle Spielereien auskommen - und letztlich füllt ein hervorragendes Darsteller-Ensemble die Geschichte eines Soziopathen, der für seinen Traum vom Internet-Königreich seinen letzten echten Freund verrät, mit Leben und Glaubwürdigkeit.

Jesse Eisenberg ist brillant als hochbegabter, aber zu keiner realen Beziehung fähiger Facebook-Erfinder, Andrew Garfield (aller Wahrscheinlichkeit nach der neue "Spider-Man") begeistert als dessen naiv-fragiler Kumpel Eduardo Savarin. Und Popstar Justin Timberlake gibt lustvoll den mephistophelischen Verführer und Napster-Veteranen Sean Parker. "The Social Network" erzählt vom Sieg der Nerd-Kultur über althergebrachte Geschäftsgebaren und -Normen. Und er hält jener Generation, die den Zeitgeist und die Kultur zurzeit entscheidend prägt, den Spiegel vor: Hinter all den virtuellen, hyperrealen und phantastischen, in 3D animierten Eskapismen verbirgt sich doch nur das alte, armselige Häuflein Mensch. Andreas Borcholte

"Ein Prophet": Innere Schweinehunde, von der Kette gelassen

Gefängnisdrama "Ein Prophet" (mit Tahar Rahim, Niels Arestrup): Antrainierte Haltungen

Gefängnisdrama "Ein Prophet" (mit Tahar Rahim, Niels Arestrup): Antrainierte Haltungen

Foto: Sony Pictures

Jacques Audiards Knastdrama "Un Prophète", das in Cannes ausgezeichnet wurde, den César, den Golden Globe und eine Oscar-Nominierung erhielt, ist eine europäische soziokulturelle Variation des "Es war einmal in Amerika"-Epos, heruntergebrochen auf die tatsächlich prekäre Situation der Gefängnisse in Frankreich. Zudem ist es ein Bildungsroman, der seine Hauptfigur auf eine Reise durch die niedersten Instinkte führt. Und dazu noch eine komplexe Geschichte von Rache und Herrschaft, von der Suche nach einem symbolischen Vater und dessen Zerstörung. Das Bestialische zeigt der Film als Effekt einer nicht nur physisch kasernierten Männergesellschaft, die auf beiden Seiten der Gitterstäbe die inneren Schweinehunde von der Kette lässt.

Die Disziplin und die Unbeirrbarkeit, mit der die Hauptfigur, der wortkarge Malik(Tahar Rahim), das Töten trainiert, verleiht der Gewalt etwas erschütternd Zwangsläufiges. Wie Malik übt, eine Rasierklinge unter der Zunge zu platzieren und mit der Waffe im Mund Unverfängliches zu sprechen, um sie im Moment des Angriffs hervorfletschen zu lassen, das ist ein so starkes und aufreibendes Bild für die Doppelzüngigkeit der staatlich tolerierten Knastbestialität, dass man es sich nicht so schnell aus den Augen reiben kann.

"Ein Prophet" ist ein Film des Zeigens und Beobachtens, der antrainierten Haltungen, der symbolischen Gesten und des unterdrückten Zitterns. Ein Film wie sein Antiheld, abwartend und strategisch. Er lässt uns zusehen, wie Macht entsteht und wie sie wieder zerfällt, sich umverteilt, für neue Opfer, Täter und Dulder sorgt. Und das Bestürzendste daran ist, dass wir irgendwo auf dem Weg zu Maliks Inthronisierung zum neuen Knastherrscher zu seinen Komplizen geworden sind. Birgit Glombitza

"Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt": Zwischen allen Genrestühlen

Szene aus "Scott Pilgrim" (mit Michael Cera, Mary Elizabeth Winstead): Große Gefühlsoper

Szene aus "Scott Pilgrim" (mit Michael Cera, Mary Elizabeth Winstead): Große Gefühlsoper

