Komödie "Ich reise allein" Party machen? Papa sein!

Ein längst vergessener One-Night-Stand beschert einem 25-jährigen Hipster unerwartete Vaterfreuden. In dem norwegischen Komödienhit "Ich reise allein" sind die Verwicklungen vorhersehbar - trotzdem ist ein origineller Film mit viel Herz entstanden.

Neue Visionen

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In Jarles Leben läuft es bombig, bombiger geht schon gar nicht mehr. Seine Tage verbringt er an der Universität damit, Literaturwissenschaft zu studieren, sein Professor verehrt sein Talent, für eine große Zeitung soll er einen Artikel über Marcel Proust schreiben. Die Nächte sind noch besser: viel Party, Alkohol und Sex. Was man eben so tut, wenn man 25 Jahre alt ist und wenig Sorgen hat. Es ist 1997, sein Leben wird von ihm selbst diktiert, nicht von Handy oder Facebook. Er hat lustige Freunde, eine lockere Beziehung mit einer tollen Frau, eine prächtige Altbauwohnung im norwegischen Bergen. Und dann, auf einmal, hat er noch etwas. Eine Tochter.

Nicht so bombig. Jarle (Rolf Kristian Larsen) hatte keine Ahnung, dass es die kleine Lotte überhaupt gibt, nur die dunkle Erinnerung an einen versoffenen, kondomlosen One-Night-Stand vor über sieben Jahren mit einer gewissen Anette, die aus seinem Leben verschwunden war, sobald sie das Bett verlassen hatte. Bis sie ihm einen Brief schreibt: Du hast eine Tochter, und die kommt jetzt eine Woche lang zu Dir, denn ich brauche Urlaub. Hoppla.

Jeder kann sich vorstellen, was nun im Groben passieren wird: unangenehmes erstes Treffen von Papa und Tochter am Flughafen - sie schlechtgelaunt, weil sie von der Mutter abgeschoben wurde, er schlechtgelaunt, weil spießige Vaterpflichten nicht ins freigeistige Selbstbild passen. Fremdeln, erste Annäherungen, wieder Fremdeln. Er lädt sie bei der Nachbarin ab und geht feiern. Streit mit der Freundin. Die Großmutter kommt vorbei und macht Vorwürfe. Der Freundeskreis ist vom kleinen Mädchen viel begeisterter als der Vater. Mädchen reißt aus, weil es sich vernachlässigt fühlt. Vaterherz erweicht langsam. Die Mutter taucht unerwartet auf. Geburtstagsparty mit rührendem Finale.

Unglaubwürdige Idee, glaubwürdiger Film

Natürlich würde keine Mutter auf der Welt ihr Kind zu einem mehr oder weniger Wildfremden schicken, ohne vorher wenigstens mal kurz anzurufen. So etwas passiert nur im Film. Aber wozu bräuchte man das Kino sonst? Und eins der zahlreichen erfreulichen Dinge an Stian Kristiansens Komödie "Ich reise allein" ist, dass aus einer komplett unglaubwürdigen Idee ein glaubwürdiger Film wird.

Denn Regisseur Kristiansen macht es sich nicht so leicht, wie es das vorhersehbare Handlungsgerüst erwarten ließe. Umsponnen von all den lustigen Verwicklungen stehen im Herzen des Films ein sehr trauriges Mädchen, das sich ungeliebt fühlt und nicht weiß wohin, und ein verunsicherter junger Mann, der nicht in der Lage ist, das zu sein, was er sein soll. Jarle wird nicht zum besseren Menschen, es wird ihm nur bewusst, dass er versuchen könnte, einer zu sein. Auf Lotte (beeindruckend souverän gespielt von Amina Eleonora Bergrem) wartet keine sorglose Zukunft in heilem Familienglück, nur die Aussicht auf ein bisschen mehr Zuneigung. Am Ende bleibt die Hoffnung, dass alles gut wird mit den beiden, aber auch die Gewissheit, wie leicht es wieder zerbrechen kann.

"Ich reise allein" ist ein entspannter, locker erzählter Film mit viel Herz und ohne einfache Lösungen. Eine Komödie, der es so geht wie ihrer kleinen Heldin: Keiner hat auf sie gewartet, aber wenn man sie erst kennt, hat man sie auch lieb.

Ich reise allein. Start: 29.12. Regie: Stian Kristianen. Mit Rolf Kristian Larsen, Amina Eleonora Bergrem, Ingrid Bolsø Berdal.



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