Komödie "Bad Moms 2" Wild Christmas

Gegen Weihnachtstress und Perfektionsterror hilft auch in der Fortsetzung von "Bad Moms" nur eins: sich richtig daneben zu benehmen. Mit sechs hervorragenden Komödiantinnen wird das zu einem Fest der Entgrenzung.


Dass das Weihnachtsfest in die Hose zu gehen droht, ist ein Sujet, das mit jährlicher Frequenz und in glatteisiger Komödienform die winterlichen Kinostartwochen mitprägt. Dass es letztlich aber nie in die Hose geht, auch.

In "Bad Moms", dem Überraschungshit von 2016, hatten Amy (Mila Kunis), Carla (Kathryn Hahn) und Kiki (Kristen Bell) erfolgreich gegen faschistoide Mütternormen aufbegehrt. Statt sich an Elternbeiratssitzungen zu beteiligen, die wie Reichsparteitage organisiert waren, um sich gegen den Getreidegehalt von an Schulen ausgegebener Teigware aufhetzen zu lassen, hatten sich die drei revoltierenden Mütter lieber volllaufen lassen und Cornflakes schleudernd in einem Supermarkt randaliert. Am Ende bewiesen sie aber, dass Mamas, die sich danebenbenehmen, immer noch besser sind als die sogenannten Helikopter-Mütter.

In "Bad Moms 2" steht nun ein größerer Konflikt ins Haus als die Demokratisierung des Elternbeirats, nämlich das Weihnachtsfest. Und mit ihm, siehe oben, die Möglichkeit, dass das Ganze in die Hose geht. Das wird zumindest ein wenig wahrscheinlicher dadurch, dass nicht nur die drei Mütter wieder kurz vor dem Durchdrehen sind (Weihnachtsbaum! Geschenke! Deko!), sondern auch die Mütter der Mütter. Genau die reisen nämlich allesamt und uneingeladen zur heiligen Zeit an und bringen darüber hinaus ihre eigenen und ziemlich eigenwilligen Vorstellungen, Ansprüche und Neurosen mit.

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"Bad Moms 2": Mütter gegen Großmütter

Kikis Mama (Cheryl Hines) etwa stellt nahezu strafrechtlich relevante Besitzansprüche an das Leben ihres Kindes und freut sich darauf, ab sofort jede einzelne Sekunde in dessen Nähe zu sein. Derweil zieht Amys Mutter nerzbemäntelt (Christine Baranski, "The Good Wife") wie eine Feldherrin ins Tochterhaus ein, nur um dieses bald bis an den Rand der Einsturzgefahr mit winterlicher Dekoration zu überfrachten. Gleichzeitig erkauft sie sich die Gunst und Liebe ihrer Enkel, indem sie sie adventskalendarisch jeden Tag mit einem anderen Apple-Produkt beschenkt.

Bei Carlas Mutter (Susan Sarandon) sieht die Sache anders aus, die kommt nämlich weniger wegen der Feiertage angetrampt, sondern hauptsächlich deshalb, weil sie als Glücksspiel-Pechvogel mal wieder ein töchterliches Darlehen gebrauchen könnte. Es ist klar, dass man sich bei solch derart ausuferndem Implosionspotenzial zwischen solchen Müttern, die zugleich Ehefrauen und Töchter sind, mit solchen Müttern, die zugleich Schwieger- und Großmütter sind, Weihnachten so gut wie abschminken kann.

Lebkuchen in Penisform

Die spannende Frage bei diesem lauthalsigen Mütter-Sextett ist aber natürlich nicht, ob sie es am Ende schaffen, sich in einen einheitlichen, christfestlichen Rhythmus einzugrooven, sondern die, wie sie es trotz allem schaffen. Es geht ja auch ganz generell, das betraf Teil 1 schon, nicht darum, das Bestehende zu verändern, sondern darum, sich innerhalb des Bestehenden danebenbenehmen zu dürfen - und das heißt nichts anderes, als Neurosen zuzulassen.


"Bad Moms 2"
Originaltitel: "A Bad Moms Christmas"
USA, China 2017

Drehbuch und Regie: Jon Lucas, Scott Moore
Darsteller: Mila Kunis, Kristen Bell, Kathryn Hahn, Susan Sarandon, Christine Baranski, Cheryl Hines
Produktion: Huayi Brothers Media, STX Entertainment
Verleih: Tobis Film
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 104 Minuten
Start: 9. November 2017


Für das Regieduo Jon Lucas und Scott Moore liegt in dieser Prämisse vor allem das Versprechen, den Körper zu entgrenzen, Störungen im Mutter-Kind-Verhältnis ins maßlos Karikatureske zu brechen. Ob es nun Amy ist, die beim Trampolin-Völkerball und in gedehnter Zeitlupe ihre bis in den Lidstrich hinein großbürgerlich zurechtgeschminkte Mutter per Ball abknallt, oder die oral fixierte Carla, die einmal zu einem Zungenkuss ansetzt, wo eigentlich nur ein flüchtiges Abschiedsküsschen auf die Wange gefragt ist - immer sind es unverhältnismäßige, teils groteske, teils clowneske körperliche Ausdrucksgesten.

Überhaupt zeigt sich dieses beinahe wahnhafte Interesse - aber ebenso auch sehr gute Inszenierungsgespür - von Scott und Moore für solche Entgrenzungen am besten daran, wie sie Kathryn Hahns Mund in Szene setzen. In der Mütterbackstube formt sie Lebkuchen in Penisform und züngelt sie an; im Waxingstudio, wo sie arbeitet, begrüßt sie die entblößten Hoden eines besonders üppig ausgestatteten Kunden mit einer abenteuerlich-lippenschürzenden Schnute. Beides macht Hahn schlicht großartig.

Kein Bedarf für die Unfortschrittlicheitskeule

Toll ist aber auch die sich schlagartig verfinsternde, massenmordfantasierende Augenpartie von Mila Kunis, wenn sie durch ihr von Mutter Ruth für eine grässliche Champagnerparty belagertes Wohnzimmer stapft. Noch toller allerdings der beherrschte Schritt von Ruth selbst, die wie ein Mischwesen aus der Königin der Nacht und dem Grinch vor die nachbarschaftlichen Haustüren tritt, um dort die trällernd-frohe Weihnachtskunde zu überbringen.

"Bad Moms 2" ist im Grunde ein Kombinatorikspiel. Im ersten Teil ging es noch darum, den steifen Mütterparteitag in eine wilde, weißweinfeuchte Stampfpop-Party umzukonfigurieren. Die Fortsetzung dreht sich nun darum, so lange mit den Verhältnissen zwischen diesen sechs eigensinnigen und widerstrebenden Frauen und ihren Körperlichkeiten zu experimentieren, bis sich so etwas wie Harmonie ergibt.

Weihnachten ist dabei nichts anderes als das Synonym für eben diese Harmonie. Es ist das, was sich ergibt, wenn man lange genug dreht. Wenn am Ende wieder ein gewohnt-intaktes Familienbild im gemütlichen und einigermaßen dezenten Jahreszeitenkitsch aufblüht und alle gemeinsam Junkfood kauend an der Feiertagstafel hocken, dann sollte man deshalb auch nicht gleich die Unfortschrittlicheitskeule schwingen. Das wäre ja so, als hätte man tatsächlich geglaubt, Weihnachten könnte in die Hose gehen. Und überhaupt: Was hat man denn davon, sich das zu wünschen?

Im Video: Der Trailer zu "Bad Moms 2"



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