Exzentrischer Filmemacher Klaus Lemke ist tot

Er entdeckte Stars auf der Straße wie Cleo Kretschmer, Dolly Dollar oder Iris Berben: Klaus Lemke drehte authentische Spielfilme am Subventionssystem vorbei. Nun ist der Regisseur gestorben. Er wurde 81 Jahre alt.
Klaus Lemke (1940-2022)

Klaus Lemke (1940-2022)

Foto: Chr. Stiefler / babiradpicture / abp

Kaum ein deutscher Filmregisseur war so eigenwillig wie Klaus Lemke. Seine Spielfilme kamen als Milieustudien der Szeneviertel von München oder Hamburg daher – seine Stars hatte er häufig auf den Straßen und in den Lokalen der Städte gefunden. Noch am Mittwochabend strahlte der Bayerische Rundfunk seinen Dokumentarfilm »Champagner für die Augen – Gift für den Rest« aus, in dem Lemke anhand von Ausschnitten aus eigenen Werken auf die Siebzigerjahre zurückblickte. Der dafür beim BR verantwortliche Redakteur bestätigte unter Verweis auf drei namentlich bekannte Weggefährten des Filmemachers, dass Klaus Lemke am Donnerstag im Alter von 81 Jahren gestorben ist. Zuvor hatte dies unter anderem der »Münchner Merkur« vermeldet .

Klaus Lemke hat keine Blockbuster gedreht, aber dass er als »deutsche Regielegende« oder »Kultregisseur« apostrophiert wurde, hat seine Berechtigung. Der 1940 in Landsberg an der Warthe geborene Lemke wuchs in Düsseldorf auf, jobbte in Berlin als Asphaltierer. Ein Studium der Kunstgeschichte und Philosophie brach er ab, arbeitete als Regieassistent und schrieb Filmrezensionen. 1965 entstand sein erster Kurzfilm »Kleine Front«, in die Aufbruchstimmung um den neuen deutschen Film passte sein Langfilmdebüt von 1967, »48 Stunden bis Acapulco«.

In der Folge arbeitete Klaus Lemke hauptsächlich fürs Fernsehen. In »Brandstifter« (1969) ging Lemke, der vorübergehend mit dem linksextremistischen Terroristen Andreas Baader in einer WG gelebt haben soll, den Ursachen von Gewalt im Umfeld der 1968er und der Roten Armee Fraktion nach. Sein in der Hamburger Szene gedrehter Film »Rocker« (1972) fand wegen seiner großen Realitätsnähe besonders viel Beachtung. Ihrer Authentizität wegen ähnlich mit Beifall aufgenommen wurden danach Fernsehfilme wie »Sylvie« (1973) mit dem Topmodel Sylvie Winter und »Teenagerliebe« (1975), in dem sich ein der Jugendstrafanstalt entflohener Arbeiter in ein Mädchen aus gutem Hause verliebt.

Szene aus »Rocker« (1971)

Szene aus »Rocker« (1971)

Foto: ddp

Minimales Budget, große Wirkung

Der eigenwillige Regisseur arbeitete in seinen Filmen meist mit Laiendarstellern, die er auf der Straße und in Lokalen entdeckte, wie etwa in den Siebzigerjahren Dolly Dollar, Cleo Kretschmer und Iris Berben. In dieser Zeit stieg Lemke zum »ungekrönten König von Schwabing« (»Süddeutsche Zeitung«) auf. Mit Filmen wie »Idole« oder »Amore« drehte er Milieukomödien ohne ausgearbeitetes Drehbuch, seinen Darstellern ließ er breiten Raum für Improvisationen.

Szene aus »Finale« (2007) mit Timo Jacobs und Saralisa Volm

Szene aus »Finale« (2007) mit Timo Jacobs und Saralisa Volm

Foto: ddp images / ddp

In den Achtzigerjahren erlebte Klaus Lemke einen Karriereknick mit Verrissen und einem Urteil wegen Drogenbesitzes. Doch in den Neunzigern wurde Lemke von einer jüngeren Generation wiederentdeckt, ohne dass ihm große Kinoerfolge gelungen wären. Mit minimalem Budget und kleinem Team drehte Lemke TV-Filme in Schwabing oder St. Pauli. »Last Minute Jamaika« (2003), eine TV-Komödie mit viel Sex, bot leichte Unterhaltung um zwei Mädchen, die nach Jamaika fahren und sich von den Machos dort nicht den Schneid abkaufen lassen. Eine 2005 gezeigte WDR-Retrospektive mit fünf Lemke-Filmen machte den Filmemacher wieder bekannter. Subventionen lehnte der Regisseur seit Beginn der Neunzigerjahre konsequent ab, da staatliche Filmförderung seiner Meinung nur dazu geführt habe, dass der deutsche Film schon in den Siebzigerjahren auf Klassenfahrt in der Toskana hängen geblieben sei.

Lemke beim Filmfest München im Juni 2022

Lemke beim Filmfest München im Juni 2022

Foto: Felix Hörhager / dpa

2010 erhielt Lemke für seine TV-Komödie »Schmutziger Süden«, wiederum eine Münchner Milieustudie, den Münchner Filmpreis. In seiner Laudatio sagte Regiekollege Dominik Graf, »dass Lemke einen enormen unterirdischen Einfluss auf das Kino der letzten Jahrzehnte hat«. Beim Filmfest München hatte am 24. Juni »Champagner für die Augen – Gift für den Rest« Weltpremiere. Lemke war in einer Fragestunde nach der Vorführung etwas wackelig auf den Beinen und sprach von einem kürzlichen Bruch, wie das Branchenportal »Blickpunkt:Film« berichtet ; er habe aber die Show danach mit Anekdoten und Sprüchen schnell wieder an sich gerissen.

feb
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