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Kinospaß "Knives Out" Mord im Dünkel

Jeder Star ist verdächtig: Die Kriminal- und Sittenkomödie "Knives Out" überzeugt mit schneidendem Witz, messerscharfer Moral und einem vergnügt aufspielenden Starensemble - unser Film der Woche.

Die Leiche kommt nicht erst zum Dessert, sondern schon zum Frühstück: Am Morgen nach seinem 85. Geburtstag wird der berühmte Krimiautor Harlan Thrombey (Christopher Plummer) tot in seinem Haus aufgefunden. Da das Ableben des Schriftstellers augenscheinlich keine natürliche Ursache hatte, nehmen Lieutenant Eliott (Lakeith Stanfield) und Trooper Wagner (Noah Segan) die Ermittlungen auf.

Doch nicht nur die Polizei findet sich auf dem Anwesen ein, sondern auch Privatdetektiv Benoit Blanc (Daniel Craig). Von einem anonymen Auftraggeber engagiert, soll er ebenfalls die Umstände von Thrombeys Tod aufklären. Keine kleine Herausforderung, denn mit den Angehörigen und Angestellten Thrombeys präsentiert sich ein großer Kreis an Tatverdächtigen.

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"Knives Out": Bis ans Messer und drüber hinaus

Foto: Universum

Nur wenige Minuten braucht "Knives Out - Mord ist Familiensache", um diese klassische Ausgangssituation zu etablieren. Doch die sofortige Vertrautheit des Szenarios ist so heimelig wie trügerisch, denn Autor und Regisseur Rian Johnson hat das Erzählprinzip des Whodunit gründlich entstaubt und überrascht im Verlauf des Films mit gleich mehreren unerwarteten Wendungen.

Die dürfen hier selbstverständlich nicht verraten werden, nur so viel: Johnson erfindet das Spiel nicht neu - dafür mag er es offenkundig auch viel zu sehr -, aber er legt die Regeln erfrischend neu aus. Und auch wenn der Plot seines Krimis hochkonstruiert ist, so entfaltet er sich doch mit müheloser Eleganz und bleibt selbst in den wahnwitzigsten Momenten der Tätersuche plausibel.

Vor allem aber macht es einfach Mordsspaß, der flott dahinschnurrenden Handlung zu folgen. Das ist nicht zuletzt ein Verdienst der herausragenden Besetzung, die den prächtig ausgestatteten Tatort mit Leben füllt. Dabei tut es Johnson den Agatha-Christie-Adaptionen alter Schule wie "Mord im Orientexpress" (1974) oder "Tod auf dem Nil" (1978), bei denen man als Teenager vorm Fernseher miträtselte oder auch mal selig einschlief, zumindest in einem Punkt gleich - denn auch er setzt auf ein Starensemble.

Selbiges wirft sich mit Vergnügen in die pointiert gezeichneten Rollen: Jamie Lee Curtis etwa spielt Thrombeys selbstbewusste Tochter Linda Drysdale, Don Johnson ihren konservativen Ehemann Richard und Chris Evans den gemeinsamen Sohn Ransom, der den gehobenen Müßiggang pflegt. Michael Shannon verkörpert derweil Walt Thrombey, der für seinen erfolgreichen Vater die Verlagsgeschäfte führte und mit der von Riki Lindholme gespielten Donna verheiratet ist.


"Knives Out"
USA 2019
Buch und Regie:
Rian Johnson
Darsteller: Daniel Craig, Chris Evans, Ana de Armas, Lakeith Stanfield, Toni Collette, Don Johnson, Jamie Lee Curtis, Michael Shannon
Produktion: Lionsgate et al.
Verleih: Universum
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 130 Minuten
Start: 2. Januar 2020


Auch sie haben einen Sohn, Jacob (Jaeden Martell, bekannt aus der "Es"-Verfilmung), der sich als anämischer Alt-Right-Giftzwerg vornehmlich online artikuliert. Die Verwandtschaft verzweigt sich weiter mit Toni Collette als Joni Thrombey, der esoterikbegeisterten Witwe von Thrombeys anderem Sohn, und ihrer freigeistigen Tochter Meg (Katherine Langford). Und so schweigsam wie steinalt komplettiert Oma Thrombey (K Callan) die Familienaufstellung.

Als (durchaus dramatisches) Personal hinzu kommen die Haushälterin Fran (Edi Patterson) sowie Thrombeys persönliche Pflegerin Marta, die aus einer südamerikanischen Einwandererfamilie stammt. Ana de Armas ("Blade Runner 2049") spielt die bescheidene Krankenschwester derart einnehmend, dass diese gleich wieder suspekt erscheint. Was natürlich ganz im Sinne eines Plots ist, der clever darauf baut, dass hier wirklich jede Figur unter Verdacht steht. An möglichen Mördern mit Motiv mangelt es demnach nicht, weshalb Daniel Craigs Detektiv Blanc beweisen muss, dass sich hinter seinem flamboyanten Charme und dem breiten Südstaatenakzent tatsächlich ein brillanter Verstand verbirgt.

Erneut zeigt sich Rian Johnson ("Looper", "Die letzten Jedi") als einer der besten Autorenfilmer im Genrekino, wenn er die fintenreiche Spurensuche zu den Geheimnissen der Beteiligten vordringen lässt und dabei allerhand Verrat, Missgunst und Dünkel ans Licht bringt. Johnsons Sezierung des amerikanischen Oberschichtsmilieus gerät ebenso bitterböse wie amüsant, etwa wenn die Thrombeys Martas Herkunft immer wieder neu auf der Weltkarte verorten (Bolivien? Ecuador?) oder Figuren mit Blick auf das Erbe des Toten jedwede Contenance verlieren.

Im Video: Der Trailer zu "Knives Out"

Universum Film

Das macht "Knives Out" nicht nur zu einem vortrefflichen Krimi, sondern auch zu einer sehr gegenwärtigen Sittenkomödie über Privilegien, Klasse und die Bereitschaft, für den eigenen Wohlstand sinnbildlich oder auch tatsächlich über Leichen zu gehen. Und das moralische Urteil, das der Film dazu fällt, ist messerscharf.

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