Foto: Universal Pictures

Bevor einige ungläubig den Kopf schütteln: Ja, "Scott Pilgrim vs. the World" lief tatsächlich in unseren Kinos. Indes fand das hiesige Verleihmarketing wohl keine rechte Zielgruppe für die Verfilmung von Bryan Lee O'Malleys unkonventioneller Comic-Reihe: Zu wenig entspricht die Geschichte vom kanadischen Slacker Scott Pilgrim, der in Toronto um die Liebe des rätselhaften "Ninja Delivery Girl" Ramona V. Flowers kämpfen muss, den üblichen Regeln der Teenie-Romanze. Ebenso laut und bunt wie hintersinnig und versponnen, setzt sich der Film von Regisseur Edgar Wright ("Shaun of the Dead", "Hot Fuzz") stattdessen mit voller Wucht zwischen alle Genrestühle. Und was nicht ins Raster passt, wird halt gerne unbemerkt von der Öffentlichkeit abgewickelt.

Wer sich aber Ende Oktober in den letzten Saal des Vorstadtmultiplexes wagte, erlebte eine der schönsten Überraschungen des Filmjahres. Wenn Scott etwa in der Manier eines Old-School-Computerspiels nacheinander gegen die sieben Ex-Beziehungen Ramonas antritt, dann stehen diese irrwitzigen Sequenzen für eine der besten, weil ungehemmtesten Umsetzungen von Comic-Ästhetik im Kino. Edgar Wright und Co-Autor Michael Bacall haben genau begriffen, dass sie nicht nur eine Handlung, sondern auch O'Malleys ureigenen Erzählgestus vermitteln müssen.

So ist der Film nicht nur die Anhäufung fulminanter, visueller Ideen, eine verspielte Ode an die Stadt Toronto und ihre Musik- und Künstlerszene oder die clevere Reminiszenz an die Hochzeit von Manga und Nintendo: "Scott Pilgrim" ist eine große Gefühlsoper im scheppernden Garagensound, die mehr über Liebe, Freundschaft und die Widrigkeiten des Lebens zu sagen hat als viele vermeintlich erwachsene Melodramen. Und für seine beschwingten Lektionen in Sachen Herzensbildung hat Scott ein Extraleben verdient - weit über seinen kurzen Aufenthalt im Kino hinaus. David Kleingers

"Bedways": Berlin, ick hör dir japsen!

Szene aus "Bedways": Im Bett sind alle Player

Szene aus "Bedways": Im Bett sind alle Player

Foto: Independent Partners Film

Das deutsche Feuilleton einigte sich dieses Jahr auf ein Hassthema: Berlin mit all seinen Spielplatzlobbyisten und Bionade-Spießern. Glaubt man den dazugehörigen Artikeln, interessiert sich der Mensch am Prenzlauer Berg generell für wenig anderes als die Einrichtung immer neuer Kinderwagenstellplätze und die Errichtung immer neuer Ökomärkte. Umso schöner der fast vollkommen unabhängig finanzierte Berliner Film "Bedways", in dem die Charaktere statt an der vorbildlichen biodynamischen Rundumversorgung ihrer Familien ganz egoistisch an der eigenen Sexualität rumwerkeln.

Ja, Sex ist Arbeit, und die hatte man ausgerechnet in Berlin zuletzt ein bisschen schleifen lassen. In RP Kahls Arthouse-Porno aber treiben es die Hauptstädter so ambitioniert, so leistungsbereit, so geisteswissenschaftlich fundiert, dass selbst der Libidologe Foucault, der hier in Zwischentafeln zu Wort kommt, seine Freude hätte. Vom Franzosen stammt auch das Zitat von der "Beute einer ungeheuren Neugier auf Sex", zu der die Figuren werden.

