Kriegsdrama "Im Tal von Elah" Bildersturm des Grauens

Das Militär als Staat im Staat, das Mobiltelefon als Wahrheitsbringer: Mit seinem Heimkehrerdrama legt Paul Haggis einen elegischen und doch hochmodernen Antikriegsfilm vor, der Amerika im Krieg mit sich selbst zeigt.

Mit der modernen Kriegsberichterstattung ist das so eine Sache. In Kampfverbände eingebettete Journalisten und Powerpoint-Präsentationen im Pressezelt führen nicht unbedingt dazu, dass man sich optimal informiert fühlt. Aufklärung kommt da von unerwarteter Seite. Seit den Folterbildern von Abu Ghureib fungiert der gemeine GI als eine Art Handyreporter, der mit seinen pervertierten Erinnerungsschnappschüssen die strenge Informationsdramaturgie der Propaganda-Abteilung unterwandert.



Aber was sehen wir genau, wenn wir in das grob gepixelte Bildmaterial starren, das massenhaft aus den Kriegsgebieten dieser Welt gespült wird? Der pensionierte Soldat Hank Deerfield (Tommy Lee Jones) jedenfalls muss die wenigen bewegten Bilder, die er im beschädigten Handy seines aus dem Irak zurückgekehrten Sohnes gefunden hat, immer wieder vor und zurücklaufen lassen, bevor er Sinn ins digitale Durcheinander bringen kann. Er sieht verbrannte Leichen und lachende Gesichter, abgerissene Hände und krakeelende Soldaten. Wie soll das zusammengehen?

Mit "Im Tal von Elah" hat Regisseur Paul Haggis den wohl wichtigsten, auf jeden Fall modernsten US-Kriegsfilm seit Beginn des dritten Golf-Kriegs gedreht. Er musste dazu nicht mal die Landesgrenzen hinter sich lassen.

Um die Auflösung sämtlicher moralischer Maßstäbe in Szene zu setzen und der Tatsache gerecht zu werden, dass der Krieg der Gegenwart auch längst über Bilder geführt wird, reichen ihm ein paar brüchige Sequenzen, die im Mobiltelefon gespeichert sind. Der Horror kommt aus dem Handy.

Dass ausgerechnet Deerfield senior die Aufgabe des gnadenlosen Medienanalysten zukommt, ist eine kluge Pointe: Der alte Herr ist alles andere als ein Anti-Militarist. Er kämpfte voller Überzeugung in Vietnam, hielt das Sternenbanner stets in Ehre. Und selbst, dass im ersten Irak-Krieg bereits sein älterer Sohn getötet wurde, ließ ihn nicht an Amerikas Kriegsmission zweifeln.

Doch nun ist auch Deerfields jüngerer Spross tot. Nicht im Irak kam er ums Leben, sondern in Fort Rudd in New Mexiko, wo er nach seiner Heimkehr vom Golf mit der Truppe stationiert war. So erzählt "Im Tal von Elah" vor allem vom Krieg in den USA selbst – einem Land, wo sich die Zivilgesellschaft und der militärische Komplex inzwischen wie zwei feindliche Parteien gegenüberstehen.

Kein Land für ehrenwerte Männer

Der Film bringt diesen Antagonismus in einer Szene nüchtern auf den Punkt: Nachdem am Rande einer Straße Teile der verkohlten Leiche des Deerfield-Jungen gefunden wurden, tauchen auf einmal Soldaten in ihren Jeeps auf, verweisen die Polizei des Geländes und übernehmen die Ermittlungen. Denn das Land hinter der Straße wurde gerade vom Militär erworben, Zivilbehörden haben hier keine Befugnisse. Man hält den Mord unter Verschluss.

Überhaupt scheint Fort Rudd komplett in den Händen der kämpfenden Truppe und des angeschlossenen Unterhaltungsgewerbes zu sein. Ein Staat im Staat. Der Ort ist eine lose Ansammlung von Hähnchengrillbuden und Striplokalen, von Spielhallen und Oben-Ohne-Bars. Das Militär sorgt mithin nicht nur für eine neue Weltordnung – es ordnet genauso die Topographie Amerikas neu.

Kameramann Roger Deakins findet für die veränderten Grenzziehungen ganz eigene Bilder. Im ebenfalls von ihm fotografierten Neo-Western "No Country For Old Men" präsentierte er den Süden der USA noch in Tableaus mit enormer Tiefenschärfe, hier nun zeigt er die Landnahme des militärischen Komplexes in grobkörnigen und graustichigen Bildern. Amerika ist unübersichtlich geworden.

Immerhin muss sich der trauernde Vater nicht alleine durchs Zwielicht schlagen. Zur Seite gestellt wird ihm von Regisseur und Autor Haggis eine Polizistin (Charlize Theron), die zwischen den Macho-Kollegen auf ihrem Revier ebenso fehl am Platz scheint wie der bibelfeste Veteran Deerfield zwischen den Nachwuchsmanagern des militärisch-industriellen Komplexes.

Wie schon in seinem Oscar-gekrönten Großstadtmelodram "L.A. Crash” weitet Paul Haggis sein Kriegsheimkehrerdrama ins Panaroma. Es geht um Sexismus, Rassismus und andere große Themen, gelegentlich wirkt im "Tal von Elah" deshalb ein bisschen überladen. Am besten ist der Film, wenn er ganz beim patriotischen Vater bleibt, dem bei seiner peniblen Recherche die seelischen Verwüstungen und ethischen Verwerfungen bewusst werden, die der so genannte Krieg gegen den Terror in den jungen Soldaten hinterlassen hat.

Es ist nicht verwunderlich, dass das US-Kino in Zeiten großer Erschütterungen den Western wiederentdeckt, jenes Ur-Genre, in dem der Gründermythos beschworen wird. Und es ist ebenso wenig verwunderlich, dass Tommy Lee Jones in so vielen dieser Neo-Western auftaucht. Bildet dieser aufrechte alte Knochen doch den Prototyp des Einzelgängers, der nicht von seinen Idealen abrückt, auch wenn sich die Welt gegen ihn verschworen hat.

Bei "Im Tal von Elah" sieht man ihn nun beim Schuheputzen, beim Beten, beim höflichen, aber bestimmten Nachhaken. Seine Haltung ist so tadellos wie sein Hemd, das er sich noch im Waschcenter halbnass über den Körper streift, damit es keine Falten wirft. Sein Deerfield ist ein wandelnder Anachronismus, der an die Väter in den guten alten Bürgerkriegswestern erinnern, die ihre Söhne gegen alle Widerstände beim Militärdienst rausboxen.

In den Filmen von ehedem holt der Alte den Jungen meist heil auf den heimischen Hof zurück, auf dass dieser das Land neu bestelle. In Haggis' hochaktueller Westernvariation kann dem Militär nur noch mit aller Mühe eine verkohlte Leiche abgerungen werden.