Kinostart "Die Frau, die sich traut" Dem Tod von der Schippe kraulen

Ausdauer als Metapher fürs Leben: In Marc Rensings Kinodrama "Die Frau, die sich traut" beschließt eine krebskranke Frau, den Ärmelkanal zu durchschwimmen. Die Schwächen des Drehbuchs gleicht die grandiose Hauptdarstellerin Steffi Kühnert spielend aus.
Von Michael Ranze
Kinostart "Die Frau, die sich traut": Dem Tod von der Schippe kraulen

Kinostart "Die Frau, die sich traut": Dem Tod von der Schippe kraulen

Foto: X-Verleih

Didi Hallervorden hat es als 80-jähriger Marathonläufer in "Sein letztes Rennen" vorgemacht: Sich im Alter noch mal zu beweisen. Sei es, um sich einen Jugendtraum zu erfüllen, um dem Leben eine neue Richtung zu geben oder um ihm kurz vor dem Tod noch Sinn zu verleihen.

Überhaupt hat das internationale Kino, von Hollywood bis Europa, reifere Menschen als Zielgruppe entdeckt. Siehe "Best Exotic Marigold Hotel", siehe"Gloria", siehe "Wolke Neun", siehe "Last Vegas". Und kümmert sich um ihre Belange. Was kann der eigene Körper noch leisten, Willensstärke und intensives Training vorausgesetzt? Gelingt der Neuanfang? Gibt es eine zweite Chance oder bleibt nur das Bedauern? Und wie ist das mit der Liebe im Alter, mit dem Sex?

Zu diesen Filmen gehört auch "Die Frau, die sich traut" von Autor und Regisseur Marc Rensing: Beate (Steffi Kühnert), soeben 50 geworden, ist eine dieser Helikoptermütter, die jeden umkreisen und sich zwanghaft um alles kümmern. Nicht nur, dass sie sich in ihrem Job in einer Großwäscherei aufreibt, nach Feierabend versorgt sie auch noch ihre Enkelin, weil Tochter Rike (Christina Hecke) mitten im Examen steckt. Sohn Alex (Steve Windolf) wohnt, obwohl erwachsen, noch immer bei ihr, und zwar samt Freundin. Und Beates beste Freundin Henni (Jenny Schily) braucht nach jedem ihrer zahlreichen Liebesabenteuer eine geduldige Zuhörerin.

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Kinostart "Die Frau, die sich traut": Dem Tod davonschwimmen

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Beate denkt an sich selbst immer zuletzt. Doch dann die Diagnose: Gebärmutterkrebs. Plötzlich erinnert sich die kranke Frau an ihre Jugend als Leistungsschwimmerin in der DDR - sogar Olympia wäre damals drin gewesen, hätte sie nicht geheiratet. Fortan hat sie nur noch ein Ziel: einmal durch den Ärmelkanal schwimmen. Alles andere wird diesem Vorhaben künftig untergeordnet.

Lebenstraum oder Egotrip?

Marc Rensing ("Parkour") findet für seine Emanzipationsgeschichte einen grausigen Auslöser, nämlich den Krebs, und das ist zunächst einmal irritierend. Ohne den drohenden Tod hätte Beate nie innegehalten, zurückgeblickt und die Schwimmerin in sich selbst wiederentdeckt. Sie will lieber noch einmal etwas leisten, als andere um Hilfe zu bitten. Sie steigt in Badewannen voller Eiswürfel, joggt durch den Wald und schwimmt ins Meer hinaus. Rensing beweist hier einen genauen Blick dafür, was ein Körper leisten kann. Die erworbene Ausdauer ist eben auch eine Metapher für das Leben selbst, bei dem man - genau wie bei einer Kanaldurchquerung - manchmal einfach durchhalten muss.

Dass Beate ihrer Familie die Krankheit verschweigt, ist allerdings eine unglückliche Behauptung des Drehbuchs, gemacht nur für das Kino, denn im "wirklichen Leben" würde man ganz anders miteinander reden. Das führt zwangsläufig dazu, dass Beates plötzliche Obsession der Kanaldurchquerung als sinnloser und exzentrischer Egotrip erscheint, der bei anderen nur Kopfschütteln auslöst. Weniger als ein mutiger Akt, sondern als eine Flucht, um Auseinandersetzungen zu verweigern. Kinder und Freundin reagieren dementsprechend, doch deren Zurückweisungen und Skepsis lässt sie - auch das eine Schwäche des Drehbuches - nur als eindimensionale Egoisten dastehen.

Ohne die überragende Steffi Kühnert in der Hauptrolle wäre "Die Frau, die sich traut" nur Konfektion. Aber Kühnert nimmt ihrer Figur jeden Pathos und macht den unbedingten Willen zur Verwirklichung eines Lebenstraums zu einer verdammt spannenden Angelegenheit. Sie lässt Beate allen Drehbuchwindungen zum Trotz doch noch zu einer glaubwürdigen Figur werden, vor der man einfach Respekt haben muss. 33 Kilometer an einem Stück schwimmen, dem Tod gewissermaßen von der Schippe kraulen - das muss man erst mal nachmachen.


Die Frau, die sich traut. Start: 12. Dezember. Regie: Marc Rensing. Mit Steffi Kühnert, Jenny Schily, Christina Hacke.

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