Statt sich den üblichen Rollenmustern zu fügen, versuchen die jungen Menschen hier nämlich in einer Art von cineastischem Selbstversuch, ihre sexuelle Identität zu erkunden: Eine junge Regisseurin probt mit zwei Darstellern für einen Film, in dem sich Spielhandlung und realer Beischlaf vermischen. Die Kamera ist immer dabei - und stört doch gar nicht. Im Gegenteil. Denn gibt es überhaupt so etwas wie eine ungesteuerte Lust, eine nichtinszenierte Erotik? Ob die Kamera nun aus ist oder an - im Bett sind doch alle Beteiligten erst einmal Player. So improvisieren und penetrieren sich die drei Figuren durch ein Hardcore-Drama in Hardcore-Bildern.

"Bedways" ist auf jeden Fall das gewagteste deutsche Filmexperiment und das aufregendste Hauptstadterlebnis 2010. The dark side of the Biomarkt: Berlin, ick hör dir japsen! Christian Buß

"Inception": Überwältigung im Traum

Szene aus "Inception": Hat das alles gerade überhaupt einen Sinn ergeben?

Szene aus "Inception": Hat das alles gerade überhaupt einen Sinn ergeben?

Foto: Warner Bros.

Was für ein Ende: Ein silberner Kreisel tanzt auf dem Tisch und entscheidet über Traum und Realität. Wenn er fällt, erlebt Leonardo DiCaprio im Hintergrund tatsächlich gerade das Happy End eines Vaters, der seine Familie schon verloren hatte. Wenn nicht, dann träumt er nur und ist wahrscheinlich selbst für immer verloren. Eine Ewigkeit scheint die Kamera das kleine, glänzende Ding zu fixieren, es will nicht fallen, ein kurzes Schlingern, es dreht noch, Schnitt.

Wenn der Abspann von "Inception" beginnt, muss man sich kurz selbst ermahnen, wieder Atem zu holen. Regisseur Christopher Nolan hat geschworen, nie zu verraten, ob sich der Kreisel weiterdreht oder nicht, deswegen kann man sich als Zuschauer nun mit den anderen drängenden Fragen dieses Films beschäftigen. Vor allem natürlich: Hat das alles gerade überhaupt einen Sinn ergeben? "Inception" ist Kino, das gnadenlos überwältigt - mit seiner spektakulären Optik aus zusammenklappbaren Großstädten oder schwerkraftlosen Verfolgungsjagden - aber auch mit seiner für Hollywood-Verhältnisse geradezu unfassbar komplexen Struktur: Protagonisten und Zuschauer jagen ständig zwischen diversen Traumebenen und der (möglichen) Realität hin und her und werden mit einer wilden Handlung um das Stehlen und Implementieren von Ideen aus und in anderer Leute Träume konfrontiert.

Es ist wohl unmöglich, beim ersten Anschauen nachzuvollziehen, ob das alles wirklich so logisch ist, wie es scheint. Aber weil immer jemand im Bild steht, der ein paar erklärende und intelligent klingende Worte abgibt, nimmt man es erst mal so hin und lässt sich von den Bildern berauschen. Um beim zweiten Ansehen auch nicht viel schlauer zu sein. Aber glücklich, dass es immer noch lebt, das ganz große Kino. Daniel Sander

"The Messenger": Die Boten der Toten

Heimatfront-Drama "The Messenger" mit Ben Foster, Woody Harrelson: Weine nicht

Heimatfront-Drama "The Messenger" mit Ben Foster, Woody Harrelson: Weine nicht

Foto: Senator Film

Sie kämpfen jeden Tag an einer Front, an der es nur Verluste gibt, obwohl hier nie ein Schuss fällt. Captain Tony Stone (Woody Harrelson) und Sergeant Will Montgomery (Ben Foster) müssen den Angehörigen der US-Soldaten, die im Irak und in Afghanistan gefallen sind, die Todesnachricht überbringen. Keine Schutzweste hilft, um sich gegen die Blicke der erschütterten Menschen zu wappnen, wenn Stone und Montgomery jenen Satz aufsagen müssen, der tiefer einschlägt als jede Kugel.

