Kirchenkrimi "Illuminati" Bombige Bekehrung

Da wird der Heilige zum heißen Stuhl: In seiner zweiten Dan-Brown-Verfilmung führt Regisseur Howard seinen Helden mit geballter Pyrotechnik auf den Pfad der Erleuchtung. Der Esoterik-Blockbuster "Illuminati" ist frommer, als es die Bestsellervorlage verdient hätte.

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Am Ende umarmt die Kirche dann doch noch die Wissenschaft: "Sie hat der Himmel geschickt", belobigt der alte Knochen aus dem Vatikan den jungen Forscher.

Und weil der Schauspieler Armin Mueller-Stahl seinen Kardinal Strauss mit dem gleichen autoritären, deutsch gefärbten Röcheln ausgestattet hat, wie man es vom ehemaligen Kardinal Ratzinger kennt, bekommt der Schluss des Esoterikkrawalls "Illuminati" dann tatsächlich eine klerusfreundliche Note: Als hätte der Pontifex hier selbst gesprochen.
Nach dem gigantischen Einspielergebnis von über 750 Millionen Dollar des Vorgängers "Sakrileg" hat sich Regisseur und Produzent Ron Howard einen weiteren Dan-Brown-Schinken vorgeknöpft und nach seinem Gusto umgestaltet.

Die Filmvorlage hält bei allen theologischen Verrenkungen tatsächlich einige Passagen bereit, die auf phantasievolle Weise davon erzählen, wie die Wissenschaft aufs Sonderbarste den Glauben befeuern kann - und umgekehrt. Doch so wie Tom Hanks diesmal den Symbologen Robert Langdon gibt, würde das wahrscheinlich sogar Papst Benedikt XVI. gutheißen.

In der ersten Brown-Adaption war Langdon noch ein gusseiserner Agnostiker, jetzt wird er von Eingebungen heimgesucht. Und was liebt der Katholik mehr als zweifelnde Kopfmenschen, die es mit ein bisschen Weihrauchschwenken und Kerzenscheinflackern auf die übersinnliche Seite zu ziehen gilt - wobei das Kerzenflackern in diesem hundert Millionen Dollar teuren Pfingst-Blockbuster als mittelschwere Pyro-Attacke daherkommt.

Erleuchtung ist nach Hollywood-Gesichtspunkten keine qualitative, sondern eine dekorative Kategorie: Die Platzwunde am Kopf jedenfalls, die Hanks durch zwei Drittel des Films zu tragen hat, leuchtet im gelb-rot-goldenen Kapellenflimmern, das den Feuer- und Blut-gesättigten Vatikanthriller durchzieht, so weihevoll wie ein Wundmal.

Ist der Wissenschaftler vielleicht ohne es zu wissen im göttlichen Auftrag unterwegs? Am Ende wird ihm der Vatikan jedenfalls zum Zeichen des Dankes ein begehrtes Schriftstück aus dem eigenen Archiv überreichen, und so was gibt es nicht umsonst.

Schweigegelübde gegenüber Hollywood

Von solch einer Anerkennung mag auch Regisseur Howard träumen: "Illuminati" wirkt wie ein Friedensangebot an den Kirchenstaat. Nachdem man bei "Sakrileg" feurig zum Boykott aufgerufen hatte, gab sich der Vatikan diesmal unterkühlter. Schweigen, das haben mittlerweile wohl auch die mitteilungsfreudigen Promoter des Heiligen Vaters erkannt, ist manchmal die beste Waffe.

Allerdings hatte man dem Filmteam verboten, im Vatikan zu drehen und auch die Arbeiten in anderen klerikalen Einrichtungen Roms erschwert. Immerhin daraus konnten die "Illuminati"-Produzenten PR-Kapital schlagen, verbreiteten sie doch die Nachricht, man habe eine Truppe Techniker als Touristen verkleidet, um mit leichten Digitalkameras im Gepäck heimlich Aufnahmen vom Petersdom und Petersplatz zu machen: der Gotteskrimi im Guerilla-Stil.

Im fertigen Opus ist von dieser Art symbolischer Piraterie nicht mehr viel zu spüren. Man baute im fernen Hollywood-Studio einfach die wichtigen Gemäuer und Statuen Roms nach, um für Langdon und seine unvermeidliche weibliche Ergänzung (die wunderschöne Ayelet Zurer ersetzte die wunderschöne, aber inzwischen zu teure Audrey Tautou aus "Sakrileg") eine Art Chiffren-Abenteuerspielplatz zum zeichendeuterischen Austoben zu schaffen.

Doch kaum ein Tag bleibt den beiden im Film, um im Vatikan ein kompliziertes Komplott aufzuklären: Irgendjemand hat den Geheimbund der Illuminaten aufleben lassen, jene Vereinigung von Freidenkern, die in den düsteren Jahrhunderten der katholischen Inquisition grausam von der katholischen Kirche unterdrückt wurde. Allerdings geht es hier offenbar weniger um die Prinzipiendiskussion Glaube versus Aufklärung als um Machtspiele innerhalb des Kirchenstaates.

Der Papst wurde bereits heimtückisch vergiftet, und während der Vorbereitung zur Konklave entführt man nun auch noch vier der vielversprechendsten Nachfolgekandidaten. Zudem wurde aus einem Genfer Labor frisch erzeugte Antimaterie entwendet, die nun als Bombe in den unterirdischen Verliesen des Vatikans lagert und um Mitternacht durch einen Zeitzünder den gesamten Gottesstaat auslöschen soll. Der Heilige Stuhl als heißer Stuhl.

Während die Schweizer Garde und andere Vatikaninstanzen nun den beiden Symbologen ihren Kampf gegen die Zeit noch erschweren, finden sie im Kammerdiener des ermordeten Pontifex (Ewan McGregor) einen verdächtig sanften Unterstützer ihrer Sache. Und so macht man sich auf zur Schnitzeljagd zwischen Raphael-Grabeskirchen und Bernini-Engeln, durch Krypten und Kapellen.

Die dauert ermüdende 140 Minuten - und kommt doch kaum ans süffige 700-Seiten-Kuddelmuddel der Bestsellervorlage heran. Wichtige Verstrickungen zwischen Gier und Geist, zwischen Kirche und Verstand werden einfach ausgeklammert.

So zeugte der Papst im Buch in einer Art Selbstversuch ein Kind, als er mit der Idee der unbefleckten Befruchtung experimentierte. Und in der Herstellung von Antimaterie aus ungebundener Energie sieht dieser technikfreudige Kirchenführer glatt den ultimativen Gottesbeweis: So muss Gott die Welt erschaffen haben! Wissenschaft und Glaube werden auf diese Weise im Roman zu einer hochexplosiven Verbindung.

Ron Howard degradiert das Bild der im Teilchenbeschleuniger erzeugten Bombe jedoch zum Erzählgimmick im 007-Stil. So verliert der Religionsschocker jede Sprengkraft; bei aller genrebedingten Zerstörungswut haftet dem von ihm entfachten Feuerwerk am Ende sogar etwas Frömmelndes an.

Für den Vatikan geht von "Illuminati" keine Gefahr aus. Im Gegenteil, zum Abschluss tritt der Kirchenstaat im Film derart gefestigt aus der Krise hervor, dass seine Vertreter eigentlich sagen müssten: Gesegnet sei dieser Blockbuster!



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