"Das Verteidigungsministerium bedauert es zutiefst ...", mit dieser Formulierung fängt dieser Satz immer an, und er mündet immer in Fassungslosigkeit und Verzweiflung. Doch jeder der Angehörigen reagiert anders: Der eine schreit seine Wut heraus, der andere bittet die Todesboten in seine Wohnung und bietet ihnen zu trinken an, als wäre nichts geschehen. Und manch einer reagiert so ruhig, dass Stone und Montgomery angesichts der vermeintlichen Gefühllosigkeit schockierter sind als ihr Gegenüber.

"The Messenger" ist ein tief bewegender Film über Trauerarbeit, über den Umgang mit dem Verlust geliebter Menschen. Er spürt den Emotionen seiner Figuren so empfindsam wie unnachgiebig nach. Er besteht fast nur aus Szenen, die pathetisch wirken könnten. Doch dem Regisseur Oren Moverman und seinem Darsteller-Ensemble gelingt es, die Gefühle so lange zu filtern, bis keinerlei Rührseligkeit mehr übrig ist. "Weine nicht!", ruft der Film seinen Zuschauer immer wieder zu. Man schafft es nicht.

Woody Harrelson wurde für die Darstellung des Offiziers Stone, der noch nie im Krieg war, aber zahllose Male durch das Stahlbad menschlicher Verzweiflung gegangen ist, für den Oscar nominiert. Harrelson ist in dem Film brillant, eine absolute Sensation aber ist Ben Foster in der Rolle des Sergeanten Montgomery. Die Genauigkeit und Eindringlichkeit, mit der er einen vom Kriegseinsatz gezeichneten, einfachen und doch zugleich zartfühlenden Mann darstellt, ist ein ganz großes Ereignis. Besser kann man nicht spielen. Lars-Olav Beier

"Up In The Air": Vergesst Gordon Gekko!

George Clooney in "Up In The Air": Immer das gleiche Beileidsgesicht

George Clooney in "Up In The Air": Immer das gleiche Beileidsgesicht

Foto: Paramount Pictures

Vergesst Gordon Gekko, der tausendmal smartere Haifischkapitalist unserer Tage heißt Ryan Bingham. Ganz zu Recht wird das Kinojahr 2010 in die Geschichtsbücher eingehen als das Jahr, in dem gegen Ende "Wall Street II" ganz schrecklich in die Grütze fuhr, zu dessen Anfang aber der Lächelautomat George Clooney sich von der bösesten Seite zeigen durfte. In "Up In The Air" ist der coole George ein eiskalter Henker: der Vielflieger Ryan Bingham. Der Mann jettet mehr als 300 Tage im Jahr durch die Gegend, von Firma zu Firma, um die Drecksarbeit zu erledigen. Bingham überbringt die schlechten Botschaften und tut das, wofür die Chefs der Firmen zu feige sind: Er schmeißt die Leute raus. Dazu drischt er die immer gleichen Phrasen und zeigt das immer gleiche Beileidsgesicht.

"Up in the Air" erzählt nun davon, wie zwei Frauen (gespielt von Vera Farmiga und Anna Kendrick) dem scheinbar supertoughen Bingham, der sein Leben eingerichtet hat wie eine nie benutzte Bulthaupküche, schön langsam die Hölle heiß machen. Die eine grabscht nach seinem Job, die andere schleift ihn am Nasenring durchs Bett. Der Regisseur Jason Reitman, der zuvor so komische Filme wie "Thank You For Smoking" und "Juno" gedreht hat, zeigt in diesem topmodernen Gesellschaftsdrama ein Gegenbild zum stumpfen Überwältigungskrawall des 3-D-Zeitalters: großes amerikanisches Kino mit dezentem Witz, voller Schwung und Eleganz - und ohne schmieriges Happy End. Wolfgang Höbel